Wird heute zum letzten Mal in ihrem rot-weißen Kittel hinter dem Tresen stehen: Karin Becker.

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Traditionsgeschäft Becker nimmt Abschied  - Reste gehen an die Tafel

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Seit 35 Jahren betreibt Karin Becker den kleinen feinen Käseladen auf der Schweizer Straße. Heute ist Schluss. Was übrig bleibt, geht an die Tafel.

Frankfurt - Es duftet nach Brie und Camembert. Eine große Kuhglocke hängt von der Decke, kleine Kühe als Bilder, Figuren und Kunst zieren Regale. Hinter der Theke stehen drei blonde Frauen und lassen Kunden alles probieren, was sie noch nicht kennen. "Der Epoisse ist leider schon weg, aber ich kann ihnen einen schönen, kräftigen Camembert empfehlen", berät Katrin Becker (51), schneidet ein Stückchen ab, legt es auf eine Mini-Salzbrezel und reicht es der jungen Frau. "Toll, sagt sie. Den nehme ich. Und ein Stück von dem Hartkäse dort hinten und ein bisschen Frischkäse."

So geht es tagein, tagaus seit 42 Jahren im Käse Becker. Katrin Becker führt den kleinen Laden seit 35 Jahren. Doch jetzt ist Schluss. "Ohne Euch wär's nicht gegangen", ruft sie immer wieder ihren Kunden zu. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Sie hört auf aus "einer Million keinen Gründen. Es war eine wahnsinnig schöne Zeit. Jeden Tag. Ich habe auch einen richtigen Klumpen im Bauch", sagt sie tapfer lächelnd. "Die Resonanz der Kunden jetzt ist so überwältigend, dass sie wie ein Pflaster sind für die eine Million Arbeitsstunden." Sie hört auf, "weil jetzt die richtige Zeit ist. Würde ich jetzt für viel Geld alles komplett modernisieren, müsste ich noch mindestens zehn Jahre hier arbeiten. Aber ich möchte nicht irgendwann mit den Füßen nach vorne hier rausgetragen werden." Jeden Tag steht sie um fünf Uhr morgens auf, kommt vor 20 Uhr nicht nach Hause. "Was jetzt kommt, weiß ich noch nicht. Das eine oder andere Loch wird bestimmt kommen, aber ich nehme eine Leiter mit, damit ich wieder rausklettern kann", ist sie optimistisch.

Riesiges Sortiment

Kunden drängen sich vor der Theke. Fast jeder kostet ein paar Sorten. Für kleine Kinder gibt es extra milden Käse. Becker und ihre Mitarbeiterinnen in rot-weißer Schürze lächeln um die Wette, finden für jeden eine Lieblingssorte. Das Sortiment im Laden betrug einst 280 Sorten. Bis zu 180 waren immer in der Auslage. Einen Tag vor der Schließung sind es weniger. "Der Frischkäse mit Radieschen und Schalotten war der erste, den wir angeboten haben. Er war und ist bis zum Ende unser Klassiker. Fünf Kilo sind noch da", sagt sie und füllt eine Schale. "Die Mädels werden froh sein, wenn sie keine Radieschen und Schalotten mehr sehen müssen", sagt sie lachend mit Blick auf ihre Mitarbeiterinnen.

Eine von ihnen geht in Rente, die anderen haben neue Stellen gefunden. "Sie wussten von der Schließung seit Januar", so Becker. Dennoch werden alle die duftenden Käsesorten aus bäuerlicher Herstellung vermissen.

Viele Stammkunden

"So ein Käse ist absolut rein, da wird nichts gestreckt", sagt die Expertin. "Die großen Käsereien in der Normandie gehen zu den kleinen Bauern, kaufen sie auf und holen sich ihr Know-How. Wenn sie das haben, wird billig produziert, die Könner fliegen raus und haben keine Chance mehr, neu anzufangen", sagt Becker. Sie ist überzeugt, dass sich Ware von Kleinbauern lohnt. Sie plädiert für etwas kleinere Portionen, dafür aber mit besserer Qualität. Nicht nur der Geschmack sei ein anderer. "Die ganzen Allergien, die Kinder heute schon haben, kommen oft von Billigware. Früher gab's das so nicht." Ihre Kunden können nicht glauben, dass heute schon Schluss ein soll. "Das geht doch nicht, ich lasse mir hier jede Woche ein Käsebrötchen machen", sagt eine Frau. Es tröstet sie nicht, dass es bis zum Ende alles für den halben Preis gibt. "Ich nehme jetzt ganz viel Käse auf Vorrat mit - so einen Laden gibt es nicht an jeder Ecke." Becker ist entschlossen. "Es ist vorbei. Bis morgen verkaufen wir noch und was nicht weggeht, bekommt die Tafel."

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