Der Frankfurter Taxifahrer Walter Menke startet jede Nacht an der Hauptwache. In der Silvesternacht durfte FR-Redakteurin Kathrin Rosendorff ihn begleiten.  
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Der Frankfurter Taxifahrer Walter Menke startet jede Nacht an der Hauptwache. In der Silvesternacht durfte FR-Redakteurin Kathrin Rosendorff ihn begleiten.  

Frankfurt

Durch die Silvesternacht mit dem wohl ältesten Frankfurter Taxifahrer

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Walter Menke (79) fährt seit 1965 in Frankfurt Taxi. Und zwar immer nachts. In dieser Silvesternacht durften wir ihn und seine Fahrgäste begleiten.

Walter Menke sieht ein bisschen aus wie Udo Jürgens. Der 79-Jährige ist wohl Frankfurts ältester Taxifahrer. Er wirkt vom Aussehen und seiner Art aber wesentlich jünger. In Rente gehen will er nicht. „Das Taxifahren macht mir zu viel Spaß. Man weiß nie, was die nächste Fahrt bringt“, erzählt er. Seit 1965 fährt er durch die Nacht, anfangs weil er noch einen Tagesjob hatte, jetzt, weil er es spannender findet. Seit 1970 hat er seine eigene Taxikonzession. „Seitdem arbeite ich fast jedes Silvester. Denn das ist die beste Nacht für Taxifahrer. Da macht man den doppelten bis dreifachen Umsatz als an normalen Tagen.“

Im Kofferraum hat er für Notfälle Kotztüten, netten Gästen schenkt er am Ende der Fahrt eine Minitaschenlampe. Wie jede Nacht startet er auch an diesem Dienstagabend an der Hauptwache unweit von Karstadt-Sports „An normalen Tagen beginne ich um 17 Uhr, heute lohnt es sich erst ab 22 Uhr.“ Die Innenstadt ist da schon voll, einige junge Leute, zünden ihre Raketen. Viel Polizei ist im Einsatz.

Die Schlangen vor den Clubs wie dem Le Panther in der Seilerstraße sind lang. Wenige wollen vor Mitternacht aber ein Taxi. „Das war früher anders, vor allem als es noch keine Nachtbusse gab und ab 1 Uhr nichts mehr in Frankfurt oder nach außerhalb fuhr, wollte an jeder Ecke jemand mitfahren. Heute sind die Standzeiten mehr geworden.“

In Nieder-Florstadt ist Menke geboren. Als er sechs Jahre alt ist, zieht die Familie nach Frankfurt. Er macht eine Ausbildung zum Elektriker, arbeitet zunächst als Kältemonteur. „Meine damalige Frau war Mannequin, sie arbeitete auch samstags, und da war mir langweilig, Ich bin kein Typ, der in die Kneipe geht, also fing ich mit Taxifahren an.“

Der erste Kunde der Nacht

Unweit der Seilerstraße winkt der erste Kunde der Nacht. Es ist 23.30 Uhr. Der junge Mann hat schon ein paar Drinks mehr intus. „Ich will zum Hauptfriedhof. Da ist gleich die Whoka Bar. Eine Shishabar, Bruder“, sagt er zu Menke. Er telefoniert parallel mit seinem Kumpel, der ihm die Hausnummer auf der Eckenheimer Landstraße sagen soll. Da er schon sehr betrunken ist, versteht er eine falsche Hausnummer. „Das passiert öfter, dass Leute falsche Adressen angeben, wenn sie betrunken sind“, sagt Menke. Das Problem ist, dass der junge Herr eine gerade Hausnummer sagt, die ist auf der rechten Straßenseite. Die Bar ist, wie Menke aber später rausfindet, auf der linken Straßenseite, weil sie eine ungerade Hausnummer hat. Der Fahrgast ist aber sehr ungeduldig. Mitten im Wohngebiet, zehn Laufminuten weg von der Bar, sagt er: „Das passt schon. Ich steige hier jetzt aus, danke Bruderherz.“ Schnell noch verrät er seine Silvesterpläne. „Einen Drink nehmen und dann Frau.“ Auf die Frage, ob er damit seine Frau meint, sagt er: „Nee, irgendeine Frau.“ Menke lacht. Er sagt, der Mann sei betrunken, aber friedlich. Menke selbst war einmal verheiratet, hat eine Tochter aus der ersten Ehe und zwei Buben, wie er sagt.

In Bornheim lebt er nun mit seinem Rauhaardackel Nico. Wie ist das eigentlich mit betrunkenen Fahrgästen, wenn sie nicht friedlich sind? „Man muss schon aufpassen, wen man mitnimmt. Manche Betrunkene sind sehr aggressiv und ich bin schon in der Vergangenheit körperlich angegriffen worden.“ Überhaupt müsse man immer mit allem rechnen. Kürzlich sei ein Fahrgast einfach unweit der Homburger Landstraße ausgestiegen ohne zu bezahlen und quer durchs Feld geflüchtet. Andere Gäste seien eher lustig. „Bei Frauen warte ich immer aus Anstand, bis sie im Haus sind. Und als ich sah, wie eine betrunkene Kundin nicht ihre Haustür öffnen konnte, stieg ich aus und half ihr. Aber auch ich konnte die Tür nicht öffnen. Irgendwann stellte sich raus, dass sie im Nachbarhaus wohnte.“

Ein Mann, der sich von Frankfurt nach Schmitten in ein Haus mitten im Wald fahren ließ, hatte kein Geld mit. „Er schrie hoch: ‚Mutter schmeiß mal Geld fürs Taxi runter.‘ Sie rief zurück: ’Bist du schon wieder besoffen, du Sau?‘ Und sagte zu mir: ‚Nehmen Sie ihn bloß wieder mit, wo er herkam‘.“ Menke lacht.

