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In Frankfurt-Oberrad wird auf Krähen geschossen. Die Meinungen darüber gehen auseinander. 

Meinungen gehen auseinander 

Wegen Schüssen auf Krähen: Spaziergänger haben Angst 

Dass in Frankfurt auf Krähen geschossen wird, ist für die einen ein Segen und für die anderen ein riesiges Ärgernis. 

Frankfurt - Die Jagd auf Krähen auf den Feldern macht vielen Oberrädern Sorgen. Im Moment ist Schonzeit, es wird nicht geschossen. Der Abschuss der Vögel ist von Anfang August bis Ende Dezember erlaubt. In diesen vier Monaten ist der Jäger, der das Gebiet gepachtet hat, auch sehr aktiv.

Das war nicht immer so. Der Jäger, der nicht mit Namen in der Zeitung stehen will, hat das Gebiet erst seit zwei Jahren gepachtet. Davor fand etwa zwei Jahre lang keine Jagd dort statt. Das habe seiner Ansicht nach zu einer Überpopulation der Rabenkrähen geführt. Die Vögel haben es auf Engerlinge im Ackerboden, aber vor allem auf Vogeleier und die Brut von Kleintieren wie Hasen abgesehen. Im Feld höre und sehe man kaum Singvögel, sagt der Jäger. Und genau das sei der Grund, warum er die Krähen bejage. Es seien einfach zu viele.

Frankfurt: Spaziergänger durch Schüsse auf Krähen nicht gefährdet 

Den Anwohnern am Feld gefällt das nicht. Sie fühlen sich durch die Schüsse gestört. Manche haben Angst, spazieren zu gehen. Die Furcht sei aber unbegründet, entgegnet der Jäger. "Wir schießen ohnehin nur mit Schrot, der eine geringe Reichweite hat. Es besteht keine Gefahr für Menschen oder andere Tiere."

Es sei denn, jemand springe dem Jäger bewusst vor den Lauf. Wie eine Tierschützerin es offenbar getan hat, die am Feldrand wohnt. Der Jäger sagt, er habe sich mächtig erschreckt, als die Dame plötzlich wenige Meter entfernt vor ihm stand und rief: "Hören Sie auf zu schießen!" Das sei töricht und hochgefährlich - für beide Seiten.

Im Ortsbeirat 5 war die Jagd auf Krähen in Frankfurt jüngst wieder Thema. Oberräder Anwohner beschwerten sich darüber, dass der Jäger Spaziergänger gefährde und erschrecke, besonders Menschen mit Hunden - mindestens einmal sei ein Hund nach einem Schuss durchgegangen - und Mütter mit kleinen Kindern. "Bei mir hat sich noch keine Mutter beschwert", entgegnet der Jäger.

Einige Gärtner hätten sich bei ihm sogar für seine Arbeit bedankt. Er jage zwar nicht in ihrem Auftrag, aber sie profitierten davon. Denn die Krähen würden die Saatreihen ablaufen auf der Suche nach kleinen Pflänzchen, die von Engerlingen angefressen werden. Um an die Würmer zu kommen, zögen die Krähen die jungen Pflanzen aus dem Boden, die damit vernichtet seien.

Frankfurt: Jäger will ökologisches Gleichgewicht herstellen 

Früher sei die Krähenjagd deshalb in Oberrad ganz normal gewesen. "100 Jahre lang gibt es das Revier", sagt der Jäger. Sein Vorgänger erlaubte ihm schon 2011, auf Krähen zu schießen. Nach dessen Tod habe zwei Jahre lang niemand das Jagdrecht in Frankfurt-Oberrad gehabt. Er habe das Revier vor zwei Jahren pachten können. Sein Anliegen sei es, dort ein ökologisches Gleichgewicht herzustellen, ein Umfeld herzustellen, in dem auch Bodenbrüter, Feldhasen und Singvögel leben könnten. Sogar einen Eisvogel habe er am Bewässerungsgraben gesichtet. Doch welcher Vogel könne seiner Brut sicher sein, wenn die Krähen in der Überzahl seien, die die Eier verspeisen? Auf den bewirtschafteten Feldern finden die Tiere besonders viel Nahrung. Auch auf Komposthaufen finden sie viel Essbares. Deshalb blieben sie hier und vermehrten sich immer weiter, sagt der Jäger. Doch gerade hier, wo auch Fischreiher und Eisvogel zu Hause seien, müsse man eingreifen, um das Gleichgewicht zu erhalten.

Ethik missbiligt Jagd auf Krähen in Frankfurt - „Natur reguliert sich selbst“ 

Dass in Oberrad die Natur noch vergleichsweise intakt sei, sagt auch der Anwohner Christian Müller. Er ist Tierethiker und hat einen Lehrauftrag an der Frankfurter Goethe-Universität. Seiner Ansicht nach besteht kein Grund, die Krähen zu jagen und zu töten. "Die Natur reguliert sich selbst", sagt Müller und verweist auf diverse Studien. Diese hätten ergeben, dass die Krähen nicht die Hauptschuldigen einer Auslöschung ganzer Vogelpopulationen seien, sondern ganz andere Faktoren dafür verantwortlich seien. "Selbst wenn man sämtliche Rabenkrähen erschießt, werden bestimmte Arten wahrscheinlich nicht zurückkehren. Es ist der Mensch, der sie verdrängt hat."

Zudem tut es dem Tier-Ethiker persönlich weh, so viele Rabenkrähen vor seinen Augen sterben zu sehen. "Ich halte die Tiere für hochintelligent und sie sind Personen. Sie haben ein Selbstbewusstsein, können auf dem Niveau eines fünfjährigen Kindes Aufgaben lösen, nutzen Werkzeuge und geben Informationen an ihren Nachwuchs weiter", zählt er auf. Zahlreiche Forscher hätten dies belegt, es sei längst bekannt. Die Krähen hätten einen geringen Einfluss auf das Überleben von Bodenbrütern und Singvögeln.

Gerade in Oberrad funktioniere das Ökosystem gut, auch mit den Krähen. "Hier gibt es Stare, Spatzen, Zaunkönige, Meisen, Rotkehlchen, Amseln, Bachstelzen, Bussarde und Habichte, sogar ein paar Feldhasen. Es ist nicht nötig, hier einzugreifen." Sogar der Deutsche Jagdverband schreibt: "Landwirte, Jäger und Stadtbewohner fordern einen Abschuss der Rabenkrähe: Der Allesfresser bedrohe Singvogelgelege und verursache landwirtschaftliche Schäden. Zumindest Ersteres ist widerlegt und ein Singvogel ist er zudem selbst."

Weil das Jagen gesetzlich erlaubt ist, sind dem Ortsbeirat die Hände gebunden. Wenigstens sollten Schilder aufgestellt werden, die auf die Jagd hinweisen, damit die Oberräder Bescheid wissen. Der Jäger selbst sagt, er habe Schilder angebracht, die aber gestohlen wurden. Deshalb habe er die Stadt Frankfurt gebeten, Schilder aufzustellen.

Die Stadt Frankfurt kann die Jagd nicht verbieten. Hier gilt das Hessische Jagdgesetz. Die erlaubte Abschusszeit wurde verkürzt, ehedem war es bis Mitte Februar erlaubt.

Im Ortsbeirat kam der Vorschlag auf, dass die Grenzen des Jagdgebietes verschoben werden könnten. "Das würde aber nicht viel bringen, weil sie dann woanders gejagt würden", sagt Christian Müller. 

Von Stefanie Wehr

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