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Bücher und digitale Geräte gleichzeitig nutzen – in Frankfurt ist das an den Schulen bisher nicht möglich.

Digitalisierung

Frankfurt sorgt für Wirrwarr bei WLAN an Schulen

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Heute soll im Magistrat ein neues Konzept zum Thema „WLAN an den Schulen“ verabschiedet werden. Denn noch sucht man den öffentlichen drahtlosen Zugang zum Internet in Frankfurts Bildungsstätten vergeblich. Mit dem Konzept ist aber nicht jeder glücklich.

Claudia Wolff ist verärgert, enttäuscht und irgendwie auch fassungslos. „Wir arbeiten hier in Frankfurt wie in der Steinzeit und hinken der heutigen Zeit total hinterher“, sagt die Leiterin der Schillerschule, eines Gymnasiums in Sachsenhausen. Während es in vielen Städten und Kreisen im Rhein-Main-Gebiet einen öffentlichen drahtlosen Zugang zum Internet gibt, sucht man das „Wireless Local Area Network“, kurz WLAN genannt, in den Bildungsstätten der Mainmetropole vergebens. „Neue Kollegen, die vorher in anderen Kommunen gearbeitet haben, schütteln nur noch mit dem Kopf“, sagt Wolff.

Entscheidung steht an

Doch schon heute könnten die Schulen dem WLAN einen Schritt näher kommen. Der Magistrat soll in seiner Sitzung eine Vorlage zu diesem Thema beraten. Wird diese abgesegnet und geben auch die Stadtverordneten ihr Okay, könnten die ersten Schulen in den Osterferien mit WLAN ausgestattet werden. Das kündigte der Sprecher von Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD), Clemens Bohrer, an. Und dann könnten Frankfurts Schüler und Lehrer endlich mit Tablets und anderen mobilen Geräten online gehen, um zu recherchieren, auf Lehrmaterial wie digitale Bücher zuzugreifen und gemeinsam an Projekten zu arbeiten.

Das Thema „WLAN an den Schulen“ in Frankfurt hat eine lange Vorgeschichte. (Sehen Sie etwa hier oder hier) Seit Monaten streitet sich die Römer-Koalition aus CDU, SPD und Grünen über ein Pilotprojekt, das ursprünglich in den Sommerferien 14 Schulen mit WLAN ausstatten sollte. Die Christdemokraten jedoch waren mit dem von der Bildungsdezernentin vorgelegten Konzept nicht zufrieden. Mit der Begründung: zu teuer, zu aufwendig.

Die Qual der Wahl

Das jetzt vorgelegte Konzept ist das Ergebnis eines runden Tischs in der Schillerschule Mitte Oktober, an dem neben den Elternbeiräten und Leitungen der Pilotschulen auch Sylvia Weber, IT-Dezernent Jan Schneider (CDU) sowie der CDU-Fraktionsvorsitzende Michael zu Löwenstein teilnahmen. „Dort hat man sich auf einen Kompromiss geeinigt“, so Clemens Bohrer. Dieser sieht zwei Varianten für die WLAN-Ausstattung vor: eine „geschlossene“ mit Benutzerkennung und Jugendschutzeinstellungen, bei der man nur in bestimmten Räumen, sogenannten Lernzonen, ins Internet kommt. Und eine „offene“ ohne Authentifizierung, ähnlich wie man es von öffentlichen Cafés oder Plätzen kennt. Bei dieser Variante, so hieß es anfangs, sollte man überall ins Internet kommen. Die Pilotschulen konnten sich bis vergangenen Freitag für eine der Alternativen entscheiden.

Claudia Wolff und das Kollegium der Schillerschule haben sich für die offene Variante entschieden. Glücklich ist die Schulleiterin damit aber längst nicht. „Das neue Konzept beinhaltet nicht das, was wir beim runden Tisch besprochen haben“, sagt sie. Im Klartext: Auch die offene Variante soll plötzlich nur noch für einige Räume gelten – so jedenfalls steht es in einem Brief von Schneider und Weber. „Wenn wir wirklich auf digitale Lernmethoden umstellen wollen, geht das so nicht“, sagt Wolff, die gemeinsam mit ihren Kollegen extra ein didaktisches Konzept für den Umgang mit WLAN erarbeitet hat. „Das macht so alles keinen Sinn und ist grotesk.“

