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Frankfurt: 15 ehrenamtliche Helfer verteilen an den langen Garnituren der Tafel in Bonames die Lebensmittel an Bedürftige. 

Polizei kommt oft

Tafel im Brennpunkt-Viertel: Ohne klare Regeln geht es nicht

Teile des Ben-Gurion-Rings in Bonames gelten als sozialer Brennpunkt. Gerade deswegen gibt die Frankfurter Tafel dort Lebensmittel aus. Es gibt klare Regeln - damit wirklich geholfen werden kann.

Frankfurt - Bei Zehntausenden Menschen in Hessen ist das Geld so knapp, dass sie sie sich bei einer Tafel mit Lebensmitteln versorgen. Die Einrichtungen verzeichnen nach Angaben des Landesverbandes, der Tafel Hessen, steigende Zahlen. 

Insgesamt werden in dem Bundesland an rund 200 Stellen zuvor gespendete Lebensmittel verteilt. Eine davon gehört zur Frankfurter Tafel, die sich in einem der größten sozialen Brennpunkte der Stadt befindet, im Stadtteil Bonames.

Frankfurt: Tafel im sozialen Brennpunkt – mit klaren Regeln

Einmal in der Woche gibt dort der gemeinnützige Verein aus Frankfurt an bedürftige Menschen Lebensmittel aus. Die Kirche St. Lioba - ein vielfach geschachtelter Klinkerbau mit dem Charme der 1980er Jahre - liegt inmitten der Hochhaussiedlung am Ben-Gurion-Ring. "Golanhöhen" werden die bis zu acht Stockwerke hohen Wohnblocks bei manchen Frankfurtern genannt. Für viele gelten sie gar als Inbegriff sozialer Schieflage. 

Das stellt auch die Organisatoren der Tafel vor Herausforderungen. "Wir brauchen hier klare Regeln - sonst funktioniert es nicht", erklärt Dagmar Heintz, die die Lebensmittelausgabe leitet und gerade einen Autofahrer zum Umparken geschickt hat - sein Wagen blockierte die Einfahrt.

Oft wird die Polizei zur Tafel in Frankfurt Bonames gerufen

Rund 15 Helfer sind in St. Lioba im Einsatz. "Wir haben hier auch schon oft die Polizei gehabt", erinnert sich einer. Meist jedoch reichen resolute Worte und klare Ansagen. Das hat Dagmar Heintz in den vergangenen Jahren gelernt.

Die Essensausgabe hat sie wie ein Unternehmen aufgebaut. Organisiert wie eine Kaserne. Bedürftige - die hier "Kunden" heißen - erhalten Nummern, die streng die Reihenfolge der Ausgabe regeln. So müssen die Kunden zwar anstehen, stürmen aber nicht ungeordnet die Tafel in Frankfurt. Ausgegeben werden die Lebensmittel im Vorraum des Hauses, in dem eine kleine Markthalle aufgebaut ist. Es gibt Stände mit Brot, an anderen werden Konserven und Feinkost angeboten, Gemüse, Käse, Blumen.

Auch ein Gastronom aus Dreieich engagiert sich für Bedürftige. Er verteilte kostenlose Pizza und Pasta an Obdachlose in Dreieich.

Tafel in Frankfurt: Anspruchsdenken ist weit verbreitet

Bevor Heintz die Leitung der Lebensmittelausgabe in Frankfurt übernahm, hatte sie die kaufmännische Leitung einer Druckerei. Eindringlich schaut die 76-Jährige ihrem Gegenüber in die Augen, gibt ebenso freundliche wie verbindliche Ansagen. "Nein, mehr kann ich Ihnen nicht geben. 

Es ist sonst nicht genug für alle da", sagt sie einem Kunden der Tafel, der sich die mitgebrachte Einkaufstasche eines nahe gelegenen Möbelhauses vollpacken will. "Wir müssen die Regeln des Miteinanders durchsetzen - auch wenn man sich damit nicht immer Freunde macht", sagt Heintz. "Ein Danke hört man selten", sagt eine der Helferinnen. "Viel häufiger kommt: Das steht mir aber zu." Anspruchsdenken sei weit verbreitet.

Die Tafel in Frankfurt ist für viele ein Segen in Bonames

Ein herzliches "Danke schön!" kommt hingegen von Margita Krems. Die 71-Jährige kommt seit knapp einem Jahr zur Tafel. "Am Anfang habe ich mich ein bisschen geschämt", erinnert sich die Rentnerin, die mit ihrem kleinen Hund in unmittelbarer Nachbarschaft in einem der Blöcke wohnt. Sie bezieht Unterstützung, ist zu 70 Prozent behindert. "Das Sozialrathaus hat mit angeboten, die Lebensmittelausgabe zu nutzen", sagt die Frau aus dem Badischen. 

Margita Krems freut sich über die "vielen tollen Lebensmittel"

Nach Frankfurt sei sie gezogen wegen ihrer Tochter und des chronisch kranken Enkels. "Deswegen muss ich jetzt auch wieder losspurten." Mit ihrer Ausbeute heute ist sie zufrieden. "So viele tolle Lebensmittel." Ihre Augen strahlen.

Frankfurt Tafel: Große kulturelle Unterschiede und hohe Bedürftigkeit

Doch die kulturellen Unterschiede sind groß in der Schlange der Wartenden. Rund 80 Prozent der Kunden haben nach Einschätzung der Vize-Vorsitzenden der Frankfurter Tafel, Edith Kleber, Migrationshintergrund. Viele von ihnen sprechen kein Deutsch. 

Genau deswegen brauche es die Tafel in dem Viertel. "Wir haben die Lebensmittelausgaben dort eingeführt, wo eine Bedürftigkeit besteht", sagt sie. Seit 1996 ist die gebürtige Frankfurterin für die Tafel tätig, kennt ihre Stadt und deren zahlreiche Problembezirke.

"Man muss Menschen helfen, wenn man es kann", fasst die platinblonde Frau ihre Devise zusammen. Am Finger trägt sie einen Brillanten in der Größe eines Einkaräters. Mit 19 Jahren begann sie, ehrenamtlich zu arbeiten.

Frankfurt: Wer sich nicht an die Regeln der Tafel hält, wird gesperrt

Seit kurzem gibt es einen weiteren Standort im Stadtteil Niederrad. Ein letzter soll im kommenden Jahr in Preungesheim oder Eschersheim folgen. Dann ist die Kapazität des Vereins erreicht. Denn die 182 ehrenamtlichen Mitarbeiter können nur das an Lebensmitteln verteilen, was sie von Unternehmen oder Privatpersonen gespendet bekommen. Und diese Menge scheint begrenzt. Selbst in Hessens größter Stadt.

Immerhin 70 bis 80 Prozent der Kunden seien für die Hilfe des Vereins dankbar, schätzt Kleber. Bei rund 15 000 registrierten Kunden eine ganze Menge. "Aber Dank erwarten wir auch nicht. Nur Respekt", meint Heintz. Notfalls per Sanktion: Wer die Regeln nicht befolgt, wird für ein halbes Jahr gesperrt.

Von Christian Rupp

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