+
Barrierefreiheit lässt weiter auf sich warten

Barrierfreier Nahverkehr

Barrierefreiheit bei der Straßenbahn in Frankfurt lässt weiter auf sich warten

  • schließen

Besonders bei Straßenbahnfahrten müssen Fahrgäste weiter Stufen bewältigen. Dabei ist laut Gesetzgeber vorgeschrieben, dass ab 2022 Stationen barrierefrei sein sollten. 

  • Barrierefreier Ausbau der Straßenbahnstationen lässt auf sich warten
  • S-Bahn Stationen schon fast alle ausgebaut
  • Ginnheim wird Umsteigeknoten

Frankfurt - Der Nahverkehr in Frankfurt wird nicht rechtzeitig bis Ende 2021 barrierefrei sein. Das wird knapp zwei Jahre vor dem Ablauf der Frist, die der Bund gesetzt hat, klar. Besonders bei Straßenbahnfahrten müssen sich Fahrgäste weiter auf viele Stufen einstellen. Immerhin klappt es aber im Netz eines anderen Massenverkehrsmittels.

Barrierefrei muss der Nahverkehr mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus ab 2022 sein, schreibt der Bund im 2013 novellierten Personenbeförderungsgesetz vor. Bei der Straßenbahn wird Frankfurt diese Vorgabe definitiv reißen: "63 von 139 Straßenbahn-Haltestellen sind noch nicht barrierefrei", erklärt Bernd Conrads, Sprecher der städtischen Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF). 

Frankfurt: Straßenbahnstationen werden ab 2022 nicht barrierefrei sein

Allzu schnell werde sich das leider auch nicht ändern, räumt Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) ein. In der Vergangenheit seien erst die Stationen umgebaut worden, bei denen dies schnell möglich gewesen sei. Nun seien nur noch jene übrig, bei denen der Umbau aufwendig und kompliziert sei. An vielen Stellen müsse die gesamte Straße umgebaut werden, etwa in Bornheim-Mitte entlang der Münchener und in Teilen der Mainzer sowie der Hanauer Landstraße.

Überall dort werde es das "Wiener Modell" geben, wo eine Fahrbahn erhöht wird, damit Fahrgäste ebenerdig in die auf der anderen Spur haltenden Straßenbahn einsteigen können. Solche Lösungen gibt es schon an den Stationen Ostbahnhof/Honsellstraße und Rohrbach-/Friedberger Landstraße. "So etwas lässt sich nicht von heute auf Morgen realisieren", so Oesterling. 

Frankfurt: Straßenbahnstationen mit Ausstieg auf die Straße

Zumal ein barrierefreier Umbau stets auch den Umbau der benachbarten Fußgängerampeln beinhalte, da diese als Bestandteil der Station gelten. Das verteuere solche Vorhaben nochmals erheblich. Immerhin: Alle Fahrzeuge von U-Bahn und Straßenbahn sind schon barrierefrei. Lediglich wegen des Fahrzeugmangels fahren während der Rushhour eine Handvoll älterer Trams mit Stufen. Diese sollen jedoch ab Dezember durch neue Fahrzeuge ersetzt werden.

Die Niederflurwagen hätten auch eine Klappe, über die Rollstuhlfahrer in die Bahnen gelangen könnten, erinnert der Dezernent. "Das ist eine große Erleichterung, entspricht aber nicht dem Gesetz". Das schreibe vor, dass jeder den Nahverkehr selbstständig nutzen können müsse.

Der weitere Haltestellen-Umbau sei "priorisiert" und er habe die jährlichen Mittel dafür auch erhöht, betont Dezernent Oesterling. Die nächste Aktualisierung der Prioritätenliste für die Umbauten wolle er im Sommer mit dem Entwurf des neuen Nahverkehrsplans vorlegen. Der Dezernent kritisiert, dass der Bund zwar die Vorgabe gemacht habe, den Kommunen aber das dafür notwendige Geld nicht zur Verfügung stelle.

Frankfurt ist nicht alleine: in vielen Städten sind die Stationen nicht barrierefrei

Mit dem Verzug bei der Barrierefreiheit sei Frankfurt übrigens auch "nicht alleine" - viele Städte könnten die Frist nicht einhalten, darunter Berlin. Aber in einem Frankfurter Netz klappt es doch: "Die Barrierefreiheit für die U-Bahn werden wir schaffen", ist Oesterling zuversichtlich. Nur drei Stationen seien es bisher nicht.

Für das Westend sind die Pläne fertig: Hier soll ein Fahrstuhl vom Bahnsteig hoch auf eine Mittelinsel auf der Bockenheimer Landstraße führen. Dagegen regt sich aber Widerstand im Stadtteil. "Die Diskussion ärgert mich", sagt Oesterling. Die favorisierte Lösung sei die beste, bequemste und zuverlässigste - zudem ohne einjährige Sperrung von U 6 und U 7, die für den Einbau eines Schrägaufzugs nötig wäre. Die Lösung habe sich andernorts bewährt, das gebe es in Berlin "überall".