Wie sehen die beiden Alternativen aber im Detail aus? Die geschlossene Variante „Universelles pädagogisches WLAN“ sieht drei Netze für den Zugang zum Internet vor: eines für vom Schulträger bereitgestellte Tablets, eines für die privaten mobilen Geräte der Lehrer und Schüler und eines für Gäste. Der Zugriff auf das Internet erfolgt hier über ein Passwort, es gibt Vorkehrungen, die den Jugendschutz gewährleisten: Niemand kann sich illegale Videos oder Ähnliches herunterladen. Die offene Variante „Städtisches freies WLAN“ sieht eben keine inhaltlichen Einschränkungen vor. Nach Angaben von Clemens Bohrer hat sich das Gros der Pilotschulen für das geschützte „pädagogische WLAN“ entschieden. Auf einige Antworten wird aber auch noch gewartet. Das erste vorgelegte Konzept im Frühjahr hatte vorgesehen, dass jeder Schüler einen festen Account bekommt – bei rund 90 000 Schülern in Frankfurt ein großer Aufwand, befand die CDU und plädierte für einen einfacheren Zugang ähnlich wie bei den vielen WLAN-Netzen im öffentlichen Raum. Die neue Version enthält eine Kombination aus beiden Vorschlägen.

Nachbesserung möglich

„Wir hoffen, dass die Neufassung der Magistratsvorlage jetzt durchgeht“, sagt Clemens Bohrer. „Die Schulen warten auf das WLAN. Es wird höchste Zeit, dass wir sie damit ausstatten.“ Trotz der ersten Kritik seitens der Schulen will das Bildungsdezernat an seinem Konzept festhalten, Bohrer räumt aber ein: „Wenn Schulen noch Nachsteuerungsbedarf sehen, sollen sie sich bei uns melden.“

INFO:

Digitalpakt – der Bund mischt mit

Da die Digitalisierung auch außerhalb der Schule alle Lebensbereiche und – in unterschiedlicher Intensität – alle Altersstufen umfasst, sollte das Lernen mit und über digitale Medien und Werkzeuge bereits in den Schulen der Primarstufe beginnen.“ So heißt es im Strategiepapier der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“. Mit dem Thema WLAN an Schulen befasst man sich also nicht nur im Römer. Und weil die Kultusministerkonferenz sich seit Jahren damit auseinandersetzt, darf man am Main sogar auf Geld vom Bund hoffen. Von einer zweistelligen Millionensumme ist die Rede. Nach jahrelangen Verhandlungen konnten sich Bund und Länder kürzlich auf den Digitalpakt einigen. Um die Schulen in Sachen IT-Ausstattung zu modernisieren, will der Bund bis 2023 fünf Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Am 6. Dezember soll die Vereinbarung von Vertretern der Kultusministerkonferenz und des Bundesbildungsministeriums unterzeichnet werden. Dann muss nur noch das Grundgesetz geändert werden. Dieses sieht bisher nämlich vor, dass der Bund nur finanzschwache Kommunen unterstützen darf.

Der Kommentar unserer Redakteurin Julia Lorenz:

Raus aus der digitalen Steinzeit

Was hat Marburg, was Frankfurt nicht hat? Internet an Schulen für jedermann. Klingt absurd, ist aber so. Während nämlich in jeder Schule des beschaulichen Städtchens an der Lahn ein öffentlicher drahtloser Zugang zum Internet zu finden ist – im Übrigen gilt das auch für zahlreiche andere Städte und Kreise in Hessen –, sucht man WLAN in den Bildungsstätten der Mainmetropole vergebens. Wohlgemerkt, in einer Stadt, die sich immer wieder für ihre Internationalität und ihre Fortschrittlichkeit rühmt. Und nicht zuletzt hat sogar der größte Internetknoten der Welt, De-Cix, seinen Sitz in Frankfurt. In Sachen IT-Ausstattung an den Schulen ist die Stadt jedoch rückständig und hinterwäldlerisch unterwegs. Das ist peinlich. Eine Schande. In der heutigen Zeit ist das Internet doch unser ständiger Begleiter. Mit dem Smartphone in der Hand können wir überall surfen – zu Hause, im Park, im Restaurant, in der Bahn, ja sogar bald in den Museen. Arbeiten ohne Internet? In den meisten Berufen undenkbar. Damit Kinder und Jugendliche lernen, ihre Smartphones sinnvoll zu nutzen, müssen sie alle Möglichkeiten kennenlernen. Mit der Welt des Wissens müssen Schulen sie vertraut machen. Vor der Welt des Grauens wie Cyber-Mobbing müssen Schulen sie warnen. Und sie müssen die Berufstätigen von morgen auf die digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten. Das geht nur, wenn die Schulen hinreichend mit moderner Technik ausgestattet werden. Das Funkloch an Frankfurts Schulen muss schleunigst beseitigt werden. Ansonsten verlieren die Schulen den Anschluss – und mit ihnen die Jungen.

 

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