Sabi Uskhi mit Eisenbahn-Reiner
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Sabi Uskhi vom Verein „Street Angel“ mit Eisenbahn-Reiner

Eisenbahn Reiner

Frankfurt: Sabi Uskhi hilft Bedürftigen in Frankfurts Straßen

  • VonSabine Schramek
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In Frankfurt gibt es viele Obdachlose und Bedürftige. Sabi Uskhi vom Verein „Street Angel e.V.“ hilft ihnen und hat eine klare Meinung zum Umgang mit „Eisenbahn Reiner“.

Frankfurt – Seit 23 Jahren hilft Sabi Uskhi Odachlosen und anderen Hilfsbedürftigen in Frankfurt. Vor sieben Jahren gründete er den Verein „Street Angel e.V.“ Täglich sind er und viele ehrenamtliche Helfer unterwegs, um Essen, Getränke, Kleidung und Hygieneartikel zu verteilen. Jeden Sonntag geben sie frisch gekochtes warmes Essen für 300 Personen im Bahnhofsviertel aus. Auch Eisenbahn-Reiner, der seit 2004 mit seinem Spielzeug auf der Neuen Kräme sitzt, kennt Uskhi von Anfang an.

Er hatte dem gelernten Gärtner, der obdachlos wurde, im September 2016 sogar eigenhändig eine elektrische Mini-Eisenbahn im Koffer gebaut und seinen Bollerwagen, nachdem damals das Ordnungsamt sein gesamtes Hab und Gut zunächst konfisziert hatte. Anfang Oktober wird Uskhi für seinen Einsatz an Bedürftigen und Obdachlosen und damit dem Land Hessen und seiner Bevölkerung offiziell mit dem „Hessischen Verdienstorden am Bande“ gewürdigt.

Reiner Schaad alias Eisenbahn-Reiner ist in Frankfurts Straßen für seine Spielzeugeisenbahn bekannt.
Was sagen Sie zu dem Versuch, Reiner Schaad alias Eisenbahn-Reiner, erneut zu vertreiben?
Sabi Uskhi: „Ich finde es traurig. Gefühlt alle zwei Jahre gibt es Probleme. Reiner tut keiner Fliege etwas zuleide und jeden Tag freuen sich unzählige Kinder, die sich seine Spielzeuge anschauen. Er bettelt nicht, ist nicht laut, wäscht sich regelmäßig, sammelt seinen Müll auf und wirft ihn in die Tonne. Er hat eine Genehmigung, lebenslang auf seinem markierten Platz zu bleiben. Reiner will auf der Straße leben. Er hat sich bewusst für das Leben auf der Straße entschieden. Oft habe ich ihm Hilfe angeboten, eine Unterkunft zu finden. Immer wieder hat er abgelehnt und mich gebeten „ihn bitte auf der Straße leben zu lassen“. Das muss ich respektieren. Wenn ich vorbei komme und ihn frage, ob er etwas braucht, sagt er meistens „nein“. Dennoch bringe ich ihm regelmäßig Batterien und unterhalte mich mit ihm. Früher habe ich ihm oft geholfen. Da brauchte er es dringend. Mit Essen, Schlafsack, Isomatte, Getränken und Dingen für den täglichen Bedarf. Als er 2016 vertrieben werden sollte, habe ich ihm eine transportable elektrische Eisenbahn in einen Koffer gebaut – mit dem Taunus, Kühen, Häusern und Menschen in der Landschaft. Dazu habe ich ihm auch seinen Bollerwagen gebaut, damit er seine Sachen leichter transportieren kann. Das hat ihn sehr gefreut. Er ist ruhig und bescheiden und kommt mit dem, was Fußgänger ihm geben, zurecht. „Gib es lieber denen, die noch weniger haben als ich“, sagt er dann.“
Es wird bemängelt, dass Eisenbahn-Reiner andere Obdachlose anzieht. Beobachten Sie das auch?
Sabi Uskhi: „In der ganzen Stadt sind Obdachlose und Bedürftige unterwegs. Ja, es kommen auch welche zu Reiner, weil er sehr gutmütig ist und das Herz am richtigen Fleck hat. Er bezahlt ihnen sogar manchmal etwas zu Essen und zu trinken, von den Spenden, die er von Fußgängern bekommt, die seine bunten Schätze bewundern. Reiner ist ein Obdachloser, der anderen Menschen in Not sogar noch hilft. Einige der Bedürftigen, die sich in seiner Nähe aufhalten, sind labil und psychisch krank. Sie zu vertreiben würde ihre Not eher verschlechtern, als verbessern. Sie brauchen dringend richtige Therapieangebote und nicht nur kurzfristige Hilfe. Seit Corona hat sich die Situation verschärft. Wir beobachten bei unseren Verteilungen in der Stadt und bei der Essensausgabe im Bahnhofsviertel, dass etwa sieben Prozent mehr Obdachlose auf der Straße leben und etwa 20 Prozent mehr wirklich Hilfsbedürftige Menschen unterwegs sind. Mittlerweile verteilen wir regelmäßig 300 Portionen Essen aus unserem Food Truck. Vor Corona waren es 250.“
Wie schaffen Sie es, so lange so vielen Menschen zu helfen?
Sabi Uskhi: „Wir sind ein großes Team, die alle ehrenamtlich dabei sind und Gutes tun wollen. Mittlerweile haben wir viele Helfer wie Restaurants, die das Essen vorbereiten und vegetarisch für die Bedürftigen kochen, Firmen und Geschäfte, die uns Lebensmittel, Kleidung, Hygienemittel und Schlafsäcke spenden und jede Menge Frankfurter, die ebenfalls sofort zur Hilfe sind, wenn wir etwas brauchen. In der Woche bin ich etwa 20 Stunden unterwegs, um dort zu helfen, wo andere wegsehen. Das ist anstrengend, aber es gibt dem Leben Sinn. Wenn ich müde oder erschöpft bin, gehe ich zum Beispiel ins Karmeliterkloster und zünde Kerzen für Verstorbene an. Der Gedanke an sie gibt mir Kraft. Oder ich gehe in den Dom. Dort gibt es einen Raum voller Stille. Dort erhole ich mich, lasse mich fallen und nach einer halben Stunde Stille geht es mir wieder gut.“
Was raten Sie Menschen, die Obdachlose sehen?
Sabi Uskhi: „Hinsehen. Mit ihnen sprechen. Jeder von ihnen trägt ein schweres Päckchen. Viele haben schlimme Dinge erlebt, bevor sie auf der Straße gelandet sind. Oft helfen schon freundliche Worte, Empathie und Aufmerksamkeit, damit sie sich wieder ein bisschen mehr als Mensch zu fühlen. Und um Kraft zu sammeln und Vertauen, um wieder zurück ins Leben zu finden. Die Zeiten sind rau und auch immer mehr Senioren sind auf Hilfe von Mitbürgern angewiesen. Am besten wäre es, rechtzeitig hinzusehen, bevor Menschen auf der Straße landen. Dazu genügen regelmäßige Gespräche mit Nachbarn. Wenn man rechtzeitig mitbekommt, dass die Menschen in Not sind, kann man ihnen helfen, ihre Probleme zu lösen. Selbst oder durch Hilfsangebote.“ (Sabine Schramek)

Der Verein „Street Angel e.V.“ ist auch während der Corona-Pandemie immer für die Hilfsbedürftigen da gewesen.

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