Geschäftsmann Gregor Meyer in der Schweizer Straße: Hinter ihm schiebt sich der abendliche Stau langsam voran, der seit der Mainkai-Sperrung enorm zugenommen hat. Foto: Michael Faust

Interview

Gregor Meyer zur Mainkai-Sperrung: "Wir wollen ein intelligentes Konzept"

Gregor Meyer, Inhaber des Feinkost-Caterers Meyer in Frankfurt,  spricht im Interview über die Schweizer Straße und den Dauer-Stau seit der Mainkai-Sperrung. 

Gregor Meyer (48) ist Inhaber des Feinkost-Caterers Meyer mit Stammhaus an der Schweizer Straße. Der zweite Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße hat in einem offenen Brief gemahnt, dass die Sperrung des Mainufers nicht nur den Sachsenhäusern, sondern der ganzen Stadt schadet. Redakteurin Stefanie Wehr hat mit ihm gesprochen.

Herr Meyer, Sie haben einen offenen Brief an den stellv. Vorsitzenden des Verkehrsausschusses, Eugen Emmerling, und die Mitglieder des Ausschusses geschrieben. Was hat Sie dazu veranlasst?

Ich war bei der Bürgeranhörung des Verkehrsausschusses. Viele Gewerbetreibende und engagierte Menschen aus allen Stadtteilen brachten Sorgen, Nöte und konkrete Ideen vor. Aber von den Politikern kamen keine Antworten. Dort herrschte eine reine Blockadehaltung. Das hat mich geärgert. Herr Oesterling sagte, er können keinen Stau erkennen, der über die normale Belastung der Straßen in Sachsenhausen hinausgeht und ist auf nichts eingegangen, was die Bürger gesagt haben.

Wie haben Sie das als Bürger empfunden?

Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Schlimm fand ich, dass Vertreter von Bürgerinitiativen persönlich angegriffen wurden. Ich habe mir von den Politikern ein deutlich höheres Niveau erwartet.

Sind Sie selbst in der Bürgerinitiative "Sachsenhausen wehrt sich" aktiv?

Ja. Ich bin als Bürger und als Vertreter der Aktionsgemeinschaft Schweizer Straße Mitglied. Die BI wehrt sich gegen eine Verkehrsplanung, die man schlechter nicht machen könnte, als sie aktuell ist. Was der Vertreter der BI im Ausschuss vorgetragen hat, fand ich sehr genau und sehr konkret. Das, was die Stadtverordneten geantwortet haben, war hingegen persönlich beleidigend, abwertend und ohne in der Sache konkret zu werden. Man hätte die Diskussion mitschneiden und sich das noch einmal anhören müssen: Die Botschaft des Abends wäre klar zu erkennen gewesen.

Die wäre?

Dass die eigentliche Sache, um die es geht, ins Lächerliche gezogen wird. Die Argumente der Bürger werden so lange mittels persönli-

cher Beleidigungen wegdiskutiert, bis nichts Konkretes mehr übrig bleibt. Das ist schlimm. Ich hab mich persönlich angegriffen gefühlt, in meiner Verbundenheit zu Sachsenhausen und zu Frankfurt. Mein ganzes Leben dreht sich um Sachsenhausen, ich bin hier auf der Schweizer Straße aufgewachsen.

Man hört derzeit oft, die Sachsenhäuser sollen sich nicht so anstellen, denn jetzt erleben sie, wie es überall sonst in der Stadt zugeht im Berufsverkehr.

Ich sehe keinen Unterschied zwischen Hibbdebach und Dribbdebach. Sogar Bürger aus anderen Stadtteilen haben eine Lanze für Sachsenhausen gebrochen. Es geht nicht nur um den Verkehr, der in die südlichen Stadtteile gedrängt wird, sondern es geht um eine moderne Verkehrspolitik für die gesamte Stadt.

Wie könnte diese konkret aussehen? Was wünschen sich die Sachsenhäuser Bürger?

Ich möchte als Bürger und als Vertreter der AGS eine intelligente Verkehrspolitik. Man hatte nicht das Gefühl, dass Intelligenz hinter der Sperrung steckt, sondern der Pragmatismus einer Koalitionsvereinbarung. Alle Politiker, Klaus Oesterling allen voran, sollten so schlau sein, Fehler zuzugeben, und zu sagen: Man kann die Sperrung aufheben und das Konzept analysieren, um es später neu einzuführen, moderner und attraktiver. Dies würde eine politische Größe zeigen!

Der Versuch der Mainkai-Sperrung soll also abgebrochen werden?

Wir appellieren dafür sehr. Nicht weil wir einen Dickkopf haben, sondern weil wir finden, man muss die Dinge analysieren, um sie zu optimieren. Wenn Herr Oesterling sagt, er sieht keinen Stau, dann lade ich ihn dazu ein, dass wir zusammen einen ganzen Tag auf der Schweizer Straße verbringen, und nicht nur zu den Zeiten am späten Vormittag, wenn wenig Stau zu sehen ist, weil die fleißigen Bürger Frankfurts arbeiten. Sondern morgens, wenn Leute in die Stadt rein fahren und spätnachmittags und abends wieder raus.

