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Schüler machen Klassenfahrt mit der AIDA Bella. 

Interview

Schulleitung rechtfertigt AIDA-Kreuzfahrt der Schulkasse - "Die Fahrt geht mit einem der saubersten Schiffe"

Die Schüler eines Sachsenhäuser Gymnasiums fahren auf eine Kreuzfahrt. Das hat für viel Kritik gesorgt. Die Schulleitung rechtfertigt die Klassenfahrt. 

Frankfurt - Über die Schulleitung des Sachsenhäuser Gymnasiums ist ein regelrechter „Shitstorm“ hereingebrochen, nachdem die Kreuzfahrt des Matheleistungskurses publik wurde. Das Medienecho ist immens. Aber wie denken diejenigen darüber, die die Entscheidung zu verantworten haben? Redakteurin Stefanie Wehr hat mit Schulleiter Hans-Ulrich Wyneken und Studienleiter Michael Winn gesprochen.

Eine Kreuzfahrt als Klassenfahrt – in Zeiten der Klimadebatte, ist das wirklich eine gute Idee?

HANS-ULRICH WYNEKEN: Die Fahrt geht mit einem der saubersten Schiffe, der Aida Bella. Es fährt mit schwefelarmem Diesel, und das Schiff schaltet im Hafen den Motor aus, weil es einen Landstromanschluss hat. Das geht nur in Oslo und in Kopenhagen, unseren beiden Reisezielen von Kiel aus. Die CO2-Bilanz ist also viel besser, als wenn wir beispielsweise mit der Fähre gefahren wären – die fährt mit Schweröl und ist teurer. Es gibt übrigens 32 Klassenfahrten in diesem Jahr – davon eine Reise nach London mit Bus und Fähre und einen Schüleraustausch nach Toronto.

Was kostet die Reise?

WYNEKEN: 390 Euro mit allem inklusive, also der Anreise mit dem Zug nach Kiel und Vollverpflegung auf dem Schiff. Amsterdam und Prag sind beide mit 420 und 450 Euro teurer. Der günstige Preis kommt dadurch zustande, dass wir Vierer-Kabinen gebucht haben. Die sind günstiger als Zweier- oder Einzelkabinen.

Gespräch mit dem Umweltoffizier der AIDA Bella – Werden Erkenntnissen veröffentlicht?

Was ist auf dem Schiff während der Reise geplant?

MICHAEL WINN: Wir verbringen einen Tag tagsüber auf See, während der Fahrt von Kiel nach Oslo. Es geht abends los, wir verbringen die Nacht auf dem Schiff und haben dann den nächsten Tag auf See. Es ist eine Schiffsrallye geplant, also mit Fragen rund ums Schiff, auch umweltbezogene, und wir haben einen Termin mit dem Umweltoffizier.

Mit dem Umweltoffizier?

WINN: Ja. Aida und Mein Schiff sind die einzigen Kreuzfahrt-Veranstalter, die einen Offizier haben, der für Umweltbelange zuständig ist. Der hat drei Sterne, kommt also direkt nach dem Kapitän. Mit dem setzen wir uns zusammen. Wir haben einen Fragenkatalog vorbereitet mit kritischen Fragen. Das ist eigentlich unsere Absicht: Wir wollen damit dem Veranstalter gegenüber klarmachen: „Wenn ihr diese Generation als zukünftige Kreuzfahrer haben wollt, dann sagen wir: Ihr macht schon was, aber nicht genug. Es muss noch mehr kommen.“ Wir hätten diese Möglichkeit des Gesprächs auch ignorieren können. Aber wir haben uns entschlossen, das Angebot anzunehmen und die zu unterstützen, die in die richtige Richtung gehen. Da sehe ich nichts Verwerfliches dran.

Was geschieht dann mit dem Ergebnis?

WINN: Wir werden Aida direkt Feedback geben, darauf reagieren die auch. Wir haben noch nicht besprochen, was wir zusätzlich machen, vielleicht werden wir unsere Erkenntnisse auch veröffentlichen. Das ist noch offen.

Abwechslungsreiches Programm während der Kreuzfahrt: Munch-Museum, Oper, Holmenkollen

Ist das der pädagogische Anspruch an die Fahrt, der Aida Fragen zu stellen?

WINN: Auch, aber nicht nur. Es ist eine Studienfahrt. Wir haben sicherlich nicht nur den Anspruch, uns um die Umwelt zu kümmern. Wir haben den Anspruch, unseren Schüler kulturelle und wissenschaftliche Dinge vor Ort zu präsentieren und dass die Schüler ihre Erfahrungen sammeln.