Frankfurt: Umsteigeknoten Ginnheim

Noch nicht barrierefrei sind zwei weitere U-Bahn-Stationen. Für den Umbau der Haltestelle Römerstadt laufen bereits Vorplanungen. Die Haltestelle Niddapark soll wieder Fahrstühle erhalten, sobald nebenan die neue S-Bahn-Station Ginnheim wohl Ende 2022 in Betrieb gehen wird. Dann entsteht ein Umsteigeknoten zwischen der S 6, U 3 und U 9 mit tausenden Fahrgäste am Tag.

Bisher zieht die einst passend zur Bundesgartenschau erbaute Station aber kaum Fahrgäste an. Das führte zu Vandalismus, weshalb die dort schon einmal vorhandenen Fahrstühle vor Jahren wieder ausgebaut worden waren. Mit mehr Fahrgästen und dadurch mehr sozialer Kontrolle, so hofft es Oesterling, werde es dieses Problem in Zukunft in mehr geben. Dennis Pfeiffer-Goldmann

Kommentar: Nicht einfach, aber einfach notwendig

Ein (fast) vollständig barrierefreies U-Bahn-Netz: Damit hat Frankfurt eine Herkulesaufgabe bewältigt. Konstant und zielgerichtet hat die Verkehrsgesellschaft VGF eine Station nach der anderen modernisiert. Tausende Fahrgäste danken es ihr jeden Tag - Menschen im Rollstuhl, Eltern mit Kinderwagen, Senioren, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, Reisende mit schwerem Gepäck.

Der schöne Erfolg wird dadurch getrübt, dass die Stadt bei den Straßenbahn- und Bushaltestellen ihre Hausaufgaben noch lange nicht erledigt hat. Natürlich ist der Umbau des über anderthalb Jahrhunderte gewachsenen Netzes mit hunderten Haltestellen ein Mega-Projekt. Willen und Geld vorausgesetzt, wäre das aber in zehn Jahren machbar gewesen. Den Willen hat die Stadtpolitik auch. Doch beim Geld hat sich der Bund einen schlanken Fuß gemacht. Ganz schön schofel.

Also muss Frankfurt alleine werkeln. So intensiv die Stadt das tut, es wäre nicht falsch, wenn sie eine Schippe drauflegte. Höchste Eisenbahn ist es für einen baldigen Umbau stark frequentierter Haltestellen wie Galluswarte, Südbahnhof oder Bornheim-Mitte. Oder mit Priorität jener Stopps, die besonders intensiv von Senioren genutzt werden wie Waldschmidt-, Beuthener, Brücken- und Textorstraße. Keine Frage: Nicht jeder Umbau ist billig oder einfach. Aber sie sind alle einfach notwendig. Um allen Menschen die Teilhabe am täglichen Leben zu ermöglichen. Da genügt es nicht, auf den Bund zu schimpfen. Man muss selbst die Ärmel hochkrempeln!

Sechs von 26 S-Bahn-Stationen sind noch umzubauen

Relativ weit vorangekenommen ist auch die S-Bahn Rhein-Main - obwohl die Barrierefrei-Vorgabe für die "große" Eisenbahn nicht gilt:

Nur sechs von 26 Stationen im Frankfurter Stadtgebiet seien noch nicht barrierefrei, erklärt eine Sprecherin der S-Bahn. Unter ihnen sind der Westbahnhof, für den ein Genehmigungsverfahren läuft und der ab 2021 umgebaut werden soll, sowie der Ostbahnhof, für den es Überlegungen für den Einbau eines Fahrstuhls zum Bahnsteig gebe.

Auf der Liste für Umbauten stehen außerdem die Stationen Lokalbahnhofund Ostendstraße. Höchstist nominell umgebaut. Ein anderer Knackpunkt ist die stark frequentierte Station Galluswarteim Westen der Stadt, wo ein barrierefreier Umbau "baulich herausfordernd" wäre, erklärt die Sprecherin. Nach einer Lösung werde derzeit noch gesucht.

Nicht mehr umgebaut werde die Station Mainkur. Sie soll mit dem Bau der nordmainischen S-Bahn bis Ende des Jahrzehnts aufgelassen und durch die Station Fechenheim in Höhe der Ernst-Heinkel-Straße ersetzt werden.

An vier weiteren Stationen in Frankfurt müssten noch barrierefreie Zugänge zu einzelnen Bahnsteigen ergänzt werden, erklärt die Sprecherin weiter. Das gelte für Griesheim, Farbwerke Hoechstund den Südbahnhof. Letzterer werde sukzessive nachgerüstet. Der Frankfurter Bergwerde bis zum Jahr 2023 durch den Ausbau der S 6 barrierefrei. 

Von Dennis Pfeiffer-Goldmann

Senioren ärgern sich derweil über den neuen Bus-Fahrplan: In Frankfurt fährt Linie 47 am Abend nicht mehr. Die ständigen Verspätungen der S-Bahn in Frankfurt rufen den RMV auf den Plan. Der Verkehrsverbund fordert weitreichende Nachbesserungen. Der VGF-Star Bahnbabo versteigert einen stylischen Strickpulli für den guten Zweck

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare