Der Balkon ist kein Wohlfühlort mehr für Sanderein T. (links) und Renate A. 	Foto: Enrico Sauda
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Der Balkon ist kein Wohlfühlort mehr für Sanderein T. (links) und Renate A. Foto: Enrico Sauda

Frankfurter Berg

Bahn-Ausbau raubt Anwohnern den Schlaf: „Ich bin schwerhörig und höre das trotzdem“

  • vonAnna Grösch
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In Frankfurt wird die Strecke der S-Bahnlinie S6 ausgebaut. Viele Anwohner sind davon genervt, denn sie leiden unter dem nächtlichen Baulärm.

  • In Frankfurt laufen Bauarbeiten an den Gleisen der S-Bahnlinie nach Bad Vilbel
  • Viele Anwohner der umliegenden Stadtteile sind gestresst vom S6-Ausbau
  • Die Frankfurter beklagen nächtlichen Lärm, Staub und eine schlechtere ÖPNV-Anbindung

Frankfurt – Die drei Rentnerinnen aus dem Hochhaus am Frankfurter Berg sind mit den Nerven am Ende. "Ich habe in der Nacht von Freitag auf Samstag kein Auge zugetan", sagt Renate A., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Zu laut war der Baulärm am Wochenende, der von der Bahnschiene einige Hundert Meter entfernt in ihr Schlafzimmer schallte. "Ich bin schwerhörig und höre das trotzdem", pflichtet ihr Anette F. entrüstet bei. Auch ein anderer Leser vom Frankfurter Berg hat sich an uns gewandt. Er erzählt, dass er seit Wochen am Wochenende nicht schlafen könne. Bis morgens um 4 dröhnten die Presslufthammer.

Frankfurt: Ausbau der S6 läuft auch nachts: “Morgens um vier Uhr wird angefangen zu bauen“

Für den Ärger sorgt der Ausbau der Main-Weser-Bahn, der den Menschen am Frankfurter Berg den Schlaf raubt. Und nicht nur dort, auch aus Ginnheim hat sich eine Leserin gemeldet. Sie wohnt in der Woogstraße, quasi direkt an der Unterführung zum Ginnheimer Wäldchen, und hat uns Videos von den nächtlichen Bauarbeiten geschickt. Flutlichtstrahler, Schläge auf Metall, schwere Maschinen. Viergleisig soll die Bahnstrecke werden, die S6 bekommt eigene Gleise.

"Morgens um vier Uhr wird angefangen zu bauen", erzählt Sanderein T., die am Frankfurter Berg in einem der Hochhäuser wohnt. "Wenn das Wetter schön ist, und ich habe ein Fenster auf, ist Schlafen undenkbar." Unter der Woche höre sie in ihrer Wohnung im achten Stock acht bis zehn Stunden lang den Presslufthammer, Staub und Dreck komme durchs Fenster. Die letzten drei Wochenenden sei jede Nacht gearbeitet worden. "Die Zustände sind einfach unmöglich", sagt Sanderein T. Ihre Nachbarin Renate A. pflichtet ihr bei. "Ich wohne hier seit 24 Jahren. Aber was in den letzten Jahren hier passiert, ist unmöglich." Erst Krach durch Renovierungsarbeiten, nun die Baustelle an den Gleisen.

Frankfurt: S-Bahn-Haltestelle während Bauarbeiten gesperrt

Und noch ein anderes Problem treibt die Frauen um. "Wir können nicht mehr mit der S-Bahn fahren." Die Unterführung ist gesperrt, zu den Gleisen an der Haltestelle Frankfurter Berg muss man eine lange Treppe hoch und dann wieder runtergehen. Es gibt keinen barrierefreien Zugang. Renate A. hat einen Rollator, Sanderein T. ist gehbehindert. Wie lange das alles so weitergehen soll, wissen sie nicht. Informationen haben sie keine bekommen. Laut einem Bahnsprecher wurden "Anwohner in der Regel vorab über Wurfsendungen in ihren Briefkästen über die anstehenden Arbeiten informiert." Keine der drei Rentnerinnen hat so ein Schreiben bekommen.

Frankfurt: Ortsvorsteher kritisiert Bahn für ihre Kommunikation

Ortsvorsteher Robert Lange (CDU) ist mit der Kommunikation der Bahn nicht zufrieden. "Die Art und Weise ist grenzwertig. Ich habe um einen barrierefreien Übergang gebeten, und im Gespräch wurde auch gesagt, dass das verstanden wurde." Nachtarbeit sei zwar nicht immer zu verhindern, aber manche Experten sagen, dass manche Lieferwege auch anders zu bewältigen seien. "Es tut mir Leid, dass ich das nicht verhindern kann", sagt Lange. Vom Verkehrsdezernat ist wohl keine Hilfe zu erwarten. Die Aussagen von dort würden eher nach "Resignation" klingen.

Die Anwohner am Frankfurter Berg fühlen sich im Stich gelassen, besonders ärgert Sanderein T., dass sie niemals über die geplanten Maßnahmen informiert wurde. "Da hätte man sich wenigstens mal respektiert gefühlt." Von der Bahn heißt es, dass "bis Ende der Maßnahmen mit Baustellenlärm zu rechnen sei, allerdings nicht durchgehend". Die neuen Gleise der S6 sollen 2023 in Betrieb genommen werden. Uns liegt das Schreiben der Bahn vor, dass bei den Rentnerinnen nicht angekommen ist. Darin heißt es, Tag- und Nachtarbeiten seien vom 3. Juli bis 14. August vorgesehen. Man sei bemüht, die Störungen so gering wie möglich zu halten. Und bittet um Entschuldigung. (Von Anna Grösch)

Warten macht den wenigsten Fahrgästen Spaß, besonders wenn im Berufsverkehr die Zeit knapp wird. Im Rhein-Main-Gebiet sind Pendler mehr als in den meisten anderen Städten von S-Bahn-Verspätungen betroffen.

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