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Polizeibeamte tragen ein Opfer der Mordnacht aus dem Haus.

Kriminalgeschichte in zwei Teilen

Der Sechsfach-Mord im Kettenhofweg

Vor 25 Jahren sorgt ein grausiges Verbrechen im schicken Frankfurter Westend für Schlagzeilen. Ein zu billiges Auto brachte die Ermittler auf die richtige Spur. 

Frankfurt - Am 15. August 1994 machen Polizisten eine grausige Entdeckung. Sie finden in einer Villa im Kettenhofweg sechs Leichen, alle erdrosselt mit einem Stromkabel. Das Haus ist das Privat-Bordell von Gabor und Ingrid Bartos. Die Eheleute und vier der von ihnen beschäftigten Frauen sterben einen qualvollen Tod. 

Es war der Pudel. Weil das Tier sich die Seele aus dem Leib kläfft und an jenem sonnenbeschienenen Montagmorgen die Rollläden des Hauses Kettenhofweg 124 a noch herabgelassen sind, entgegen der üblichen Gepflogenheiten des Hauses, drängt sich dem an der Haustür vergeblich läutenden Paar bald ein schlimmer Gedanke auf: Etwas Schreckliches muss passiert sein. Es ist der 15. August 1994, ein warmer Sommertag im noblen Westend.

Das Haus, dessen Tür dem Mann und der Frau davor verschlossen bleibt, ist eine mehrstöckige repräsentative Neobarock-Villa mit imposanter Fassade, in der seit 1977 deren Besitzer, der ungarische Geschäftsmann Gabor Bartos (55) und dessen Gattin Ingrid (47) wohnen. Vor allem aber ist es eine der diskretesten und delikatesten Adressen der Stadt.

Frankfurter Exklusiv-Bordell mit Familienanschluss

Der Mann und die Frau vor der Haustür sind ein ungleiches Paar: der Mann, ein stadtbekannter Manager, distinguiert, in gesetztem Alter, bringt die sehr sehr junge und sehr sehr schöne Frau nach einem gemeinsam verbrachten Wochenende dorthin zurück, wo sie wohnt und arbeitet. Das Haus Kettenhofweg 124 a ist zu jener Zeit eine Art inhabergeführtes Exklusiv-Bordell mit Familienanschluss, und die junge Frau gehört zum Personal, der Mann zur handverlesenen und zahlungskräftigen Kundschaft.

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Rasch rufen die beiden die in der Nähe wohnende Mutter von Ingrid Bartos herbei. Sie hat einen Hausschlüssel, auf ihren Namen läuft der piekfeine Puff. Was sie entdeckt, ist fürchterlich und bis heute unvergessen. Sechs Leichen, im gesamten Haus verteilt, finden die rasch alarmierten Polizisten. Die Beamten stehen vor den Opfern eines der brutalsten Verbrechen der Stadt. Alle Opfer sind mit Stromkabeln erdrosselt und zum Teil bizarr drapiert. 

In der Sauna im Untergeschoss des Hauses finden sie Gabor Bartos, von hinten erdrosselt, und in einem Nebenraum seine Frau, nackt. Die Prostituierte Marina Erokina (25) liegt im Heizungskeller, geknebelt und mit zerrissenem Kimono. Über ihr Gesicht hat der Mörder ein Tuch gebreitet. Veronika Sorokina (18) trifft ihren Mörder im ersten Stock. Ebenso wie Jelena Starikowa (28), die der Täter mit entkleidetem Unterkörper, über den er eine Daunendecke legt, zurücklässt. Im zweiten Stockwerk schließlich das sechste Mordopfer: Olga Lucina (27). Die Polizisten finden sie nackt, mit einem Handtuch über dem Unterkörper und brutal geknebelt mit einer Bluse.

Opfer: Bordellbesitzer Gabor Bartos und seine Frau Ingrid.

Der Frankfurter Polizeipräsident Karlheinz Gemmer, der Gerichtsmediziner Hansjürgen Bratzke und Oberstaatsanwalt Peter Köhler sind sich einig: So etwas Entsetzliches haben sie noch nicht gesehen.