Was sind das für Lernorte, die Sie besuchen?

WINN: In Oslo besuchen wir einen Skulpturenpark, der fünf Schülerinnen, die Kunst als Leistungskurs haben, interessiert. Wenn schlechtes Wetter ist, gehen wir ins Munch-Museum. Wir gehen zur Oper, das ist für Architekturinteressierte ein einmaliges Bauwerk.

Und was steht noch auf dem Programm?

WINN: Für die sportlich Interessierten gibt es den Holmenkollen, eine Anlage für Skisport mit Sprungschanze, die auch hochinteressant mit nur einem Haltepunkt gebaut ist, da kommen Mathematiker und Physiker auf ihre Kosten. In Kopenhagen besuchen wir Schlösser und das Experimentarium. Das ist vergleichbar mit dem Mathematicum in Gießen, ist aber 20 Mal so groß. Zudem werden wir in Kirchen gehen, eine Wachablösung am Schloss Amalienborg erleben, und wir setzen uns mit der Drogenpolitik der Stadt auseinander: Im Stadtteil Christiania hat die Stadt Kopenhagen das Problem elegant gelöst, indem sie einen legalen Ort geschaffen hat. Die Schüler halten jeweils vor Ort Kurzreferate.

Demokratische Abstimmung über Kreuzfahrt – Schüler konnten vorher CO2 einsparen

Wie wurde die Entscheidung getroffen, die Kreuzfahrt zu machen? Wollten alle Schüler mitfahren, oder gab es auch Proteste gegen das Transportmittel? Was haben die Eltern dazu gesagt?

WINN: Es war nicht so, dass ich bestimmt habe, dass wir die Fahrt machen. Das Ganze war ein demokratischer Prozess mit mehreren Vorschlägen. Jeder Schüler hatte Zeit, einen Alternativvorschlag einzubringen. Dazu kam es aber nicht, weil die meisten die Fahrt mit dem Schiff gleich für eine sehr gute Idee hielten. In beiden Kursen – ein Physik- und ein Mathematikleistungskurs mit je 16 und 17 Schülern – gab es je eine Schülerin, die dagegen war. Sie haben aber gesagt: „Wir erkennen den demokratischen Beschluss an und fahren trotzdem mit“.

WYNEKEN: Es gab auch eine geheime Abstimmung der Eltern. Zwei Elternpaare haben wegen des Umweltaspekts mit Nein gestimmt.

WINN: Einer der Väter hat sich dann von meinen Argumenten halbwegs überzeugen lassen. Letztlich haben alle ihre Unterschrift gegeben.

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Was waren das für Argumente?

WINN: Ich bin Mitglied im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), fahre mit dem Fahrrad zur Schule, wohne im Passivhaus – es ist absurd, mir Umweltsünden vorzuwerfen. Jeden Flug, jede Auto- oder Schiffsfahrt, die ich mache, lasse ich mir zertifizieren. Ich kaufe also CO2-Emissionen auf und sehe zu, dass andernorts damit CO2 eingespart wird. Das haben übrigens auch viele Schüler gemacht, sie haben bei der Klimaschutzorganisation Atmosfair eingezahlt. Ich weiß nicht, wie viele dort eingezahlt haben, es war optional. Aber die Schüler sollen selbst Verantwortung dafür übernehmen. Wenn es alle gemacht haben, haben wir eine CO2-neutrale Klassenreise. Selbst wenn man diese Ausgleichszahlung auf den Reisepreis obendrauf rechnet, sind wir immer noch die günstigste Klassenreise, die gemacht wird.

WYNEKEN: Der CO2-Ausstoß pro Fahrgast auf diesem Schiff im Vergleich zum Bahnfahren oder zum Autofahren ist gering. Denn es wird bei Bahn und Auto nicht einberechnet, was der Bau von Strecken und Tunneln an CO2-Emissionen verursacht. Da schneidet ein Flug mitunter besser ab als eine Bahnfahrt.

Von Stefanie Wehr

Andere Frankfurter Schulen reisen bei ihren Klassenfahrten ins Ausland mit Bus und Bahn. Ein Kreuzfahrtschiff ist hier eher die Ausnahme. Es gibt jedoch noch eine andere Alternative. Doch die schneidet in Punkto Klimaschutz auch nicht gut ab.  

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