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Menschen warten am Frankfurter Hauptbahnhof auf ihren Zug, aber es fährt nichts. Die Anzeigetafel ist wegen des Streiks leer.

Tarifkonflikt

Wie Frankfurt den Streik der Bahngewerkschaft erlebte

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Mit ihrem Warnstreik hat die Bahngewerkschaft EVG gestern das gesamte Rhein-Main-Gebiet lahmgelegt. Und das galt längst nicht nur für die Schiene.

Auf der Mainzer Landstraße in Frankfurt spielen sich am Montagmorgen abenteuerliche Szenen ab. Menschenmassen warten an den Straßenbahnhaltestellen, stürzen sich auf die Straße, sobald die nächste Tram in Sicht ist, ganz egal, ob gerade ein Auto kommt. Nur wer als Erster an der Tür ist, hat überhaupt eine Chance, sich noch irgendwie in die völlig überfüllte Bahn zu quetschen. Andere kapitulieren und machen sich zu Fuß auf den Weg in die Innenstadt.

Das sagen Twitternutzer zum Bahnstreik

Kurz vor der Galluswarte steht dann auch der Autoverkehr. Nichts geht mehr. Autos wenden, versuchen auf Schleichwegen und Nebenstraßen ihr Glück. Auch auf den Autobahnen geht es im Berufsverkehr nur schleppend voran. Die Bahngewerkschaft EVG hat mit ihrem Warnstreik das Rhein-Main-Gebiet stillgelegt.

Kommentar zur Bahn: Außer Kontrolle

Am Frankfurter Hauptbahnhof indes hält sich das Chaos am Morgen in Grenzen. Die Bahnsteige sind leer, auf den Anzeigetafeln steht auf Deutsch und Englisch geschrieben: „Streik bis voraussichtlich 9 Uhr – momentan kein Zugverkehr.“ Vereinzelt stehen leere Züge auf den Gleisen. Bereits am Sonntagnachmittag hatte die Bahn Kunden, die Fernfahrten gebucht haben, angeschrieben und ihnen geraten, ihre Reise möglichst schon am Sonntagabend anzutreten.

Laut und bunt

Laut und bunt geht es derweil vor dem Haupteingang zu: Dort stehen rund 100 Bahnmitarbeiter in gelben und orangefarbenen Westen mit Fahnen, Trillerpfeifen und Rasseln und machen Krach, den man bis in weit in die Kaiserstraße hört. „Einer für alle, alle für einen“, steht zum Beispiel auf den Flaggen der Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaft EVG.

Am Reisezentrum der Deutschen Bahn reicht eine Menschenschlange bis quer durch die Halle. Menschen mit Koffern und Taschen telefonieren, während sie warten und erzählen ihren Chefs, dass sie für einige Stunden gestrandet sind. Sie sind müde und ruhig, nur vereinzelt wird geschimpft. Einige versuchen, mit der vollen S-Bahn Richtung Bad Homburg weiterzukommen, steigen flink in die Wagen, deren Türen sich öffnen lassen. Dennoch bleibt die Bahn stehen. „Herrgott“, schimpft ein Mann mit Rollkoffer und erkennt: „Bis 9 Uhr fahren auch keine S-Bahnen!“

Die Geschäfte im Bahnhof sind leer, Mitarbeiter haben auch um 8 Uhr Zeit, sich zu unterhalten. Einige spüren Umsatzeinbußen. Im „Travelshop“ meint ein Mitarbeiter: „Leider, leider. Die Bahn gibt den Leuten Kaffee und Wasser und wir gehen fast leer aus.“ Marcus Fiebelkorn (50) vom Zigarettenladen erlebt es anders. „Naja, die Leute haben halt keine besonders gute Laune, weil sie hier festhängen. Aber der Umsatz ist ähnlich wie sonst. Es wird wohl kaum jemand anfangen zu rauchen, weil die Bahn streikt.“

Der Höllenlärm vor dem Bahnhof nimmt zu. Inzwischen fordern mehr als 150 Demonstranten lautstark 7,5 Prozent mehr Geld. „Auch in Griesheim und am Flughafen stehen Mitarbeiter, die streiken“, sagt Alexander Beichel, Geschäftsstellenleiter der EVG. Die Betriebszentrale ist dicht, die Zugverkehrsleiter streiken ebenso wie die Mitarbeiter der DB Sicherheit. Passanten voller Gepäck betrachten die Demonstranten. Manche neugierig, fotografierende Asiaten befremdet und manche wütend.

Wütender Kunde

Als ein DGB-Mitarbeiter die Demonstranten beglückwünscht zu den leeren Anzeigetafeln im Bahnhof und ruft, dass die meisten Leute das Anliegen der streikenden Bahnmitarbeiter verstünden, ruft ein Mann mit Koffer mit französischen Akzent: „Das ist eine Schande! Ich muss arbeiten, und der Streik hier kostet mich Geld.“

Sein Ruf wird mit Tröten niedergemacht, und gleichzeitig gehen Streikende zu ihm und versuchen, ihre Motive zu erklären. „Wir sorgen bei der Bahn für Ihre Sicherheit“, sagt ein Mann. „Wir erhalten Hungerlöhne dafür, dass wir abgestochen werden können.“ Der Franzose, der jedes Wochenende in Frankfurt verbringt und in Paris arbeitet, kontert: „Sie streiken auf meine Kosten. Suchen Sie sich doch einen anderen Arbeitgeber.“

Der Sicherheitsmann antwortet: „Erst letzte Woche bin ich von einem Mann mit Messer angegriffen worden. Für 1400 Euro netto. Wir schützen Sie gern, aber wir müssen auch an unsere Familien denken.“ Der Franzose wird nachdenklich. Wie viel Geld er heute verliert, weil er nicht pünktlich nach Paris kommt, will er nicht sagen. „Mehr, als diese Leute im Monat verdienen. Heute nehme ich mir einen Tag Urlaub.“

Um 9.02 ist der Streik vorbei, der Bahnhof füllt sich, Menschen drängen sich um Anzeigetafeln und langsam rollen die Züge wieder los. Doch es wird noch lange dauern, bis der Verkehr sich normalisiert. Zeitsprung: Gegen 11.30 Uhr werden auf der großen Anzeige im Hauptbahnhof noch immer große Verspätungen im Fernverkehr angezeigt, bis zu 170 Minuten. „Ich bin echt sauer“, sagt die Stuttgarterin Gerlinde F. „Ich warte hier seit zweieinhalb Stunden!“ Ihr Zug sollte um kurz nach 9 fahren. „Da hieß es dann, er hat Verspätung. Erst 110 Minuten, dann 140 Minuten. Dann habe ich aufs Schild gesehen und erfahren, er fällt ganz aus! Also, ich finde das nicht gut.“ Der Streik sei schlecht, die Informationen der Bahn auch.

Für Gerlinde F. hat das Drama bald ein Ende. Sie wartet an Gleis 6 auf den ICE 9773, planmäßige Abfahrt 11.06 Uhr, 55 Minuten Verspätung. Da ist sie wenigstens am Nachmittag zu Hause in Stuttgart.

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