Haus schon Wochen vor der Bluttat im Visier der Ermittler

Peter Köhler erzählt, wie es genau war: "Am Mittwoch, 17. August 1994, erhielt ich einen Anruf vom Generalstaatsanwalt. In meiner Abteilung herrschte allgemeine Urlaubsstimmung. Ich hatte keine Urlaubspläne und erklärte das spektakuläre Verbrechen gleich zur Chefsache." Mit ihm übernimmt einer der erfolgreichsten und ein bei der kriminellen Kundschaft ziemlich gefürchteter Strafverfolger die Aufklärung des Sechsfach-Mordes aus dem Westend.

Köhler berichtet aus dem Ermittler-Nähkästchen: "Bordelle aller Art - die Bandbreite zwischen gewöhnlichen Absteigen und den nur besonders betuchten Freiern zugänglichen Nobelpuffs ist enorm -, rufen regelmäßig offene oder verdeckte polizeiliche Ermittlungen auf den Plan. Sie sind in der Regel tatsächlich Brutstätten der Kriminalität, bisweilen sogar des Verbrechens. Menschen- und Rauschgifthandel in allen Facetten als Quellen anrüchiger Vermögensbildung wecken ständig die Neugier der Ermittler."

Das Haus Kettenhofweg 124a sei schon Wochen vor der Bluttat ins Visier der Ermittler geraten. Hinweise auf Prügeleien und die dicke Ermittlungsakte von Gabor Bartos beim Ordnungsamt haben die Kripo aufmerksam gemacht. Köhler: "Es wurde gemutmaßt, dass junge Frauen aus den GUS-Staaten als Prostituierte der lediglich Insidern bekannten Villa zugeführt und nach relativ kurzen Zeitabläufen ausgetauscht wurden." Der Verdacht der Ermittler: Zwangsprostitution. Der sich aber, sagt Köhler, nicht beweisen ließ. Aber sie haben Gabor Bartos im Visier.

Bartos handelt mit Flugzeugen, Holz, Frauen

Der umtriebige Unternehmer handelt mit allem, was möglichst schnell möglichst viel Geld bringt: Flugzeuge, Holz, Ersatzteile und irgendwann auch junge Frauen, vorwiegend aus den GUS-Staaten, aber auch aus Ungarn und Estland. Seine Frau Ingrid, Erbin eines bekannten Frankfurter Schreibwarengeschäftes, managt den Bordellbetrieb, legt die Preise fest (350 Mark pro Stunde) und stellt den Freiern auf Wunsch schon mal eine fingierte Quittung über "Bürobedarf" aus.

Das Haus des Verbrechens am Morgen danach: Polizisten am Kettenhofweg 124 a.

Die Kundschaft ist handverlesen. Einlass bekommen die Herren aus Geschäftswelt, Politik und Justizkreisen nur auf Empfehlung von Bestandskunden. Sie fühlen sich sicher, weil sie wissen: Ingrid Bartos führt keine Kundenkartei. Die meist sehr jungen und sehr attraktiven jungen Liebesdienerinnen reisen mit Touristenvisum ein. Nach dessen Ablauf tauscht Gabor Bartos sie aus gegen neues Personal. Die Frauen fliegt er höchstselbst ein mit seiner einmotorigen Piper Arrow, von Egelsbach aus.

Auch Jelena und Olga, Marina und Veronika kommen auf diesem Weg nach Deutschland. Sie sind erst wenige Tage in Frankfurt, als sie der Tod durch Mörderhand ereilt. Zwei Mädchen aus dem Bartos-Bordell entgehen dem tödlichen Schicksal. Es ist die junge Frau, die das Wochenende mit dem Geschäftsmann außerhalb verbracht hat. Und es ist Sofia Berwald (24), eine feenhafte Schönheit, Tochter eines deutschen Ingenieurs und einer kasachischen Mutter. Sie ist verheiratet mit einem Moldawier, Jewgenij Balakin, der nach der Eheschließung den Nachnamen seiner Frau annimmt, auch ihre deutsche Staatsangehörigkeit und sich fortan Eugen Berwald nennt. Beide sind offiziell gemeldet in einem Aussiedlerwohnheim in Rettenbach, Ost-Allgäu.