Wie macht sich der zusätzliche Verkehr in Ihrem persönlichen Umfeld bemerkbar?

Meine Frau, meine drei Kinder und ich sind teils per Auto, teils per Fahrrad oder zu Fuß in Sachsenhausen unterwegs. Seit dem Tag der Sperrung sind der Stau und die Gefahren im Verkehr sehr gestiegen. Auch wir fahren gerne Fahrrad, haben aber große Sorge, die Kleinen (5 Jahre) ohne Schaden in den Kindergarten in der Gartenstraße zu bringen. Ein fünfjähriges Kind auf einem 18-Zoll-Fahrrad ist für einen Sattel-Lastzug unmöglich auf der Straße zu erkennen.

Welche Auswirkungen sehen Sie als Unternehmer und Inhaber eines Frankfurter Familienunternehmens?

Frankfurt ist ein attraktiver Marktplatz und bietet viele Chancen. Wenn aber die Rahmenbedingungen, und dazu zähle ich die Infrastruktur und den Verkehr, schwieriger werden, dann überlegt man sich, ob man expandieren soll. Als Beispiel: Wir haben neun Lieferfahrzeuge für die Belieferung der Filialen und fürs Catering. Wir haben grob ausgerechnet, dass wir seit der Sperrung rund zwölf Prozent mehr für Sprit ausgeben. Unsere Fahrer suchen aktiv Umwege, um die Schweizer Straße zu umgehen. Das ist ja das, was Herr Oesterling möchte: Autofahrer sollen alternative Wege durch Nebenstraßen und Wohnstraßen suchen.

Das Umwegefahren mit höheren Kosten wird sich auch nicht ändern, weil der Betrieb ja weiterläuft.

Definitiv. Die Blockadetaktik soll ja dahin führen, dass weniger Leute Auto fahren. Doch das Gegenteil ist der Fall, sie stauen sich und verursachen mehr CO2. Für uns kommt der Verzicht aufs Auto oder der Umstieg auf Elektroantrieb nicht in Frage, den gibt es nicht für Lkw.

Bleiben wir bei der Schweizer Straße. Was müsste hier gemacht werden?

Die Schweizer Straße ist von der Stadt in den letzten 20 Jahren vernachlässigt worden. Ich finde, es wird Zeit, dass wir uns um die Straße kümmern und sie baulich nachrüsten, die Wegeführung überdenken. Etwa eine wechselnde einspurige Verkehrsführung, vormittags in Richtung Stadt, nachmittags im umgekehrten Verlauf aus der Stadt raus, mit sicheren Fahrradwegen und ordentlich Platz auf den Bürgersteigen. Auch die Straßenbahn ist sehr wichtig für die Straße. Aber eine Sperrung oder Fußgängerzone kann es nicht sein. Meiner Meinung nach ist Ko-Existenz gefragt. Flanieren, Fahrradfahren, Dienst- und Privatverkehr.

Das klingt nach dem Entwurf, den der Architekt Michael Landes kürzlich vorgebracht hat: Die Schweizer als Einbahnstraße mit der Straßenbahn in der Mitte und einem Radweg in beide Richtungen. Wäre das in Ihrem Sinne?

Herr Landes hat einen wichtigen Vorschlag eingebracht. Das begrüßen wir sehr, denn wir möchten einen Konzeptwettbewerb, damit darüber nachgedacht wird, wie man es nachhaltig schaffen kann, die Schweizer Straße als Besonderheit in Frankfurt darzustellen. Das schaffen wir mit einer urbanen Gestaltung, die lässig und anders ist. Die Beleuchtung muss verbessert werden und die Pflege der Bäume, die teilweise so groß sind, dass man Angst hat, dass sie umfallen.

Wohin mit den Autos?

Die Frage ist, ob es langfristig in Sachsenhausen eine Fläche gibt, wo man ein neues Parkhaus bauen kann. Das in der Walter-Kolb-Straße ist zu Stoßzeiten überfüllt, es ist zu klein. Das wäre wichtig für die Straße, wenn sie verkehrsberuhigter werden soll.

Autofahren muss weiterhin auf der Schweizer möglich sein?

Unbedingt. In der Morgensternstraße gab es vor den Bauarbeiten an der Schillerschule viele Parkplätze mit einer sogenannten Brötchentaste. Das heißt, man konnte zehn Minuten umsonst parken und schnell etwas erledigen. Das wurde aber abgeschafft. Das möchten wir unbedingt zurückhaben. Wir wollen tagsüber keine Dauerparker auf der Schweizer. Die Schweizer ist ein zartes Gebilde, da muss man dran arbeiten. Wir sprechen auch Unternehmer gezielt an, auf die Schweizer zu kommen. Da gibt es viele Bedenken. Wir wollen als Gewerbeverein helfen, damit sich ein Angebot etabliert, dass es nur hier gibt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare