Künstler Georg Herold präsentierte sein Bild „Ziegelneger“ schon 2015 im Frankfurter Städel. 
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Künstler Georg Herold präsentierte sein Bild „Ziegelneger“ schon 2015 im Frankfurter Städel. 

Museum 

Bild „Ziegelneger“ bringt Städel in Frankfurt Rassismus-Vorwürfe ein

  • Dierk Wolters
    vonDierk Wolters
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Ein Bild des Künstlers Georg Herold trägt dem Städel-Museum in Frankfurt Rassismus-Vorwürfe ein. Eine Analyse. 

Frankfurt – Wir sehen einen schwarzen Menschen, der fliehen will. Sein Blick zurück ist ängstlich. Hinter ihm tobt eine wütende Meute, will sich an ihm vergreifen. Ein Ziegelstein fliegt auf ihn zu. Das Bild gehört dem Frankfurter  Städel und hängt gut sichtbar in der neu präsentierten Sammlung für Gegenwartskunst. Das Bild, 1981 entstanden, heißt „Ziegelneger“. Ist es ein rassistisches Bild? Darüber ist jetzt eine Debatte entbrannt. 

Frankfurt: Vermeintlich rassistisches Bild im Städel soll provozieren

Entzündet wurde sie von einer Besucherin des Museums in Frankfurt, die das Bild entsetzt auf Instagram postete. Der Künstler Georg Herold, Maler, Bildhauer und Kunstprofessor, der das Werk schuf, gehörte eine eher kurze Weile zur Gruppe der Neuen Wilden. Zu ihr gehörten auch Markus Oehlen und Martin Kippenberger. Sie wollten provozieren, aufrütteln. Man kann zweifellos sagen, dass Herold diese Provokation gelingt. 

Aber warum provoziert dieses Bild? Sicherlich nicht, weil es Gewalt an einem hilflosen Menschen zeigt. Sondern weil es, wie unzählige Kriegsfotografien, wie auch Goyas grelle „Erschießung der Aufständischen“ oder Boteros Folterbilder und wie übrigens auch die Darstellung von Jesus am Kreuz, den Zustand einer Gesellschaft anprangert, die sich in ihrer grundlosen Aggression gegen alles, was ihr anders scheint, für gar nichts mehr schämt. 

Frankfurt: Bild namens „Ziegelneger“ löst Rassismus-Debatte im Städel aus

Rechts im Bild eine Ampel: Grün, mit dem Bild eines Schwarzen, leuchtet – also darf der „Ziegelneger“ gehen? Die Menge will ihm das aber verbieten, neidet es ihm. Ist das so gemeint? Die Ampel bleibt ein an Absurdität kaum zu überbietendes Rätsel. Denn warum gibt es das überhaupt: eine Ampel, die offenbar die Passiererlaubnis nach Hautfarben regelt. Wenn das Bild eine Provokation ist, dann deshalb, weil es einer dümmlich-devoten Gesellschaft, die sich sinnlosen Regeln unterwirft, den Spiegel vorhält. 

Die Debatte entzündet sich an zweierlei: Neben dem Acrylgemälde auch am Titel und Bildtext: „Ziegelneger“ –darf man das? 1981, als das Bild entstand, war die Zeit, als die Negerküsse in den Supermarktregalen den Schokoküssen weichen mussten. Alle Spießer echauffierten sich über die neue Restriktion ihres Wortschatzes. 

Frankfurt: Bild ist „geschmacklos brachiale Provokation“ 

Was tut der Künstler, wenn er den Ziegel, als Symbol der Gewalt, mit dem Wort, in dem sich diese Unterdrückung manifestiert, zusammenbringt? Er klagt, geradezu plakativ, an. Wäre es nicht absurd, genau diese Anklage durch Umbenennung oder Abhängen, wie jetzt gefordert, unkenntlich zu machen? Weder handelt es sich um „offen rassistische Kunst“ – das wäre es nur, wenn die Steinigung gefeiert würde – noch überschreitet der Künstler „die Grenzen des guten Geschmacks“. Nicht der Künstler überschreitet sie, sondern die Gesellschaft mit ihren unverhohlen rassistischen Prägungen und Vorurteilen. 

Statt sich froh ans Werk zu machen und die widersinnige Ampel abzumontieren, lässt sich die Meute nämlich von ihr gängeln und zeigt dabei ihre hässlichste Fratze. Kein Wunder, dass sich Herold über die „geschmacklos brachiale Provokation“ (Städel-Bildtext) freut. Sie ist nämlich sehr gelungen.

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