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1953: Robert-Blum-Schüler des Jahrgangs 1939/40 besuchen das Schullandheim.

Geschichte

Die dunkle NS-Vergangenheit der Wegscheide - Als die Nazis die Oberhand hatten

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Wer in Frankfurt aufgewachsen ist, war mindestens ein Mal auf der Wegscheide. Über die Nazi-Vergangenheit wissen aber nur wenige Bescheid.

Frankfurt - Etwa 650 Stiftungen gibt es in Frankfurt, sie alle stellen sich auf der Internetseite der Stadt vor. Im Beitrag der Stiftung Frankfurter Schullandheim Wegscheide sorgt ein Satz für Widerspruch, der sich auf das Jahr 1938 bezieht: "Die Gesellschafter der Kinderdorf Wegscheide GmbH wandelten die GmbH in eine Stiftung um, um die Wegscheide vor dem Zugriff der NSDAP zu schützen." Das sei "aller Wahrscheinlichkeit nach eine Lüge der Nachkriegszeit", sagt der Frankfurter Historiker Gunter Stemmler und fordert die Streichung dieser Behauptung, weil sie durch nichts bewiesen werde.

Stemmler sieht seine Einschätzung durch die Akten erhärtet, die es über die Stiftung gibt und die erst vor kurzem von der Stiftung selbst zur Archivierung an das Frankfurter Institut für Stadtgeschichte übergeben wurden. Stemmler fand in den neun Ordnern keinen einzigen Hinweis, der die Behauptung der Stiftung zur Umwandlung belegt.

NS-Zeit in Frankfurt: Auch Schullandheim Wegscheide betroffen

Umgekehrt gebe es in den Akten aber auch keinen Hinweis gegen diese Darstellung, kontert Reimund Noack, Geschäftsführer der Stiftung Frankfurter Schullandheim Wegscheide und sieht deshalb keinen dringenden Handlungsbedarf. Die Entscheidung über eine Textänderung - ob im Internet oder in einem Dokument wie der Stiftungssatzung - liege laut Noack bei der zuständigen Stadträtin, Schuldezernentin Sylvia Weber (SPD) und dem Stiftungsvorstand.

Stramm nationalsozialistisch: Schüler der Rudolf-Schule 1933 bei einem Aufenthalt auf der Wegscheide. Fotos: Privat (4), Thomas Schmidt

Gunter Stemmler argumentiert mit historisch belastbaren Fakten. Das Schullandheim Wegscheide, im August 1920 auf dem ursprünglichen Gelände eines Militärlagers als GmbH gegründet, wurde am 5. Dezember 1938 in eine Stiftung umgewandelt. Gesellschafter waren damals Rektor August Jaspert und Oberlandesgerichtsrat Ernst Wagner (Bürgerausschuss).

Schullandheim Wegscheide in Frankfurt: Kriegsgefangenenlager der Nazis

Wenige Monate später war die Rechtsform des Schullandheims völlig ohne Bedeutung: Am 27. August 1939 beschlagnahmte die Wehrmacht das Wegscheide-Gelände und richtete dort ein Kriegsgefangenenlager ein. Hier starben im Dritten Reich allein 1430 russische Zwangsarbeiter, die in Massengräbern bestattet wurden.

1923 wurde Demokratie noch groß geschrieben: Mitglieder des Schülerparlaments treffen sich auf der Wegscheide.

Heimatforscherin Gudrun Kauck (Wächtersbach) war 2015 beim alljährlichen Tag der offenen Tür im Schullandheim. Sie kritisierte nach dem Besuch, "wie hier heute mit der Geschichte der Wegscheide umgegangen wird. Alles sollte wie Friede, Freude, Eierkuchen erscheinen, jede Frage nach der Vergangenheit wurde unterdrückt".

Frankfurt Wegscheide: Dokumente belegen Einfluss der Nazis

In Frankfurt gibt es ein in Deutschland einmaliges Ehrenbuch, das Goldene Buch der Stiftungen. In dieses hat sich im Jahr 1939 die Wegscheide-Stiftung eingetragen, unterschrieben wurde die Seite vom gesamten Stiftungsvorstand - das waren damals neben den Gesellschaftern Jaspert und Wagner die Frankfurter Stadträte Rudolf Keller (Schuldezernent), Werner Fischer-Defoy (Sozialdezernent) und Bruno Müller (Rechtsdezernent). Dokumentiert ist (u. a. vom Fritz Bauer-Institut und dem Jüdischen Museum Frankfurt), dass Müller zahlreiche, vor allem jüdische Stiftungen im Auftrag des NS-Oberbürgermeisters Friedrich Krebs ausgeplündert hat - Stiftungen waren mitnichten vor dem Zugriff der NSDAP geschützt.

Stemmler: "Da Jaspert und Wagner auf dem rechten Flügel weit außen standen und die Stiftung unter die Hoheit des NS-Staates kam mit den NSDAP-Mitgliedern Müller und Fischer-Defoy, gab es in der politischen Ausrichtung der Leitung vorher und nachher keine weltanschauliche Distanz zum Nationalsozialismus." Stemmlers Urteil ist eindeutig: "Es kann sich also nicht um Widerstand gehandelt haben."

Stadtrat Müller hat 1933 im Auftrag von OB Krebs das Goldene Stiftungsbuch angelegt. Krebs hat sein "Hilfswerk des Oberbürgermeisters" an Heiligabend 1936 als erste Stiftung eingetragen, die Wegscheide war 1939 die fünfte Stiftung im repräsentativen Prachtband.

Schullandheim Wegscheide in Frankfurt: Geschichtsklitterung

Nach dem Krieg (ab 1949) war Bruno Müller wieder für die Frankfurter Stiftungen zuständig und hat damals wider besseren Wissens behauptet, das Stiftungsbuch sei 1930 angelegt worden. Aufgrund dieser Lüge wurde das ursprüngliche Titelblatt mit Hakenkreuz und der Datierung "Nach dem 30. Januar 1933" durch ein neues Titelblatt mit der Angabe "von 1930 an" ausgetauscht - und schon war aus dem Werk der Nazis ein Ehrenbuch der Weimarer Republik geworden. Es ist Gunter Stemmler zu verdanken, dass diese Geschichtsklitterung aufgedeckt wurde.

Der Historiker hält es für möglich, dass dieser Müller auch den brisanten Satz über die Umwandlung der Wegscheide-GmbH in eine Stiftung in die Welt gesetzt hat. Für Stemmler widerlegen Fakten aus der NS-Zeit diese Behauptung eindeutig. Mitte September hat er sich daher an Stadträtin Weber, Seniorin der Stiftung, gewandt mit der Bitte, "diese fehlerhaften Darstellungen korrigieren zu lassen". Seit zwei Monaten wartet Stemmler auf Antwort.

Das neue Gästehaus der Wegscheide ist offiziell eröffnet und nach dem deutschen Pädagogen Adolph Diesterweg benannt. So ist es, nach 20 Jahren auf die Wegscheide zurückzukehren, ein Artikel aus der fnp.de*.

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