Der Leiter des Drogennotdienstes (DND) Wolfgang Barth (60) steht vor der Einrichtung.  Foto: rainer rüffer
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Der Leiter des Drogennotdienstes (DND) Wolfgang Barth (60) steht vor der Einrichtung.

Bahnhofsviertel

Corona-Zeit für Drogenabhängige „besonders heftig“ – Große Gefahr durch Straßenstrich

  • vonSabine Schramek
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Das Bild des Elends vor der Drogennothilfe in Frankfurt scheint verschwunden. Dafür gibt es mehr Straßenprostituierte.

Frankfurt - Jahrelang war der Bereich vor der Elbestraße 38 ein Bild des Elends. Tag und Nacht wechselten Passanten die Straßenseite, um nicht den dort dicht an dicht lagernden Drogenabhängigen ausweichen zu müssen. Seit Ende November ist der Bürgersteig vor dem Drogennotdienst so gut wie leer. Die Gerüchteküche im Bahnhofsviertel kocht. Die Lösung ist einfach.

Der Gehweg ist blitzblank sauber, kein Süchtiger liegt auf der Straße. Seit November hat sich das Bild vor dem Drogennotdienst (DND) komplett geändert. Wäre vor der unscheinbaren Eingangstür nicht ein Mülleimer, der anders aussieht als andere Mülleimer, würde man denken, dass man nicht in der Elbestraße ist. Der schwarze Behälter hat nur ein schmalen Schlitz als Einwurf. "Benutzte Spritzen" steht darauf.

Die Drogenabhängigen, die dort zu Dutzenden zum Straßenbild gehörten, sind verschwunden. Doch es gibt Gerüchte. Die einen sagen, der DND sei geschlossen, andere, es gebe keine Dealer mehr und wieder andere schieben die Leere auf das Winterwetter. Wolfgang Barth (60) zieht ungläubig die Augenbrauen hoch. Der Leiter des DND arbeitet seit 32 Jahren hier. "Das Einzige, was stimmt, ist, dass bisher noch nie eine solche Totenstille zu verzeichnen war. Nicht einmal im ersten Lockdown", sagt er.

Elbestraße Frankfurt: Corona-Zeit für Drogenabhängige „besonders heftig“

"Ja, es hält sich niemand mehr hier vor der Türe auf", bestätigt er. "Wir haben im ersten Lockdown von der Stadt Frankfurt die Vorgabe bekommen, dauerhaft Angebote anzubieten und die Grundversorgung zu gewährleisten. Von 6 Uhr bis 21 Uhr und ab 1. Februar von 0 Uhr bis 21 Uhr. Seit Anfang Januar bieten wir auch eine humanitäre Sprechstunde an für Menschen, die vom Versorgungssystem ausgeschlossen sind und keine Krankenversicherung haben. Bis zu 20 Personen können wir dadurch in die Substitution aufnehmen."

Die Corona-Zeit ist laut Barth für Drogenabhängige "besonders heftig". Und auch für seine Mitarbeiter, die in nahem Kontakt mit den Abhängigen sind. "Wir haben länger geöffnet und machen sehr klare Ansagen bei all jenen, die zu uns kommen, um jede Menschenansammlung zu vermeiden", betont Barth. Durch die Straßensozialarbeit gelinge es, dass sich vor dem Drogennotdienst keine Gruppen mehr bilden. Die Polizei helfe auch dabei.

Bahnhofsviertel Frankfurt: Bisher keine Corona-Infektion in Elbestraße 38

Etwa 60 bis 65 Frauen und Männer arbeiten in der Elbestraße 38. "Nicht auszudenken, was wäre, wenn jemand bei uns Corona hätte", sagt Barth. Bisher habe es hier keine Infektion gegeben. Seit 1989 gibt es den DND; mit fünf Etagen und 110 Plätzen, etwa für die Substitutionsambulanz (Methadonabgabe), das Kontaktcafé, 18 Notschlaf- sowie einige Tagesruhebetten, Duschen, Beratung und Vermittlung, Straßensozialarbeit, den Konsum- und Rauchraum. Abhängige dürfen dort ihre Drogen spritzen oder inhalieren. Es gibt medizinische und psychosoziale Betreuung. "Unsere Regeln müssen strikt eingehalten werden", betont Barth. Die erste Devise sei: "Wer hier dealt, fliegt 'raus".

In Coronazeiten herrscht auch hier absolute Maskenpflicht. "Die meisten, die hierher kommen, haben Vorerkrankungen. Da wäre eine Infektion mit Corona lebensgefährlich", so Barth. Durch die Hygieneregelungen ist das Angebot entzerrt. Die Zahl der Besucher, die vor Corona in einer Stunde betreut wurden, werden jetzt in drei Stunden betreut.

Alle Beschäftigten sind speziell geschult für den Umgang mit Drogenkranken. Barth: "Viele Mitarbeiter sind erst Anfang 20 und treffen auf Menschen, die 15 Jahre Knast und 20 Jahre Drogenkonsum hinter sich haben. Sie sehen Menschen, die sich seit 30 Jahren intravenös spritzen und keine Einstichstelle mehr finden. Sie sind ausgebildet darin, dass sie erkennen, in welchem Zustand sich die Menschen befinden und wie man sie wann anspricht. Jedes Nicht-Einhalten der Vorschriften von Drogenkranken wird konsequent sanktioniert - auch mit Hilfe der Polizei. Man braucht sehr viel Geduld, Verhalten zu thematisieren. Aber es funktioniert."

Corona im Bahnhofsviertel in Frankfurt: Die Dealer fallen jetzt schneller auf

Die Drogenabhängigen haben es in diesen Coronazeiten schwer, an ihren Stoff zu kommen. Denn die Drogenhändler (Dealer) sind aufgrund des reduzierten Reise- und Berufsverkehrs leichter zu erkennen. Dennoch finden sie unauffällige Orte.

Barth macht ein weiteres Thema Sorge: "Der Straßenstrich ist kaum in den Griff zu kriegen. Die Frauen werden dazu gezwungen, stehen ohne Maske und Aufklärung draußen. Sie sind schutzlos, müssen das Geld Männern in dicken Autos abgeben. Ab 22.30 Uhr ist es im Viertel richtig gefährlich. Dann werden Freier übergriffig auf unsere Mitarbeiterinnen. Wir mussten deshalb schon die Polizei rufen. Wie bei den Dealern wünsche ich mir, dass die Polizei auch die Hintermänner der Straßenprostitution dingfest macht". (Sabine Schramek)

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