Energetisch betrachtet beginnt im Höchster Industriepark ein neues Zeitalter: Die Gasturbinenanlage soll dort den Ausstieg aus der Kohle ermöglichen. Joachim Kreysing, Volker Bouffier, Andre Hawkridge und Jürgen Vormann (von links) versenken zur Grundsteinlegung die obligatorische Zeitkapsel. Foto: Maik REuß
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Energetisch betrachtet beginnt im Höchster Industriepark ein neues Zeitalter: Die Gasturbinenanlage soll dort den Ausstieg aus der Kohle ermöglichen. Joachim Kreysing, Volker Bouffier, Andre Hawkridge und Jürgen Vormann (von links) versenken zur Grundsteinlegung die obligatorische Zeitkapsel. Foto: Maik REuß

Wirtschaft

Frankfurt: Mit Volldampf in die Zukunft

  • vonManfred Becht
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Der Betreiber des Höchster Industrieparks, Infraserv, investiert 300 Millionen Euro in eine neue Gasturbinenanlage. Die Dimensionen des Projekts sind gewaltig: 90 Meter hoch werden die Schornsteine in den Himmel ragen, 3000 Tonnen Stahl werden verbaut.

Frankfurt -Man kann wohl tatsächlich sagen, dass sich im Industriepark Höchst das Ende einer Ära sehr konkret abzeichnet - das Ende nämlich der Energiegewinnung durch die Verbrennung von Kohle. Im Jahre 2022 soll es so weit sein, und möglich werden soll dieser Schritt dank einer neuen Gasturbinenanlage. Zur symbolischen Grundsteinlegung - der Bau hat längst begonnen - kam gestern Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) in den Industriepark.

Es ist schon ein Projekt beachtlicher Dimensionen, das da auf einer Fläche von 4800 Quadratmetern mitten im Industriepark entsteht. Das Kesselhaus wird auf einer zwei Meter starken Betonplatte ruhen und 50 Meter hoch werden; verbaut werden dabei etwa 3000 Tonnen Stahl. Die Kamine ragen bis zu 90 Meter hoch in den Himmel, der größte hat einen Durchmesser von sechs Metern. Wenn alles fertig ist, wird Industriepark-Betreiber Infraserv rund 300 Millionen Euro ausgegeben haben.

Und warum das alles? Die Anlage dient vor allem der Erzeugung von Dampf, der im Industriepark in vielen Anlagen gebraucht wird. Jede der beiden Anlagen produziert pro Stunde 200 Tonnen Hochdruckdampf, der mit einer Temperatur von 520 Grad Celsius die Anlage verlässt, dazu noch 22 Tonnen Niederdruckdampf. Verbraucht werden dafür stündlich 36 000 Kubikmeter Erdgas. Die elektrische Leistung jeder Anlage beträgt 88 Megawatt.

Dabei ist die Stromerzeugung das Spannendere an der Anlage. Der Strom wird, so weit er nicht selbst verbraucht wird, in das allgemeine Stromnetz eingespeist. Und: Die Stromerzeugung könne verringert werden, ohne die Dampfherstellung zu drosseln, betont Infraserv-Geschäftsführer Joachim Kreysing. Liefern Windräder und Photovoltaikanlagen viel Strom, wird bei Infraserv die Stromerzeugung zurückgefahren, und umgekehrt. "Das unterstützt die Priorität der erneuerbaren Energien", so Kreysing.

Auch Ministerpräsident Volker Bouffier hat einiges an lobenden Worten mitgebracht. Die Corona-Krise müsse man nicht nur bewältigen, sondern auch die Weichen für eine gute Zukunft stellen. Damit meint er die Wirtschaft, will aber auch die große Herausforderung des Klimaschutzes annehmen. "Wenn wir klug sind, verbinden wir die Dinge miteinander", so der Ministerpräsident. Eine Million Tonnen Kohlendioxid pro Jahr würden durch die Anlage eingespart, hat er sich sagen lassen. "Wir machen einen gewaltigen Schritt nach vorne."

Wenn Bouffier das Sagen hätte, das wurde deutlich, käme es wohl am kommenden Freitag im Bundestag nicht zu einem Beschluss, der die Infraserv ziemlich ärgert. Voraussichtlich nämlich werden bei der Beschlussfassung über das Kohleausstiegsgesetz die Förderrichtlinien für Anlagen der Kraft-Wärme-Kopplung, wozu auch die neue Gasturbinenanlage zählt, geändert. Dass dies rückwirkend passiert und somit auch diese Anlage betrifft, das ist aus Sicht der Infraserv fatal.

Die Bundesregierung lasse fundamentale rechtsstaatliche Prinzipien wie Vertrauensschutz und Investitionssicherheit außer Acht, schimpft Kreysing. Was er meint: Bei einer solchen Investition wird eine Wirtschaftlichkeitsberechnung gemacht, unter Einbeziehung der staatlichen Förderung. Müssen Unternehmen damit rechnen, dass sich solche Bedingungen noch nach dem Baubeginn ändern, werden sie mit Investitionsentscheidungen dieser Art vorsichtiger sein.

Dies könne sich etwa bei der Forschung im Zusammenhang mit der Wasserstoff-Strategie der Bundesregierung auswirken, fürchtet Kreysing. "Die Forschung von heute sind die Arbeitsplätze von morgen", kennt auch der Ministerpräsident die Bedeutung der Entwicklungsarbeit. Für die Infraserv sei es immerhin besser, es komme jetzt zu einer klaren Entscheidung, als dass es über Jahre keine klare Richtung gebe, gibt Bouffier zu bedenken. Vom Umfang der staatlichen Förderung hängt das Projekt allerdings nicht ab. Die Anlage wäre seiner Einschätzung nach auch ohne die sich abzeichnenden Beschlüsse gebaut worden, so Jürgen Vormann, ebenfalls Geschäftsführer der Infraserv auf Nachfrage dieser Zeitung. Für sein Unternehmen machen die Gesetzesänderungen allerdings schon einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag aus. Die Anlage wird für die Infraserv nun teurer - in welchem Umfang sie dies an ihre Kunden, also die Betriebe im Industriepark, weitergeben muss, steht für Vormann noch nicht fest. Manfred Becht

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