Dann kommt ein Anruf einer Frau rein. Sie will für später in der Nacht ein Taxi von Nieder-Eschbach nach Bad Homburg vorbestellen. „An Silvester gibt es aber keine Vorbestellungen. Die Taxizentralen sind alle sowieso überlastet. Und für mich wäre das jetzt von der Innenstadt eine Leerfahrt nach Nieder-Eschbach. Das lohnt sich weder von der Zeit noch vom Geld.“

Fenster geschlossen halten

Um Mitternacht fährt er Richtung Merianplatz. Auf der Berger Straße und unweit des Luisenplatzes zünden die Menschen ihre Feuerwerke. „Man darf auf keinen Fall das Fenster aufmachen, sonst fliegen die Raketen ins Taxi“, sagt Menke. „Ich mache um Mitternacht immer eine kurze Pause, da fährt auch keiner, sondern alle sind beim Feuerwerk.“ Er besucht eine Nachbarin, stößt mit alkoholfreiem Sekt auf 2020 an, stellt sich mit ihr kurz auf den Balkon. Seine Bekannte sagt: „Die letzten Jahre war ich immer in Frankreich, da gibt es keine privaten Feuerwerke. Ich habe das schon sehr vermisst.“ Um halb eins morgens steigt Menke wieder ins Taxi.

An der Haltstelle Merianplatz steigt eine Dreiergruppe ein. Louis (29), Lia (26) und Mirija (29). „Wir haben beim tollsten Typen in Frankfurt, unserem Kumpel Boris, reingefeiert“, sagt Louis. „Es gab Austern mit Champagner sowie Trüffelpasta und Wodka- Shots. Zum ersten Mal haben wir nicht geböllert, sondern einfach Konfetti geworfen“, erzählt Mirija. Sie selbst habe sowieso nie gerne geböllert, das sei supergefährlich und mache ihr Angst. Ihr Kumpel Louis sagt: „Ich liebe böllern, aber mache das nicht mehr aus Umweltgründen. Zu viel Feinstaub.“ Die drei wollen jetzt in die Bar Shuka ins Bahnhofsviertel feiern gehen. Vier Freunde sitzen in einem anderen Taxi. Im Bahnhofsviertel ist gegen 1 Uhr schon Ausnahmezustand auf der Straße oder wie es Mirija ausdrückt: „Hier ist Amok.“ Alles ist voller Böllerreste, eine Rakete wird direkt aus einer Mülltonne rausgezündet. Auch hier sind viele Polizeiwagen im Dauereinsatz.

Menke fährt Richtung Hauptwache. Ein junges Paar steigt gegen 2 Uhr ein. „Wir wollen nach Hause nach Niederrad. Wir haben im „Alex“-Restaurant im My Zeil gefeiert. Da war aber keine gute Stimmung. Zu viel Licht, zu wenig Alkohol“, sagt der Mann und lacht. Die Rumänen leben seit einem Jahr in Frankfurt. „In Rumänien feiert man Silvester bis sieben Uhr morgens“, sagt der Mann. Beide betonen, dass sie sich sehr unwohl fühlten, auf der Zeil zu laufen. „Überall ließen die Leute Raketen knallen. Ohne auf andere zu achten“, sagt der Mann.

Auf der Gutleutstraße bis zur Friedensbrücke staut es sich. „Das ist immer an Silvester so, weil ja nur zwei Brücken für Autos befahrbar sind“, sagt Menke. Vor dem schnieken Roomers-Hotel, rauchen ein paar Gäste. Eine junge Frau klopft an Menkes Scheibe und ruft ins Taxi rein: „Ich liebe euch alle.“ Ein anderer Herr tanzt wild und fröhlich mit Kopfhörern auf dem Bürgersteig. Menke spendet ihm Applaus.

Das Pärchen aus Rumänien lacht. Auf die Frage, ob sie Jahresvorsätze hätten, antwortet sie: „Ja, mehr Kultur.“ Ihr Freund schaut sie erstaunt an und sagt: „Ach ja?“. Dann fügt er an: „Mein Jahresvorsatz ist, mehr die Klappe zu halten.“ Um 2 Uhr sind sie dann zu Hause.

Menke fährt zurück an die Hauptwache. „Ab 3 Uhr geht es an Silvester so richtig los mit den Fahrten.“

Ein vorbeilaufender Mann trägt über seiner Jeans einen weißen Bademantel wie einst Udo Jürgens, nur dass dieser nicht immer was drunter trug. „Solche Leute trifft man nur nachts“, sagt Menke und lacht. Seine Nacht geht bis 6 Uhr.

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