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Sie tischten für Hilfsbedürftige ordentlich Leckeres auf. Von links: Tanja Groß und Frank Meyer vom DRK sowie Sabi Uskhi und Talin Como vom Verein Street Angel. 

Aktion in Rödelheim

Obdachlose sind sprachlos: Streetangels und DRK organisieren große Weihnachtsfeier

Das gab es noch nie. Das Deutsche Rote Kreuz Rödelheim hat gemeinsam mit dem Verein Street Angel 300 Hilfsbedürftige in Rödelheim bekocht, beschenkt und Zeit zum Genießen geschenkt. Inklusive Busfahrten von und zum Bahnhofsviertel.

Rödelheim – Wenn ein Reisebus mit über 50 Plätzen vor dem DRK in Rödelheim hält und lauter Menschen staunend aussteigen, ist etwas Ungewöhnliches los. Die Garage ist voller Kleidung, ordentlich sortiert nach Männern, Frauen und Kindern. Der lange Flur gleicht einem Geschenkemeer voller Weihnachtsmotive und bunten Schleifen vom Boden bis fast zur Decke.

Im Hauptraum sind endlos lang scheinende Tische weihnachtlich geschmückt mit Girlanden, Sternen und Servietten. Gerippte und Besteck sind liebevoll gedeckt. Ein Weihnachtsbaum leuchtet in Rot und Gold. Immer mehr Männer und Frauen suchen sich erwartungsvoll einen warmen Platz. "Wir wollen, dass es euch heute richtig gut geht. Wir bringen euch selbst gemachtes Essen und Geschenke", sagt Sabi Uskhi, Gründer des Vereins Street Angel. "Lasst es euch gut schmecken", begrüßt Frank Meyer (66), Chef der Ortsvereinigung City West beim DRK die ungewöhnlichen Gäste.

Seit diesem Jahr kooperieren die beiden Vereine. Meyer ist selbst sonntags mit dabei, wenn die Street Angel mit ihrem Essenswagen ins Bahnhofsviertel fahren und Bedürftige mit Essen versorgen. "Wir leisten auch medizinisch Unterstützung, wenn es nötig ist", so Meyer, während er einer jungen Frau den Rücken mit Salbe einreibt. Nadine (24) gehört nicht zu den Obdachlosen, sondern zu den Helfern des Weihnachtsfestes in Rödelheim. "Ich habe wohl zu viel geschleppt", sagt sie lachend.

Frankfurt: Obdachlose freuen sich über Weihnachtsgeschenke

Fast 800 bunt verpackte Geschenke wurden gestapelt, Berge an Kleidung sortiert und ordentlich so hingelegt, dass jeder finden kann, was er braucht. Zwei volle Tage lang hat Dolores Thede vom DRK hat gemeinsam mit drei weiteren Frauen in der kleinen Küche Gemüse geschnippelt, Suppe gekocht, und Klöße geknetet. Bis zu den Ellenbogen hängt sie im Teig und lacht. Mit Nikolausmützen und Weihnachtsmannhaarbändern stehen sie in der kleinen dampfenden Küche. Sie rühren und brutzeln, kochen Kaffee und Kinderpunsch, spülen und schwitzen. Ausgelöste Putenschenkel der Metzgerei Heinrich werden gebacken, die Bäckereien Kaiser Biobäckerei, Heberer und Huck haben Brötchen und Kuchen gespendet und Tegut 250 Nikolaustüten. Die fleißigen Ehrenamtlichen sortieren, bauen auf und begrüßen ihre Gäste.

Die können es kaum fassen. "Das ist so schön", "danke" und "frohe Weihnachten" sagen alle, denen nicht die Sprache wegbleibt. Peter Dill spielt und singt live "Imagine", später stoßen noch Toby John & Sammy dazu, spielen Reggae und Jazz. Kürbissuppe mit Ingwer, als Hauptspeise Putenschenkel mit Rotkohl, Klößen oder Reis, buntes Gemüse und zum Nachtisch Kuchen werden Gang für Gang von den fröhlichen Engeln serviert und abgeräumt. Die Gäste entspannen langsam, nicken im Takt zur Musik und scheinen völlig angstfrei zu sein. Beim Rausgehen bekommen sie noch eine Tüte voller Lebensmittel und können sich Anziehsachen, Hygieneartikel und alles, was man braucht, aussuchen.

Frankfurt: Aktion für Obdachlose: "Die Street Angel, das ist wie eine Familie" 

Die meisten nehmen ihre Päckchen mit. "Für Weihnachten", sagen sie. Nur wenige können ihrer Neugierde kaum widerstehen. Eine sehr schlanke Frau findet eine weiße Mütze, Socken und eine Armbanduhr. Tränen laufen ihr über das Gesicht. "Ich habe seit vier Jahren keine Uhr mehr", sagt sie. Erinnerungen kommen wieder zurück. Schöne Erinnerungen. "Ich hatte einen Beruf, eine Familie. Dann ist alles zusammengebrochen", sagt sie leise. "Hier ist es gut. Die Street Angel, das ist wie eine Familie." Das berichten auch andere, bevor sie wieder in den Reisebus steigen. "Die helfen uns immer. Sprechen mit uns." Uskhi und Meyer nicken. "Es sind keine Menschen zweiter Klasse. Sie haben Schicksale", so Uskhi. Nicht nur sie. Er erzählt davon, dass auch jedes Stück Spende eine Geschichte hat. "Schuhe von verstorbenen Ehemännern tun den Frauen weh. Sie lassen wieder ein Stück ihres Mannes gehen." An diesem Nachmittag ist das Leben gut zu den Menschen, die auf der Straße leben. Und für die, die ihn ermöglicht haben. Ehrenamtlich. Aus Nächstenliebe.

Von Sabine Schramek

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