+
Eindrücke aus dem Frankfurter Frauenhaus. Eine von häuslicher Gewalt Betroffene steht vor einem Fenster.

Hilfe 

Misshandelt, missbraucht und gedemütigt - Verein hilft Opfern häuslicher Gewalt

Seit 1976 unterstützt der Verein "Frauen helfen Frauen Frankfurt" Opfer häuslicher Gewalt. Wohnungsnot und Cyber-Stalking erschweren ihm derzeit die Arbeit.

  • Verein "Frauen helfen Frauen Frankfurt" unterstützt Opfer häuslicher Gewalt
  • Häusliche Gewalt ist ein Teufelskreis
  • Frauen melden sich selbstständig in der Beratungsstelle an

Frankfurt -"Alle 72 Stunden wird in Deutschland eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner ermordet", sagt Christa Wellershaus und wirkt dabei sehr ruhig. Das muss sie wohl auch, sonst könnte sie ihren Beruf nicht ausüben. Die Sozialarbeiterin hat täglich mit Frauen zu tun, die von ihren Partnern misshandelt, missbraucht, bedroht, verfolgt und gedemütigt werden. Wellershaus ist Leiterin des autonomen Frauenhauses von "Frauen helfen Frauen Frankfurt", 99 Frauen und 102 Kinder fanden 2018 dort Zuflucht. Mit einem Praktikum begann ihre Tätigkeit für den Verein, 33 Jahre ist das nun her. Wie sie es schafft, mit dem, was sie jeden Tag erlebt, klarzukommen? "Mit Humor, viel Sport, und ich fokussiere mich auf unsere Erfolge."

Gerade die Trennung vom gewalttätigen Partner stellt für viele Frauen oft eine zusätzliche Gefahr da - ihre Männer meinen, sie hätten nun nichts mehr zu verlieren, und schrecken auch vor Mord nicht zurück. Das alles hat Wellershaus schon miterlebt. Daher ist ein Zufluchtsort wie das Frauenhaus sehr wichtig. Die Frauenhäuser sind deutschlandweit untereinander vernetzt. "Häufig nehmen wir Frauen aus anderen Bundesländern auf oder vermitteln Frauen aus Frankfurt in andere Bundesländer, damit sie möglichst weit weg sind und nicht gefunden werden können", so Wellershaus. 

Frankfurt: Gewalt gegen die Mutter trifft auch die Kinder

Für viele Frauen macht das die Trennung zusätzlich schwer: Zum einen haben sie Angst vor der Rache des Partners, zum anderen müssen sowohl sie als auch die Kinder ihr gewohntes Umfeld verlassen: Schule, Freunde, Verwandtschaft. Die Mitarbeiterinnen des Vereins versuchen, den Frauen in solchen Situationen klar zu machen, dass Gewalt gegen die Mutter auch die Kinder trifft und dass sie ihren Nachwuchs schützen, wenn sie sich von ihrem Partner trennen. Es sei eine Illusion der Erwachsenen, wenn sie glauben, Kinder bekämen von Streit und Gewalt in der Partnerschaft nicht viel mit. "Ich habe mal zwei Sechsjährige im Sandkasten darüber reden hören, was sie zu Hause erlebt haben", erzählt Wellershaus. "Im Kindergarten und in der Schule hatten sie sich mit niemandem austauschen können. Aber im Frauenhaus haben sie sich getroffen und konnten sich einander anvertrauen." 

Eine ähnliche Erfahrung machen auch die Frauen selbst - viele Freundschaften, die im Frauenhaus geschlossen werden, halten noch über Jahrzehnte, die Frauen helfen sich gegenseitig bei der Aufarbeitung. "Die Belastung hört nicht mit der Trennung auf", sagt Wellershaus. Die meisten Frauen bräuchten Jahre, um mit der Vergangenheit abzuschließen, ebenso die Kinder. Manchen gelingt es auch gar nicht, sie wiederholen als Erwachsene in ihren eigenen Beziehungen Muster, die sie von ihren Eltern kennen. "Zweimal musste ich Frauen im Frauenhaus wiedersehen, die ich schon als Kinder gekannt hatte", erinnert sich Wellershaus. "Das war sehr schlimm für mich."

Frankfurt: Häusliche Gewalt ist ein Teufelskreis 

In der Beratungsstelle von "Frauen helfen Frauen" begegnet Sozialpädagogin Birgitt Schnitzler immer wieder Frauen, die die Brutalität, die sie erlebt haben, herunterspielen und ihren Partner in Schutz nehmen. "Manche glauben sogar, dass sie es verdient haben. Sie denken, dass sie ihr Verhalten nur ändern müssten, damit die Gewalt aufhört", so Schnitzler. "Ich versuche dann, ihnen klar zu machen, dass es nie aufhören wird, egal was sie tun. Das Problem liegt nicht bei ihnen, sondern bei ihrem Partner." Die Sozialpädagogin betont, dass sie in der Beratungsstelle Frauen aus allen Schichten und Kulturen begegnet - Gewalt in der Beziehung ist keine Frage des Milieus.

Viele der betroffenen Frauen werden durch ihre Partner von der Außenwelt isoliert, haben nur noch wenig soziale Kontakte. Die Geschichten, die Wellershaus und Schnitzler erzählen, schockieren. Oft handeln sie nicht ausschließlich von körperlicher, sondern auch von psychischer und ökonomischer Gewalt. Sie berichten von einer Frau, die ihr tägliches Haushaltsgeld nur ausgezahlt bekam, wenn sie Sex mit ihrem Partner hatte, oder von einer Frau, deren Lebensgefährte ihr den Kopf schor, weil sie sich weigerte, ein Kopftuch zu tragen. Welcher Mann so etwas macht? "Das sind vermeintlich ganz normale Männer, von denen Sie es nie erwarten würden", antwortet Wellershaus. "Wohlmöglich haben Sie gerade Ihren Kaffee bei einem von Ihnen gekauft."

