Ein Lehrer steht an der Tafel. Foto: Julian Stratenschulte/dpa
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Ein Lehrer steht an der Tafel.

Bildung

Frankfurt: Wenn Schüler einfach abtauchen

  • VonMichelle Spillner
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313 Frankfurter Jugendliche haben zwischen März 2020 und Februar 2021 der Schule den Rücken gekehrt

Frankfurt -Es sind Ferien. Für 313 Schüler in Frankfurt dürfte dies eine Zeit der besonderen Entspannung sein. Es sind diejenigen, die in der Zeit von März 2020 bis Februar 2021 als "abgetaucht" eingestuft wurden, Schüler, die nicht zum Unterricht gekommen sind, die für die Lehrer zeitweise nicht mehr erreichbar waren, deren Fernbleiben und die Gründe dafür zumindest streckenweise im Unklaren geblieben sind.

Motivationsprobleme haben sich verschärft

Die Gründe für das Fernbleiben von der Schule sind vielfältig: Massive Schulängste - vor einem Lehrer, vor einem Fach, vielleicht aufgrund von Mobbing vor den Mitschülern. "Es gibt auch Eltern, die ihre Kinder einbehalten, zum Beispiel weil sie auf die jüngeren Geschwister aufpassen müssen", bis hin zu den Schülern, die kurz vor den Ferien nicht mehr auftauchen, ohne um eine Beurlaubung gebeten zu haben, weil die Eltern mit ihnen früher, weil günstiger verreisen wollen. "Schulvermeidung ist häufig multifaktoriell begründet. Meistens ist sie nur eines von vielen Symptomen in einem komplexen Geflecht von ernstzunehmenden Problemen", erklärt das Hessische Kultusministerium.

Kinder aus belasteten familiären Verhältnissen laufen eher Gefahr, Probleme in der Schule zu bekommen. "Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass Kinder und Jugendliche verstärkt psychische Belastungen erleben. Bereits vor der Pandemie bestehende oder sich abzeichnende Probleme haben sich pandemiebedingt verstärkt, darunter vor allem Motivations- und Leistungsprobleme, aber auch Schulangst und unregelmäßiger Schulbesuch", so das Kultusministerium. Schulverweigerung ist dazu altersabhängig und erreicht ihren Höhepunkt im Alter von 14 bis 16 Jahren, und: Je höher das Bildungsniveau der Schule, desto geringer fallen die Fehlzeiten aus.

"Ich bin ein bisschen überrascht, dass dieses Thema jetzt plötzlich wieder im Fokus steht. Schüler, die nicht zur Schule kommen, hat es immer gegeben", sagt hingegen Ruth Anderson, Schulleiterin der Fürstenbergerschule und bis zu den Sommerferien auch der Salzmannschule. Sie selbst habe als Schülerin einen Mitschüler gehabt, der nicht zur Schule gegangen ist. "Ich habe der Mutter angeboten, dass ich auf dem Schulweg vorbeikomme und ihn abhole", berichtet sie. Das ist eine Möglichkeit, Schülern zu helfen, die nicht aus den Federn kommen: Mitnehmen!

Das Problem ist also nicht neu, wurde aber durch Corona verstärkt. Und vor allem war es in der Pandemiezeit mit Distanzunterricht für die Lehrkräfte schwieriger, die Schulverweigerer wieder einzufangen, die sich einfach nicht in den virtuellen Unterricht einklinkten. Zur Zeit des Lockdowns war es nicht möglich, mal eben zum Elternhaus zu fahren und dort zu klingeln, wenn Kontaktanfragen per Telefon oder Mail unbeantwortet blieben. Und einen Mitschüler konnte man auch nicht fragen, ob er weiß, was mit dem Klassenkameraden ist: Man sah sich ja nicht.

Jugendliche haben Struktur verloren

Dabei sind das die ersten Maßnahmen, um einen Schüler wieder "einzufangen", und zwar nach drei Tagen unentschuldigtem Fehlen. Wer gar nicht mehr auftaucht, dem droht auf lange Sicht ein Bußgeldbescheid. Gleichzeitig war es laut Ruth Anderson in der Pandemiezeit schwieriger, Unterstützungssysteme wie die Jugendhilfe oder den Schulpsychologen einzuschalten. "Eltern sahen sich damit konfrontiert, dass die Kinder nicht taten, was sie wollten, und sagten: Ich stehe da im Zimmer, und die stehen nicht auf."

Die Schwierigkeit des Aufstehens ist als Hürde nicht zu unterschätzen. "Wir hatten eine Reihe von Schülern, die fünf Monate im Distanzunterricht waren. Wenn ich eine Weile bis 12 Uhr im Bett gelegen habe und soll dann wieder um 8 Uhr im Unterricht sitzen, dann ist das eine Herausforderung. Das Problem ist, dass sie ihre Struktur verlieren", so Ruth Anderson.

Damit meint sie den geregelten Tagesablauf ebenso wie die soziale Struktur: "Wenn ich nicht dabei bin, kann ich nicht mitmachen, dann entstehen Lücken, und je länger es dauert, umso schwieriger wird es, mich wieder einzugliedern."

"Das Ziel ist, dass das Kind wieder in die Schule kommt, wir reden ja vom Recht auf Bildung, und da wollen wir wissen, warum ein Kind auf das Recht verzichtet", erläutert die Schulleiterin. Um Schüler zurück in die Schule zu holen, brauche es Vertrauen. Es gehe nicht lediglich darum, die Schüler wieder in die Schule zu bringen, es gehe darum, dass sie "wieder gut in der Schule ankommen." Damit sie bleiben.

Michelle Spillner

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