Infraserv-Geschäftsführer Dr. Joachim Kreysing, RMV-Geschäftsführer Prof. Knut Ringat und Verkehrsstaatssekretär Jens Deutschendorfer (v. li.) bei der Übergabe des Förderbescheids vor den Maschinen, die den Wasserstoff zur Vertankung auf 500 bar verdichten. FOTO: Maik Reuß
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Infraserv-Geschäftsführer Dr. Joachim Kreysing, RMV-Geschäftsführer Prof. Knut Ringat und Verkehrsstaatssekretär Jens Deutschendorfer (v. li.) bei der Übergabe des Förderbescheids vor den Maschinen, die den Wasserstoff zur Vertankung auf 500 bar verdichten.

Energie

Frankfurt: Warum der drittbeste Weg der beste sein kann

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Land Hessen fördert Wasserstoff-Tankstelle im Industriepark mit rund 2,5 Millionen Euro

Frankfurt -"Hier wird für einen Weltrekord gebaut", sagt Knut Ringat, Geschäftsführer Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV). Das, was im Industriepark Höchst umgesetzt werde, sei "ein Riesenschritt für den RMV in Richtung Mobilität ohne Schadstoffe". Von den Erfahrungen, die hier künftig gesammelt würden, werde die gesamte Branche profitieren.

Weltrekord, das sind die 27 mit Wasserstoff angetriebenen Züge, die mit dem Jahresfahrplan 2023 auf vier Taunus-Strecken in Betrieb gehen sollen: Eine größere Flotte gibt es weltweit im Personenverkehr nirgends. Zur Betankung der Züge wird im Industriepark Höchst seit Oktober vorigen Jahres eine Wasserstoff-Tankstelle samt Zusatz-Infrastruktur errichtet. Das Land Hessen fördert den Bau der Schieneninfrastruktur mit rund 2,5 Millionen Euro, das sind knapp 60 Prozent der hierfür anfallenden Kosten. Außerdem hat das Land für die Erstellung vorbereitender Gutachten und den Bau einer mobilen Zugbetankungseinrichtung mehr als 800 000 Euro zur Verfügung gestellt. Für die Betankungseinrichtung als solche stellt der Bund Fördermittel bereit.

Gestern hat Verkehrsstaatssekretär Jens Deutschendorf (Grüne) den Förderbescheid an Dr. Joachim Kreysing, Geschäftsführer von Infraserv Höchst, übergeben. Es handle sich um ein "außerordentliches Technologieprojekt mit erheblicher Strahlkraft", führte Deutschendorf Ringats Superlative weiter: "Energiewende trifft auf Verkehrswende." In Hessen, so Deutschendorf, werde 50 Prozent aller produzierten Energie im Verkehr benötigt. Ziel sei es, diese Energie ausschließlich aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen - das derzeit nur zur Hälfte gelingt. Da in Hessen jedoch rund ein Drittel aller Bahnstrecken nicht elektrifiziert seien, gebe es noch viel Potenzial, Dieselabgase zu verhindern.

Dr. Joachim Kreysing, kühl analysierender Chemiker, bescheinigte dem RMV, mit "Weitsicht und Pragmatismus" die drittbeste Lösung gewählt zu haben. Die beste, so Kreysing, wäre die Elektrifizierung der Strecken gewesen, was aber anderthalb Jahrzehnte gedauert hätte. Die zweitbeste Lösung wäre gewesen, "grünen" Wasserstoff zu verwenden - das ist Wasserstoff, der aus Wasser durch Wasserspaltung mit Elektrolyseuren aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Der Wasserstoff des Industrieparks, der als Abfallprodukt in Chemieanlagen anfällt, gilt als "grauer" Wasserstoff. Der "grüne" jedoch sei in den benötigten Mengen weder verfügbar noch bezahlbar, weshalb er auch als "Champagner der Energiewende" gelte, so Kreysing: "Wir wollen in Deutschland zu häufig perfekt sein und verlieren dabei oft das eigentliche Ziel aus den Augen." Es sei ein Fehler, "Brückentechnologien" wie diese nicht zu nutzen, um schneller ans Ziel zu kommen - und das Ziel sei eben die Einsparung von Tonnen von CO2.

Infraserv Höchst ist schon seit 15 Jahren in der Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie aktiv, und im Industriepark sind mehrere Unternehmen dabei, neue Technologien voranzutreiben. Kreysing betonte, dass politische Rahmenbedingungen und regulatorischen Vorgaben so gestaltet sein müssten, dass Innovationen erfolgreich umgesetzt werden könnten.

Um jederzeit die Betankung der Züge sicherzustellen zu können, baut Infraserv neben der eigentlichen Tankstelle und einer Verdichterhalle auch einen Elektrolyseur, der mit "grünem" Strom "grünen" Wasserstoff herstellt. Das Geld des Landes wird für die Schienen-Infrastruktur verwendet, etwa für eine neue Rampe zur einzigen Brücke, die über die Hoechster Farbenstraße die Schienenverbindung nach "außen" darstellt - damit die einpendelnden Personenzüge den vielen Kessel- und Container-Wagen nicht in die Quere kommen, die tagtäglich im Werk rangiert werden.

Wasserstoff ist im Hinblick auf die Vernetzung aller Sektoren der Energiewirtschaft und Industrie sowie zur Speicherung gerade nicht benötigter Wind- oder Sonnen-Energie ein elementarer Baustein der Energiewende. Aus diesem Grund sind bisher mehr als 100 Wasserstoff- und Brennstoffzellenprojekte in Hessen umgesetzt worden. Allein in den vergangenen drei Jahren hat das Land Hessen rund 25 Projekte mit mehr als 8,5 Millionen Euro finanziell gefördert. Holger Vonhof

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