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Der Steinkauz, der in der aufrechtstehenden Niströhre überlebte, während ein anderer starb, hat sich beim Tierarzt erholt. Er konnte bereits wieder ausgesetzt werden.

Zwei Tage in Niströhre gefangen

Seltener Steinkauz getötet - Kriminalpolizei ermittelt

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In Frankfurt werden mehrere Bäume ohne Genehmigung gefällt. Eine extrem seltene Eule stirbt in der Folge. 

  • Frankfurt-Harheim: Acht Bäume auf Streuobstwiese ohne Genehmigung gefällt
  • Seltene Eulenart gefährdet: Steinkauz stirbt an den Folgen
  • Kriminalpolizei ermittelt nach Täter

Harheim - Acht Streuobst-Bäume sind in Frankfurt-Harheim ohne Genehmigung gefällt worden und nun ermittelt sogar die Kriminalpolizei. Östlich des Verkehrskreisels Harheimer Weg Ecke Im Niederfeld, also in Richtung Nieder-Eschbach, liegt der rund 20 Meter breite Streifen Streuobstwiese, rechts und links umgeben von Feldern. 

Dort standen die acht Bäume. Davon sind nun zwischen Gras und Löwenzahn nur noch Sägespäne und knapp über dem Boden abgeschnittene Baumstümpfe zu sehen. Zwei Niströhren für Steinkäuze liegen am Wiesenrand.

Frankfurt: "Knapp 100 Jahre alte Bäume" gefällt - Steinkäuze in Niströhren gefangen

"Das waren bestimmt knapp 100 Jahre alte Bäume", sagt Frau Fischer. Sie heißt eigentlich anders, sie und ihr Ehemann möchten lieber anonym bleiben. Das Ehepaar kommt regelmäßig bei Spaziergängen durch Frankfurt-Harheim an der Streuobstwiese vorbei. "Die Bäume standen fast in voller Blüte", sagt er. An Karfreitag waren sie dann verschwunden.

"Merkwürdig war, dass die Niströhren senkrecht auf der Wiese standen", erzählt sie. Die knapp einen Meter langen Holzröhren haben einen Durchmesser von etwa 20 Zentimeter und an einer Seite eine drei Finger breite Öffnung, durch die die Steinkäuze hinein- und hinauskommen. Wenn die Niströhren also senkrecht stehen, können die Vögel darin nicht wieder hinausgelangen. Eine Niströhre war leer, erzählt Frau Fischer. In der anderen waren zwei Steinkäuze. Einer war tot, der andere hat wohl nur überlebt, weil er sich vom anderen ernährt hat.

Frankfurt: Steinkauz steckte tagelang in Niströhre fest - zweites Tier verendet 

"Mehrere Tage müssen die Tiere in der Röhre festgesteckt haben", vermutet Frau Fischer. "Hätten wir sie nicht Freitagmorgen gefunden, wäre bis zum Abend wohl auch der zweite Steinkauz verendet." Beide Tiere hat Familie Fischer zu einem Tierarzt gebracht. Der hat den Steinkauz wieder aufgepäppelt.

"Wir haben es hier gleich mit mehreren Delikten zu tun", sagt Volker Rothenburger, der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde in Frankfurt. Er zählt auf: Zerstörung eines geschützten Biotops nach dem Bundesnaturschutzgesetz, ungenehmigte Fällung von Bäumen, "die wir auch bei einem Antrag nie genehmigt hätten", Störung einer Fortpflanzungs- und Ruhestätte einer geschützten Tierart - des Steinkauzes. Am schwersten wiege aber, dass ein Exemplar dieser Eulenart getötet wurde. Darum ermittle nun die Kriminalpolizei in Frankfurt, sagt Rothenburger. Laut Hessischem Bußgeldkatalog droht allein deshalb eine Strafe von bis zu 50 000 Euro. Bei besonders schweren Fällen könnte das sogar eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren sein.

Frankfurt: Hohes Bußgeld für Steinkauz-Täter - Kriminalpolizei ermittelt

Auch die anderen Delikte werden mit Geldstrafen geahndet. Für die "Zerstörung einer Fortpflanzungs- oder Ruhestätte eines wildlebenden und streng oder besonders geschützten Tieres" listet der Bußgeldkatalog ebenfalls Strafen von bis zu 50 000 Euro auf. Wie hoch die Strafe in diesem Fall ausfallen wird, werde sich im Laufe des Verfahren klären, sagt Rothenburger. "Das hängt von Fragen des Vorsatzes oder der Fahrlässigkeit ab." Auch werde die Untere Naturschutzbehörde den Täter verpflichten, die Bäume nachzupflanzen.

Frankfurt-Harheim: Getötetes Tier gehörte zu seltener Eulenart

Steinkäuze sind selten. Nur noch zwischen 700 und 800 Brutpaare leben laut Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Hessen. Die Tiere seien auf Streuobstwiesen spezialisiert und wichtiger Teil dieses menschengemachten Biotops, erklärt Anika Hensel, Umweltpädagogin im Main-Äppel-Haus in Frankfurt. Als Höhlenbrüter seien sie auf ältere Bäume mit Löchern angewiesen - oder eben auf Niströhren. Die relativ kleine Eulenart sei daran angepasst, zwischen den Bäumen jagen zu können. Im Sommer fressen die Tiere vor allem Insekten, im Winter Mäuse. "In so einem Ökosystem hat jedes Glied seine Funktion. Fällt etwa der Steinkauz weg, nehmen die Mäuse überhand und schaden dem Stamm oder den Wurzeln vor allem junger Bäume."

Mensch spielt entscheidende Rolle im Lebensraum des Steinkauzes

Auch der Mensch spielt in diesem Ökosystem eine entscheidende Rolle. "Ein bis zweimal im Jahr muss der Unterwuchs geschnitten werden", erklärt Hensel. Sonst verfilze das Gras, Mäuse könnten sich darunter verstecken und die Steinkäuze sie nicht mehr fangen.

Wie problematisch die Aufgaben des Menschen im Ökosystem Streuobstwiese organisiert sind, erklärt aber Ortslandwirt Axel Schmidt aus Frankfurt. Auf der einen Seite seien häufig Landwirte durch Pachtverträge dazu verpflichtet, die Streuobstwiesen zu pflegen. Durch die relativ eng stehenden Bäume lasse sich das Gras nur umständlich mähen. Auf der anderen Seite profitierten Landwirte von dieser Arbeit so gut wie gar nicht. "Man bekommt etwas Heu und Äpfel für den Eigenbedarf. Wenn man das aber unter dem Strich zusammenzählt, zahlen die Landwirte bei dieser Arbeit drauf. Eigentlich ist das für viele nicht mehr leistbar." Der Landwirt, auf dessen Grundstück die Bäume in Harheim gefällt wurden, wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

Große Erleichterung: Überlebender Steinkauz hat sich wieder erholt

Dass viele Bauern nicht gegen diese gesellschaftliche Arbeitsteilung auf der Streuobstwiese rebellierten, erklärt sich für Schmidt durch die Verbundenheit der Landwirte mit der Natur. Auch sind Streuobstwiesen eng verwoben mit der südhessischen Landschaft und der Apfelweinkultur.

Der Steinkauz, den Familie Fischer fand, hat sich beim Tierarzt übrigens schnell erholt. Schon am Mittwoch konnte er auf der 20 Meter breiten Wiese ausgesetzt werden.

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