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Nach der FNP-Berichterstattung reagiert die Awo in Frankfurt intern auf die  Kritik an einer kostenintensiven Israel-Tour.

Kritik an Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt 

Bei Awo-Reise nach Israel ging es um „medizinische Anwendung von Cannabis“

Was sind die Folgen aus elf Tagen Tel Aviv? Nach der FNP-Berichterstattung reagiert die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt intern auf die Kritik an einer personal- und kostenintensiven Israel-Tour.

Frankfurt – Rund 20 Mitarbeiter und ehrenamtliche Funktionäre der Awo-Kreisverbände Frankfurt und Wiesbaden sind im Oktober 2016 nach Israel geflogen. Elf Tage waren sie dort unterwegs. Die Kosten von mindestens 35 000 Euro wurden zum Großteil aus der Vereinskasse des SPD-nahen Sozialverbands gezahlt. Mit Renate Wolter-Brandecker und Myrella Dorn stehen auch zwei sozialdemokratische Stadtverordnete auf der Teilnehmerliste. Zweck und Inhalt dieser Reise blieben bisher unklar. Denn auf schriftliche Anfragen unserer Zeitung reagierten zunächst weder die beiden Lokalpolitikerinnen noch die Arbeiterwohlfahrt. Doch vereinsintern lösten diese Anfragen offenbar Unruhe aus.

Frankfurt: Awo wollte Infos für Medizin-Projekt sammeln

In einem Brief an die Mitglieder des ehrenamtlichen Präsidiums und die Vorsitzenden der Awo-Ortsvereine warnte die Führung des Kreisverbands Frankfurt kurz darauf vor "einer erneuten Attacke" unserer Zeitung - und erklärte ausführlich, was es mit der Delegationsreise 2016 auf sich hatte. Es sei dabei unter anderem "um die medizinische Anwendung von Cannabis, insbesondere in der Altenpflege und bei Demenz" gegangen. "Von den vielfältigen Erkenntnissen dieser Reise haben wir insgesamt profitieren können. Über die fachlichen Ergebnisse dieser Reise konnte bereits mehrfach, unter anderem im Sozialausschuss der Stadtverordnetenversammlung, berichtet werden", wird den ehrenamtlichen Awo-Funktionären erklärt. "Wir bereiten ein Pilotprojekt zur Cannabisverwendung in unseren Pflegezentren vor, nachdem inzwischen die gesetzlichen Voraussetzungen auch in Deutschland geschaffen worden sind." Weiter heißt es in dem Rundschreiben, das dieser Zeitung vorliegt: "Das umfangreiche Programm, das in der Regel am frühen Morgen begann und erst spät Abends endete, ließ kaum Freizeit und auch kulturell-touristische Eindrücke waren nur selten möglich. Die wohl insinuierte Lustreise ist insofern besonders absurd."

Frankfurt: Awo-Vertreter besuchen Flüchtlinge 

Nachdem unsere Zeitung über die Israel-Reise berichtet hatte, reagierte Renate Wolter-Brandecker doch noch auf unsere Anfrage. Die stellvertretende Stadtverordnetenvorsteherin und Vorsitzende des Sozialausschusses stellte klar, dass sie nicht als SPD-Kommunalpolitikerin, sondern als Mitglied des ehrenamtlichen Awo-Vorstandes daran teilgenommen habe. Ihr Lebensgefährte, der ebenfalls mit nach Tel Aviv geflogen ist, habe im Auftrag der Awo fotografiert.

Myrella Dorn, die zweite SPD-Stadtverordnete auf der Teilnehmerliste der Awo-Reise, arbeitet hauptamtlich bei der Arbeiterwohlfahrt. 2015 wurde sie eigenen Angaben zufolge beim Kreisverband Frankfurt als "Werkstudentin in der Flüchtlingshilfe" angestellt. Inzwischen leitet sie dort die Jugend-Abteilung. 

Frankfurt: OB Peter Feldmann war in Awo-Reise eingeweiht

Auf die Frage, was ihr dabei Erkenntnisse zu Cannabis in der Altenpflege nutzen, antwortete sie schriftlich: "Neben diesen Bereichen haben wir uns auch die dortige Jugend-, Behinderten- und Geflüchtetenarbeit angeschaut, als ein Beispiel sei hier die Unterkunft für schutzsuchende Äthiopier zu nennen." Laut Awo-Rundschreiben war Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) in die Reise eingeweiht. "Dem Vizebürgermeister von Tel Aviv konnten wir ein Präsent und die Grüße des Oberbürgermeisters überbringen", heißt es.

Der Brief schließt mit einem kämpferischen Appell zur Geschlossenheit: "Wir müssen, angesichts dieser Angriffe, fest zusammenstehen und diese solidarisch und entschieden zurückweisen. Wir werden diesem Angriff durch Transparenz und sachliche Aufklärung begegnen und gerade im Jubiläumsjahr unseres Verbandes, für die Reputation unserer Arbeiterwohlfahrt kämpfen. Gemeinsam werden wir allem gewachsen sein!"

Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) wusste bereits im Februar 2018 von möglichen finanziellen Unregelmäßigkeiten bei den Flüchtlingsheimen der Arbeiterwohlfahrt (Awo). 

Von Daniel Gräber

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