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?Ein Wachstum um jeden Preis kann es nicht geben?, sagt IHK-Präsident Mathias Müller über Frankfurt und die Region.

Präsident der IHK zu Wachstum der Stadt

Interview mit Matthias Müller: „Frankfurt ist an seine Grenzen gestoßen“

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Um Frankfurts Wachstum zu gestalten, muss die Politik über die Stadtgrenzen hinaus denken und die Region mit ins Boot holen, sagt Mathias Müller, Präsident der Industrie und Handelskammer (IHK) Frankfurt. Im Gespräch mit unserem Redakteur Daniel Gräber zieht er eine Bilanz seiner Amtszeit, die im Frühjahr endet.

Herr Professor Müller, während Ihrer IHK-Präsidentschaft haben Sie auf regionale Zusammenarbeit gesetzt. Sind Sie zufrieden damit, was Sie in zehn Jahren erreicht haben?

MATHIAS MÜLLER: Als ich Präsident geworden bin, haben wir uns das Thema Metropolregion als strategisches Ziel gesetzt. Denn es geht nicht mehr nur um die Stadt Frankfurt, sondern um einen Ballungsraum, der mehrere Städte und Landkreise und sogar vier verschiedene Bundesländer betrifft. Deswegen haben wir sehr frühzeitig als Wirtschaftskammern eine Initiative gestartet, die Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main gemeinsam zu positionieren. Am Anfang wurden wir noch etwas müde belächelt. Aber inzwischen wurde auch in der Politik die Notwendigkeit erkannt, dass es nur gemeinsam geht und man über Gebietsgrenzen hinweg zusammenarbeiten muss.

Der Streit um den neuen Stadtteil an der A5 zeigt aber, dass diese Zusammenarbeit nicht immer gut klappt. Aus den Nachbargemeinden kommt erbitterter Widerstand gegen die Frankfurter Pläne.

MÜLLER: Natürlich gibt es immer wieder Reibungsverluste, wenn einer meint, er würde vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber es wird in der Region niemand abstreiten, dass wir mehr Wohnbauland ausweisen müssen.

Sie meinen, die kleineren Nachbarn fühlten sich von Frankfurt überrumpelt?

MÜLLER: Das mag zumindest deren Empfinden sein. Ob es stimmt, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht an dem Prozess beteiligt bin. Aber nehmen wir mal die Regionaltangente West, die Bahnstrecke, die von Bad Homburg bis nach Neu-Isenburg führen soll. Jeder sagt, dass wir sie dringend brauchen. Trotzdem gibt es immer wieder kleine Bremsklötze, die eingeworfen werden. Aus ganz unterschiedlichen Interessen. Wenn man mit denjenigen spricht, die diese Bremsklötze eingeworfen haben, sagen sie: „Mit uns ist noch gar nicht gesprochen worden.“ Oder: „Wir wurden zu spät informiert.“ Es hängt oft an der Frage, wie man miteinander umgeht. Und dabei gilt: Keine E-Mail kann ein persönliches Gespräch ersetzen.

Mathias Müller im Gespräch mit Redakteur Daniel Gräber.

Kommen Frankfurts Politiker in der Region auf einem zu hohen Ross daher?

MÜLLER: Das kann man nicht sagen. Oberbürgermeister Peter Feldmann ist nach seinem Amtsantritt als erstes konsequent in die Region gefahren und hat vor Ort persönliche Gespräche mit den jeweiligen Amtskollegen geführt. Er nennt das ja so schön: „Frankfurt fährt nicht mehr achtspännig vor.“ Es gibt die Bereitschaft zum Miteinander. Dennoch passiert es im täglichen politischen Betrieb, dass man vergisst, den einen oder anderen rechtzeitig einzubinden. Das ist ein Lernprozess, in dem wir stecken. In der Wirtschaft genauso wie in der Politik.

Ist die Wirtschaft in diesem Lernprozess schon weiter als die Politik?