Gerade die psychische Komponente der Gewalt ist es, die sich auf das Selbstwertgefühl der Frauen auswirkt und dafür sorgt, dass ihnen oft sehr lange der Mut fehlt, um sich aus der Situation zu befreien. "Dabei sind die betroffenen Frauen nicht schwach", betont Wellershaus, "denn um so etwas überhaupt auszuhalten, braucht es auch Stärke." Viele stünden ihrem Partner zudem noch ambivalent gegenüber: Sie haben Angst vor ihm, hoffen aber zugleich, dass er sich bessert und die Beziehung wieder so wird, wie sie es am Anfang war. "Denn es war ja mal so etwas wie Liebe", sagt Schnitzler. Häufig hört sie von den Frauen in ihrer Beratungsstelle die tollsten Liebesgeschichten, voller Romantik und großer Gesten. Ihr wahres Gesicht zeigen die Täter oft erst dann, wenn sie sich der Partnerin sicher sind.

Verein "Frauen helfen Frauen Frankfurt": Auch Männer werden Opfer

792 Frauen hat "Frauen helfen Frauen Frankfurt" im Jahr 2018 beraten, meist zu den Themen häusliche Gewalt oder Stalking. Die Frauen melden sich selbstständig in der Beratungsstelle an. Manche werden auch über die Polizei vermittelt, wenn es beispielsweise einen Einsatz gab. "Das ist eine sehr positive Entwicklung. Als ich in den 80ern mit dieser Arbeit anfing, tat die Polizei häusliche Gewalt noch mit Sprüchen wie 'Pack schlägt sich, Pack verträgt sich!' ab", so Wellershaus. Sie beobachtet ein Umdenken in der Gesellschaft, das sie zum einen ihrer eigenen Arbeit und der Arbeit ihrer Mitstreiterinnen zuschreibt, zum anderen auch Gesetzesreformen wie dem 2002 in Kraft getretenen Gewaltschutzgesetz. Es macht beispielsweise möglich, dass ein Täter die gemeinsame Wohnung auf richterliche Anordnung verlassen muss. Auch die 1997 in Kraft getretene Änderung von Paragraf § 177 StGB ist hier zu nennen, die Vergewaltigung in der Ehe strafbar macht. Diese noch recht junge Reform führt vor Augen, dass die gesetzliche Wahrung der Menschenrechte in der Bundesrepublik auch am Ende des 20. Jahrhunderts noch keine Selbstverständlichkeit war. Auch konnten vor 1997 juristisch gesehen nur Frauen Opfer von Vergewaltigung werden.

Fälle von häuslicher Gewalt haben zugenommen - Die Behörden wollen besser zusammenarbeiten

In Frankfurt steigt die Zahl der bei der Polizei gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt, 2018 waren es 1484 Fälle, so viel, wie in den ganzen neun Jahren zuvor nicht. Allerdings wächst auch die Bevölkerung kontinuierlich. Betrachtet man die sogenannten Häufigkeitszahlen, die das Straftatenaufkommen pro 100 000 Einwohner aufführen, so befinden sich diese seit rund zehn Jahren auf gleichbleibendem Niveau. In den im Jahr 2018 gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt in Frankfurt waren 1191 der Opfer weiblich, 273 männlich. "Bei Männern ist die Dunkelziffer vermutlich sehr hoch", so Schnitzler. "Wir konzentrieren uns hier allerdings auf die Frauen. Für Männer gibt es das Männerzentrum als Anlaufstelle." Gewalt in Beziehungen ist immer noch ein gesellschaftliches Tabu-Thema. Sind die Betroffenen männlich, ist die Scham besonders groß, weil die Opferrolle nicht ins klassische Bild von Männlichkeit passt. Aber auch betroffene Frauen schweigen oft beharrlich aus Scham und Furcht.

Häusliche Gewalt als gesellschaftliches Tabu-Thema

"Frauen helfen Frauen" finanziert sich über Zuschüsse von Stadt und Land sowie über die Belegung des Frauenhauses, Spenden und Bußgelder. Fallarbeit, Vorträge in Schulen, Öffentlichkeitsarbeit - das alles wird mit diesen Geldern gestemmt. Immer wichtiger werden auch die Themen Cybercrime und Cyberstalking: Viele Frauen, die in die Beratungsstelle kommen, werden im Internet von Männern verfolgt, manchen wurden auch Spionage-Programme von ihren Partnern aufs Handy gespielt. "Wir brauchen daher dringend eine Fachstelle, wo wir Frauen hinschicken können, damit ihre Laptops oder Handys in Ordnung gebracht werden", so Schnitzler. "Wir selbst bilden uns auf dem Gebiet regelmäßig weiter, es ist aber sehr komplex."

Verein will mit mehr Aufklärung und Prävention Frauen vor Gewalt schützen

Wellershaus sieht ein großes Problem in der Wohnungsnot. Die macht es den Frauen im Frauenhaus schwer, ein neues Zuhause für sich und ihre Kinder zu finden. Viele müssen daher länger als nötig bleiben und blockieren so unfreiwillig die Plätze, die andere Frauen in akuten Bedrohungssituationen dringend bräuchten. Der Verein wünscht sich daher von der Politik ein festes Kontingent an Wohnungen, das explizit für Frauen aus dem Frauenhaus reserviert ist.

von Henriette Nebling

Kontakt  

Telefon (0 69) 48 98 65 51, E-Mail: info@frauenhaus-ffm.de; Homepage: www.frauenhaus-ffm.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare