An den Grundschulen in Frankfurt sind viele Stellen nicht besetzt. Damit der Unterricht stattfinden kann, wird Lehrern immer mehr abverlangt. Das hat Überlastung und daraus resultierend Krankheit zur Folge. Foto: Felix Heyder

Kinder sind Leidtragende

Lehrer arbeiten am Limit: An vielen Grundschulen in Frankfurt sind Stellen nicht besetzt

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In Frankfurt gibt es viel zu wenig Grundschullehrer. Die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte ist enorm gestiegen.

Frankfurt - Wer sich an Frankfurts Grundschulen nach der Personalsituation, nach der Arbeitsbelastung und der Stimmung innerhalb des Kollegiums umhört, der bekommt zunächst ein Seufzen zu hören. Dann wird aufgezählt, was in den Bildungseinrichtungen schiefläuft. Der Tenor: Die Arbeitsbelastung sei enorm gestiegen. Förderpläne schreiben, Dokumentationen verfassen - die administrativen Aufgaben seien mehr geworden. Der Grund: Es gibt zu wenig Grundschullehrer. Die Situation wird sich eher noch verschärfen statt entspannen.

Frankfurt: Zu wenig Lehrer an Grundschulen

Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung geht davon aus, dass bis 2025 in Deutschland mindestens 26.300 Lehrer an Grundschulen fehlen. Das sind 11.000 mehr, als von der Kultusministerkonferenz angenommen wurden. Die Bildungsforscher führen ihre Berechnung auf steigende Schülerzahlen zurück.

Auch Frankfurt wächst. Derzeit hat die Stadt 752.321 Einwohner. Immer mehr Menschen zieht es hierher - darunter viele Familien mit Kindern. Hinzu kommt eine steigende Anzahl von Geburten. Deshalb gehen die städtischen Statistiker davon aus, dass bis Ende 2030 in Frankfurt mehr als 810.000 und bis Ende 2040 fast 830.000 Menschen leben werden.

Frankfurt: Immer mehr Schüler an Grundschulen

Die Folge: Auch die Zahl der Schüler steigt. Allein bei den Kindern, die in die erste Klasse eingeschult werden, erwartet man bis zum Schuljahr 2023/24 einen Anstieg auf 7508 Mädchen und Jungen. In diesem Jahr wurden rund 6650 Kinder eingeschult. Die Gesamtzahl der Grundschüler in allen Jahrgängen soll allein in den kommenden vier Jahren von 25.002 Schülern derzeit auf 27.457 ansteigen.

"Die Situation ist schon dramatisch", sagt Anna Schmidt. Die Leiterin einer Grundschule, heißt anders, will aber aus Angst vor dem Dienstherrn ihren richtigen Namen aber nicht in der Zeitung lesen. "Seit Jahren sehen wir, dass der Engpass bei der Lehrerversorgung immer schlimmer wird, aber nichts passiert. Das macht mir Kummer." Sie selbst gehe bald in Ruhestand. "Ich habe das Gefühl, ein sinkendes Schiff zu verlassen."

Derzeit arbeiten an der Grundschule im Frankfurter Norden mit mehr als 300 Schülern 17 voll ausgebildete Grundschullehrer, ein Sozialpädagoge und ein Sozialarbeiter. Zwei Stellen sind vakant. Der Unterricht sei jedoch gesichert. Stunden fallen selten aus. Das funktioniere aber nur, weil es drei studentische Hilfskräfte gebe.

Frankfurt: Kinder an Grundschulen sind Leidtragende

Nicht nur Schmidt klagt über Personalmangel an ihrer Schule. Auch eine andere Schulleiterin berichtet von vakanten Stellen, von überlasteten und kranken Kollegen. "Die Kinder und Lehrer bleiben auf der Strecke", sagt sie. "In der Grundschule müssen wir die Kinder auffangen, ihnen den Weg ebnen für ihre schulische Zukunft. Doch dafür haben wir keine Zeit mehr. Wenn ich an die Zukunft denke, wird mir angst und bange."

Wie viele Stellen an den Grundschulen in Frankfurt derzeit offen sind, kann das Kultusministerium noch nicht sagen. Für das laufende Schuljahr gebe es noch keine endgültige Statistik zur Stellen- und Personenzahl, heißt es in Wiesbaden. Diese werde im November vorliegen. Vorher wolle man keine "Wasserstandsmeldungen" herausgeben. Für Frankfurt waren 52 neue Grundschullehrer vorgesehen. "Grundsätzlich gilt, dass die Einstellungsverfahren zum neuen Schuljahr sich bis zu den Herbstferien hinziehen", teilte Stefan Löwer, Sprecher von Kultusminister Alexander Lorz (CDU), mit. "Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass wir die weit überwiegende Zahl der zugewiesenen Lehrerstellen auch besetzen können." 

Frankfurt: Stellen an Grundschulen nicht besetzt

In den Fällen, wo Lehrkräfte für eine Vertretung einen zeitlich befristeten Vertrag bekämen, gelinge dies allerdings derzeit oftmals nicht mit ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern mit zweiter Staatsprüfung im vorgesehenen Lehramt. "Daher arbeiten wir hier auch mit Quereinsteigern und Abordnungen aus anderen Lehrämtern."

An den Grundschulen ist die einhellige Meinung, dass ohne die unfertigen Lehrer und Quereinsteiger "heutzutage nichts mehr geht". Sie übernehmen sogar Klassenleitungen. Doch auch das bedeutet wieder Mehrarbeit für die ausgebildeten Kollegen. "Sie müssen an die Hand genommen werden, ihnen muss das System Schule nahegebracht werden", sagt Benedikt Gehrling, Leiter der Erich-Kästner-Grundschule in Niederursel und Sprecher der Grundschulleiter. Er kennt die Klagen seiner Kollegen. Zwar sei seine Schule derzeit personell gut aufgestellt, aber es gebe Schulen, da würden drei, vier und mehr Lehrer fehlen. Die Konsequenz: Förderkurse müssten ausfallen, ebenso die eine oder andere Sport- oder Musikstunde. "Zwei Lehrer im Unterricht, gerade in der ersten Klasse, wo man sich intensiv um die Kinder kümmern muss, sind schon lange eine Seltenheit", so Gehrling.

Frankfurt: Keine Lösung für Grundschulen in Sicht

Doch auch er hat keine Lösung, vor allem keine kurzfristige. Immerhin dauert das Lehramtsstudium inklusive des Referendariats mindestens sechs Jahre. "Und dann darf man auch nicht vergessen: Die Konkurrenz ist groß", sagt Gehrling. Ein frisch ausgebildeter Fluglotse würde 10.000 Euro im Monat verdienen, eine Grundschullehrerin 2700 Euro. "Da muss man schon schauen, dass der Beruf auch attraktiv ist."

Von Julia Lorenz

Der Magistrat von Frankfurt hat die neuen Planungsrahmen für die Grundschulen beschlossen. Es soll ein Aufbruch in moderne Schularchitektur sein und eine Öffnung in den jeweiligen Stadtteil.

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