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Wohnungsmangel ist in Frankfurt besonders hoch.

Preisexplosion

Wege aus der Wohnungsnot - Das sind die besten Tipps von Experten

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Die Mietpreise im Rhein-Main- Gebiet schießen durch die Decke. Für Normalverdiener wird es immer schwieriger, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Wir haben Ideen von Experten zusammengetragen, die Auswege aus der Krise aufzeigen.

Frankfurt - Hessens Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) spricht sich dafür aus, bei der Wohnungssuche die ganze Region in den Blick zu nehmen und nicht nur in besonders beliebten Stadtteilen nach einem Zuhause zu suchen. Gleichzeitig will er eine Mietpreisbremse für doppelt so viele Kommunen wie bisher verhängen und sie auf das gesamte Stadtgebiet der betroffenen Orte ausweiten.

Die Mietpreisbremse war 2015 eingeführt worden, um die Preise bei Neuvermietungen zu begrenzen. In Frankfurt und anderen Kommunen waren aber einige Stadtteile von der Regelung ausgenommen. Das hatte für heftige Kritik gesorgt, denn es bestand die Befürchtung, dass genau dort die Mieten dann umso kräftiger steigen. Das will der Minister nun ändern. "Wir prüfen gerade, ob es rechtlich möglich ist, auf Stadtteilausnahmen zu verzichten", kündigt Al-Wazir im Interview mit dieser Zeitung an. "Wenn es einen rechtssicheren Weg gibt, dann bin ich sehr dafür, dass die Mietpreisbremse in den großen Städten in Hessen ausnahmslos gilt", sagt der Grünen-Politiker. Alles andere sei schwer vermittelbar.

Der nächste Schritt werde dann sein, "dass wir die Kündigungssperrfrist bei der Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen auf acht Jahre ausweiten", kündigt der 48-Jährige an und ergänzt: "Wir wollen sogar so weit gehen, dass die Städte in einigen Gebieten die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen untersagen können."

Wohnungsnot: Al-Wazir fordert mehr Wohnungsbau

Vor allem aber müsse dringend mehr gebaut werden, fordert der Minister. Durch die zahlreichen Initiativen der schwarz-grünen Landesregierung hofft Al-Wazir, bis zum Ende der Legislaturperiode in fünf Jahren Druck aus dem Mietmarkt nehmen zu können.

Allein die Stadt Frankfurt geht von einem Bedarf von 90 000 Wohnungen in den nächsten Jahren aus. Einen weiteren Stadtteil zu bauen ist allerdings in der Stadt und im Umland hochumstritten. Breiten Widerstand gibt es gegen eine Trabantenstadt am Pfingstberg im Norden der Stadt. Zudem stemmen sich die Nachbarkommunen gegen Pläne für neue Stadtteile im Nordwesten zwischen Praunheim und Steinbach wie auch im Westen zwischen Unterliederbach und Sulzbach.

Als einen Ausweg will Frankfurt nun verstärkt vorhandene Häuser aufstocken. Das hat die Stadtregierung gerade zur Strategie erklärt. In den Fokus nimmt die Kommune dabei Mehrfamilienhaussiedlungen aus den 1950er- bis 1970er-Jahren, die in möglichst einheitlicher Eigentümerschaft sind. 7000 Wohnungen könnten hier durch Aufstockungen und Dachausbauten bis 2030 entstehen, erklärt Planungsdezernent Mike Josef (SPD). In der Platensiedlung läuft bereits ein solches Vorhaben: Hier werden aktuell Dreigeschosser um zwei Stockwerke ergänzt.

Derlei Aufstockungen seien zwar "ein Spezifikum der Oberzentren", erklärt Verbandsdirektor Thomas Horn vom Regionalverband Frankfurt Rhein-Main. Denn nur dort gebe es sehr große und einheitliche Wohnsiedlungen, in denen Aufstockungen relativ einfach und in großem Stil möglich sind.

Neue Wohnungen: Das Potenzial ist groß

2016 hatte sein Verband in einer Studie ein Potenzial von 93 000 Wohnungen durch Aufstockungen im ganzen Rhein-Main-Gebiet herausfinden lassen. Realistisch sei davon ein Drittel umsetzbar, "das entspräche einer Neubau-Grundfläche von 460 Hektar", betont Thomas Horn, groß wie 610 Fußballfelder. "Das zeigt, wie groß das Potenzial ist."

Mehr Wohnraum könne in der Region recht schnell durch zusätzliche Bauten auf großen Grundstücken und in Baulücken geschaffen werden, ist der Verbandsdirektor überzeugt. "Hier sind viele Grundstücke sehr groß." Oftmals könne ein weiteres Haus auf den Grundstücken entstehen oder es könnten ältere Einfamilien- durch Mehrfamilienhäuser ersetzt werden. "Dafür ist allerdings die Akzeptanz der Bevölkerung notwendig", weiß Horn. Alteigentümer der Grundstücke und örtliche Politiker reagierten auf entsprechende Anregungen "oft zurückhaltend". Den Baubehörden der Kommunen hat der Regionalverband bereits Baulücken-Kataster zur Verfügung gestellt. Untersucht hat der Regionalverband ebenso die Möglichkeiten, vorhandene Supermärkte um Wohnungsetagen aufzustocken. 3000 bis 5000 Wohnungen könnten hier entstehen, erklärt der Verbandsdirektor. Minister Al-Wazir will eigens einen Supermarkt-Gipfel ins Leben rufen, um Möglichkeiten für Wohnungsbau in oberen Stockwerken auszuloten.

In den 75 Städten und Gemeinden in der Region hat der Verband 680 Standorte von Lebensmittelmärkten ausgemacht, von denen die Hälfte eingeschossig sei und sich prinzipiell fürs Aufstocken eigne. Das aber stoße an Grenzen: "Ein Supermarktgebäude in Frankfurt kann man sicher auf fünf Stockwerke aufstocken", sagt Horn, "aber das geht nicht in Hammersbach."

Der langjährige Frankfurter Planungsdezernent und heutige Projektentwickler Martin Wentz (SPD) hält es für möglich, den Frankfurter Wohnbedarf im Stadtgebiet zu befriedigen. Er sieht noch Potenzial für 80 000-100 000 neue Wohnungen und denkt dabei besonders an die Bebauung von Ackerland im Frankfurter Norden, wo auch der Pfingstberg liegt.

Professor Georg-Christof Bertsch hingegen hält eine zu dichte Bebauung Frankfurts auch aus klimatischen Gründen für problematisch. Er empfiehlt ähnlich wie Al-Wazir, eher regional zu denken und skizziert eine Metropolregion Rhein-Main. Deren Radius erstrecke sich etwa 100 Kilometer bis hin zu Städten wie Marburg, Fulda oder Limburg. Um sie anzubinden, müsse der Nahverkehr verbessert werden.

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