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Psychiater Andreas Reif will zeigen, dass für relativ wenig Geld Menschenleben gerettet werden könnten.

Forschungsprojekt Suizide

Wie Frankfurt die Zahl der Selbstmorde verringern will

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Sie springen von Gebäuden oder werfen sich vor die Bahn: In der Mainmetropole wählen jedes Jahr rund 90 Menschen den Tod. Diese Zahl wollen Universitätsmedizin und Gesundheitsamt nun um ein Drittel verringern. Doch wie soll das gelingen?

Suizid ist das letzte große Tabuthema in Deutschland. Das sagt Professor Andreas Reif, Direktor der Uniklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Frankfurt. Viele Angehörige schämten sich, darüber zu sprechen. Und Menschen mit suizidalen Gedanken trauten sich häufig nicht, sich Hilfe zu holen.

Das führt dazu, dass die Selbsttötung hierzulande noch immer zu den häufigsten Todesursachen zählt. 10 500 Fälle sind es bundesweit jedes Jahr, in der Mainmetropole um die 90. Die Zahl der Versuche ist um ein Vielfaches höher: 200 000 sind es bundesweit, 1800 in Frankfurt. Zu hoch, sagt Reif. Vor allem, weil die meisten Suizidanten unter psychiatrischen Erkrankungen litten, etwa Depressionen, die sich gut behandeln ließen.

Um die Zahl der Suizide in der Mainmetropole zu verringern – das Ziel der Experten ist eine Reduktion von 90 Fällen auf 60 –, haben die Frankfurter Universitätsmedizin und das städtische Gesundheitsamt jetzt das Programm zur Prävention von Suiziden mittels evidenzbasierten, also nachweislich wirksamen Maßnahmen entwickelt. Dieses besteht aus mehreren Teilprojekten. Zum einen soll eine 24-Stunden-Hotline für Suizidgefährdete, deren Angehörige und Akteure der psychiatrischen Versorgung eingerichtet werden.  

Zum anderen sollen sogenannte Gatekeeper – sie haben aufgrund ihrer beruflichen oder sozialen Rolle mit Menschen zu tun, die suizidgefährdet sind – weiterqualifiziert werden. Dazu zählen unter anderem die 400 niedergelassenen Hausärzte in Frankfurt. Sie sollten künftig bei der Erkennung von Warnsignalen und bei Frühbehandlungen von Depressionen gezielt unterstützt werden, sagt Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin. Gerlach möchte zudem Hot-Spots in der Mainmetropole identifizieren, also Orte, an denen sich Suizide häufen. Daraus ließen sich dann Implikationen für die Politik ableiten. Ein Beispiel sei der unlängst abgebrannten Goetheturm. Er sei lange ein Hot-Spot gewesen, bis 2014 Sicherheitsnetze eingezogen wurden.

Ein weiteres Ziel des Präventionsprogramms ist, den Zugang zu Suizid-Hilfsmitteln zu beschränken. Voraussetzung dafür ist, dass alle Fälle rechtsmedizinisch untersucht würden, sagt Professor Marcel Verhoff. Abgesehen von der genauen Todesursache sei es wichtig herauszufinden, ob Medikamente oder Drogen genommen wurden und ob der Suizidant in der Vergangenheit ärztlichen Kontakt wegen Depressionen hatte. Bislang ist das in Frankfurt nicht der Fall. „Wir werden nicht automatisch verständigt, wenn ein Suizid verübt wurde“, sagt der Rechtsmediziner. Das soll sich ändern. Verhoff strebt eine engere Zusammenarbeit mit der Polizei an.

Das Gesundheitsamt möchte die Vernetzung der mehr als 70 Akteure, die sich bereits im Frankfurter Netzwerk für Suizidprävention (FRANS) engagieren, vorantreiben. Angelegt ist das Programm auf etwas mehr als drei Jahre. Es wird vom Gesundheitsministerium mit 783 000 Euro gefördert. (mlf)

Sollten Sie selbst Absichten zum Selbstmord haben, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge: . Unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.

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