MÜLLER: Vielleicht schon. Wir mussten früher damit anfangen. Wir sind hier mehrheitlich mittelständische Unternehmen. Wenn wir auf Weltmärkten mithalten wollen, müssen wir uns genau überlegen, wo wir unsere Stärken bündeln können. Unternehmen bilden heute strategische Allianzen, um gemeinsam erfolgreich zu sein. Das lässt sich auch auf die Politik übertragen. Interkommunale Gewerbegebiete, wie es Rüsselsheim, Raunheim und Kelsterbach vormachen, sind ein guter Schritt. Sie teilen sich die Gewerbesteuer der Unternehmen, die sich in dem gemeinsamen Gebiet ansiedeln. So ist aus drei Rivalen ein Verbund geworden. Diese Art der Zusammenarbeit über Gemeindegrenzen hinweg ist die Zukunft. Denn Frankfurt ist schon an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen. Nicht nur beim Wohnraum, sondern auch bei den Gewerbeflächen.

Firmen, die sich in Frankfurt niederlassen wollen, sollen dann stattdessen in den Taunus gehen?

MÜLLER: Das tun sie jetzt schon. Wenn wir im Ausland mit Unternehmen sprechen, interessieren die sich für Frankfurt zunächst aus einem einzigen Grund: Weil es hier einen internationalen Flughafen gibt. Aber dann schauen sie, wo in der Region der geeignete Standort für sie ist. Das kann dann auch Bad Homburg sein. Von dort sind es 30 Kilometer bis zum Flughafen, das ist im Vergleich zu anderen internationalen Metropolen wie Singapur oder Tokio keine Entfernung. Die vergleichsweise kurzen Wege sind ein Standortvorteil unserer Region, den wir gezielt und erfolgreich im Ausland vermarkten. Die „Frankfurt/Rhein-Main Marketing of the Region“, an der wir als IHK beteiligt sind, hat mittlerweile fast 1000 ausländische Unternehmen angesiedelt. 40 Prozent dieser Unternehmen sind in die Fläche gegangen, 60 Prozent nach Frankfurt.

Frankfurt leidet inzwischen unter seiner Anziehungskraft. Wohnungen werden knapp, Schulen fehlen, Straßen sind verstopft. Ist es der richtig Weg, immer nur auf Wachstum zu setzen?

MÜLLER: Ein Wachstum um jeden Preis kann es nicht geben. Frankfurts Einwohnerzahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Das ist einem Trend geschuldet, der alle Metropolen weltweit betrifft, der Rückkehr in die Städte. Die Frage ist: Welche Form von Wachstum wollen wir zulassen? Wollen wir Wildwuchs, oder wollen wir es geordnet und mit einer gewissen Qualität gestalten? Um das zu erreichen, sind vorausschauende Planung und die Zusammenarbeit in der Metropolregion der einzige erfolgversprechende Weg.

Wie kann das konkret aussehen?

MÜLLER: Im vergangenen Jahr ist es uns endlich gelungen, ein länderübergreifendes Strategieforum zu etablieren. Dort werden Themen behandelt, die alle vier Bundesländer als prioritär für die wirtschaftliche Entwicklung der Metropolregion ansehen. Zum Beispiel die Verkehrsinfrastruktur. Wenn die vier Länder nun in Berlin mit einer Stimme auftreten, ist die Durchsetzungskraft viel höher, als wenn das Hessen allein machen würde.

Die Früchte dieser Zusammenarbeit wird ein anderer ernten. Ihre IHK-Präsidentschaft endet. Bedauern Sie das?

MÜLLER: Unsere Satzung sieht vor, die Amtszeit auf zwei Wahlperioden zu beschränken. Das gilt sowohl für den Präsidenten als auch die weiteren Mitglieder des Präsidiums. Wir halten das für eine sehr gute Regelung. Damit man nicht glaubt, man würde unverzichtbar. Es ist eine große Ehre, wenn einem so ein Amt angetragen wird. Wir haben versucht uns im besten Interesse unserer Mitglieder einzusetzen. Diejenigen, die uns nachfolgen, werden das sicher mit genauso viel Engagement fortführen.

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