Eine übersehene Spur

Peter Köhler übernimmt also zwei Tage nach Entdeckung des Sechsfach-Mordes die Ermittlungen. Bald fallen dem gewieften Staatsanwalt zwei Dinge auf: Bei Besichtigung des Bordells stellt er in der Wohnung des Ehepaars Bartos im Erdgeschoss des Hauses eine Schrotflinte sicher. Köhler: "Die war von der Spurensicherung übersehen worden." 

Und er geht die Aufzeichnungen der verdeckt ermittelnden Kripo-Beamten durch, die seit Juni das Umfeld der Bartos-Villa überwacht und routinemäßig die Kennzeichen der im Umkreis geparkten Autos notiert haben. Köhler erinnert sich: "Neben den üblichen Nobelkarossen, zumeist Geschäftswagen aus dem Sortiment bundesdeutscher Premiumhersteller, fiel ein Kleinwagen der Marke Fiat Uno auf, auch wegen seines Kennzeichens OAL für Ostallgäu. Wie kam ein solch angerostetes Gefährt aus dem Allgäu ins Frankfurter Westend?" 

Täter: Sofia und Eugen Berwald während ihres Prozesses.

Längst ist Köhler, der erfahrenste Mann in Sachen Organisierte Kriminalität bei der Staatsanwaltschaft, skeptisch gegenüber der schon wegen der Brutalität der Tat gesponnenen Theorie, die "Russenmafia" sei verantwortlich für die grausamen Morde.

Die Halterfeststellung für den Schrott-Fiat ist Routine und hat ein überraschendes Ergebnis: Er ist zugelassen auf Sofia Berwald, die im Kettenhofweg 124 a anschafft.

Zwei Festnahmen

Eine heiße Spur? Peter Köhler: "Umgehend wurden zwei Frankfurter Kriminalbeamte zu ihren Kollegen nach Kempten entsandt, observierten nachts die Unterkunft." Dann der Entschluss: Noch im Morgengrauen stürmt ein Sondereinsatzkommando (SEK) der örtlichen Polizei das Aussiedlerwohnheim. So werden Freitag früh Sofia und Eugen Berwald festgenommen, außerdem ein mit den Berwalds befreundetes russisches Brüderpaar. "Bei der Durchsuchung wurde auch ein Müllsack mit einer Vielzahl von Gegenständen aus dem Kettenhofweg gefunden." Eugen Berwald soll gar die Rolex von Gabor Bartos getragen haben.

Die beiden Brüder sind schnell wieder auf freiem Fuß, weil sie offenkundig nichts mit der Sache zu tun haben. Ergiebig ist indessen der Müllsack: In ihm finden die Ermittler Elektrokabel, wie sie im Kettenhofweg verwendet wurden, sowie Schmuck und weitere Gegenstände. Und sie finden eine eigentümliche Radlerhose, der später, im Mordprozess, noch eine besondere Rolle zukommen sollte.

Bereits am Nachmittag des Freitag, vier Tage nach Entdeckung der monströsen Tat präsentierte Polizeipräsident Karlheinz Gemmer auf einer Pressekonferenz den schnellen Ermittlungserfolg und die mutmaßlichen Täter: Ein junges Ehepaar statt Mitglieder einer rachsüchtigen Russen-Mafia, der auch weit über Frankfurt hinaus die Tat zugeschrieben worden war. Am Folgetag beantragte Peter Köhler Haftbefehl gegen das Ehepaar: "Wegen Mordes und schweren Raubes".

Sylvia A. Menzdorf

Lesen Sie auch: Der Sechsfach-Mord im Kettenhofweg - Teil 2: Der Prozess.

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