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Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Zahl der Beratungsanfragen bei der Verbraucherzentrale Hessen stark gestiegen, berichtet Philipp Wendt, geschäftsführender Vorstand. Bis Ende September konsultierten bereits mehr Verbraucher die Experten als im gesamten Jahr 2019. Foto: Enrico Sauda

Verbraucherzentrale erhält mehr Zulauf

In der Schuldenfalle wegen Corona - Bei vielen wird in der Pandemie das Geld knapp

  • vonBrigitte Degelmann
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Immer mehr Menschen suchen aktuell Beratungsstellen auf, weil das Geld nicht mehr reicht: Gründe sind unter anderem Kurzarbeit und Jobverlust in der Corona-Pandemie.

Frankfurt – Bis Mitte März sahen die Zahlen bei Klaus Friedrich* ganz gut aus: Der Frankfurter Hotel-Angestellte, geschieden, ein Kind, verdiente pro Monat rund 2600 Euro netto. Für den Lebensunterhalt - unter anderem Miete, Lebensmittel, Auto und Versicherungen - brauchte er 2300 Euro. Blieben 300 Euro zur freien Verfügung, etwa für Urlaub und Extra-Anschaffungen. Doch dann kam Corona. Klaus Friedrich musste in Kurzarbeit und hat plötzlich nur noch 1940 Euro monatlich zur Verfügung. Die Folge: ein Loch auf dem Konto, das immer größer wird.

Wirtschaftliche Folgen der Corona-Pandemie machen sich bemerkbar

Solche Nöte begegnen den Experten der Verbraucherzentrale in Frankfurt derzeit häufig. Seit August habe man wiederholt mit Problemen zu tun, die mit den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie zusammenhängen, berichtet Philipp Wendt, seit Mai Vorstand der Verbraucherzentrale Hessen mit Sitz in Frankfurt. Davor sei es meist um Reiserecht gegangen, vor allem wegen ausgefallener Flüge.

Bei deren Erstattung ließen sich die Fluggesellschaften nach wie vor Zeit, trotz eindeutiger Rechtslage. Anfang Oktober seien etwa bei der Lufthansa noch mehr als 700.000 Anträge offen gewesen, bei denen es um rund 350 Millionen Euro ging. Erst wenn Passagiere eine Schlichtungsstelle einschalteten oder Klage einreichten, reagierten die Fluggesellschaften, hat der Vorstand der Verbraucherzentrale beobachtet: „Diese Praxis ist ein Skandal.“

Seit Juli gibt es keinen Zahlungsaufschub mehr

Inzwischen aber wenden sich immer öfter Hilfesuchende an die Einrichtung, weil das Einkommen nicht mehr ausreicht. Etwa Menschen, die wegen der Krise in Kurzarbeit sind oder ihren Job verloren haben. Oder Selbstständige, die aufgrund der Pandemie kaum mehr Aufträge haben. „Das Kurzarbeitergeld hilft zwar, aber man sieht, wie wenig Luft viele Menschen haben“, sagt Wendt. „Die Leute haben keine finanziellen Spielräume.“

Was hinzukommt: Bei längerfristigen Verträgen - zum Beispiel für Strom, Gas, Wasser, Telefon und Internet - durften Verbraucher die Zahlungen für die Monate April, Mai und Juni zurückhalten, ohne dass die Leitungen gesperrt wurden. Auch bei manchen Versicherungsverträgen war das möglich. Seit Juli gilt dieser Zahlungsaufschub allerdings nicht mehr. Die Folge: Unternehmen fordern nun die entsprechenden Schulden ein. Doch etliche Verbraucher können diese nicht begleichen.

Philipp Wendt kennt etwa den Fall eines Angestellten, der Mitte März in Kurzarbeit geschickt wurde. Um seine Lebenshaltungskosten zu senken, schob er die Zahlung der Stromabschläge auf. Bis der Energieversorger im Sommer die volle Summe forderte. Doch der Mann konnte nicht zahlen, weil er inzwischen arbeitslos geworden war - woraufhin ihm eine Stromsperre drohte.

Steigende Kosten bei weniger Geld durch die Corona-Pandemie

Letzteres könne schneller passieren, als sich viele vorstellten, sagt der Verbraucherzentralen-Vorstand: „Dafür reichen schon Energie-Schulden von 100 Euro.“ Das entspricht etwas dem monatlichen Stromkosten-Abschlag eines Vier-Personen-Haushalts. Zwar müsse eine Stromsperre erst einmal angeordnet und dem Verbraucher drei Tage vor Inkrafttreten nochmals angekündigt werden, erklärt Wendt. Dennoch ereilte dieses Schicksal im Jahr 2018 rund 33.000 Menschen in Hessen. In diesem Jahr könnten es deutlich mehr werden, befürchtet der Vorstand. Auch deshalb, weil in vielen Haushalten der Stromverbrauch vermutlich gestiegen sei. Zum Beispiel wegen des Homeschoolings. Und weil etliche Menschen mehr zu Hause blieben als vor der Pandemie.

Dabei wäre es sinnvoller, wenn Energieversorger erst einmal zu einem Schlichtungsgespräch mit dem Verbraucher verpflichtet würden, bevor sie ihm den Strom abklemmten, findet Wendt: "Da kommt man zu viel besseren Ergebnissen." Davon profitierten letztlich auch die Unternehmen, weil die Chancen stiegen, dass die Rechnungen doch noch bezahlt würden. Außerdem plädiert er dafür, dass der Gesetzgeber in Fällen von Vorauskasse für eine Absicherung sorgt. Dann müssten etwa Passagiere bei ausgefallenen Flügen nicht monatelang ihrem Geld hinterherlaufen.

„Nicht warten, bis nichts mehr geht“

Dem arbeitslosen Angestellten blieb die Stromsperre übrigens erspart - dank der Unterstützung der Verbraucherzentrale. Sie half dem Mann, mit dem Stromversorger einen Zahlungsplan sowie niedrigere Raten zu vereinbaren. Auch Klaus Friedrich zeigte die Einrichtung einen Weg aus den finanziellen Problemen auf: Sie riet ihm, das Auto zu verkaufen und einen Untermieter für ein Zimmer in der Wohnung zu suchen, und half ihm bei der Erstellung eines Schuldenplans. Einen Tipp für Menschen, deren Einkünfte knapp werden, hat Philipp Wendt noch parat: „Man sollte möglichst früh eine Beratung aufsuchen. Und nicht warten, bis gar nichts mehr geht.“ (Von Brigitte Degelmann) *Name von der Redaktion geändert.

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