Alfonso Padilla ist Zahnarzt, Kunstsammler und -liebhaber, wie ein Blick in seine Praxisräume in Frankfurt zeigt. Die Corona-Krise macht seine Arbeit nicht leichter.
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Alfonso Padilla ist Zahnarzt, Kunstsammler und -liebhaber, wie ein Blick in seine Praxisräume in Frankfurt zeigt. Die Corona-Krise macht seine Arbeit nicht leichter.

„Mehr Risiko geht kaum“

Arbeiten als Zahnarzt in Corona-Zeiten - Das sagt ein Frankfurter Arzt

  • vonSabine Schramek
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Alfonso Padilla hat eine Zahnartztpraxis in der Goethestraße. Hier erzählt er von seiner teilweise riskanten Arbeit in der Corona-Pandemie.

  • Corona-Krise: Zahnarzt Alfonso Padilla hilft auch jetzt
  • Knappe Schutzausrüstung für Zahnarztpraxis in Frankfurt
  • Padilla hilft bei „100 Nachbarn

Frankfurt - Während der Arbeit ist Alfonso Padilla 20 bis 30 Zentimeter entfernt von den Gesichtern seiner oft ängstlichen Patienten. „Mehr Risiko geht kaum in Corona-Zeiten“, sagt der Zahnarzt. „Schmerzpatienten kann, will und werde ich dennoch nicht nach Hause schicken. Ebenso wenig wie die, die bald Schmerzpatienten werden könnten. Und das, obwohl Zahnärzte kaum Hilfe für Schutzausrüstung bekommen.“ Padilla (49) hat ein starkes Ethos. Das Dilemma zwischen Corona und Zahnbehandlung ist dem gebürtigen Kubaner klar. „Es soll für niemanden schlimmer werden. Danach handele ich.“

Angst zu nehmen, ohne sich auf Augenhöhe zu begegnen, sei für ihn undenkbar. „Das meine ich räumlich ebenso wie geistig“, so Padilla. Die Räume der Praxis in der Goethestraße sind hell. Die Bilder und Kunstwerke an Wänden und in Vitrinen sind bunt. Graffitikünstler haben es Padilla schon lange angetan. Darum gibt es „Companion“-Figuren von Kaws aus den USA. Die Augen als „x“, die Körperhaltung typisch für den Pop-Art-Künstler. Typisch menschlich. „Das nimmt keine pochende Entzündung unter dem Backenzahn weg“, so Padilla lächelnd. Um die kümmert er sich fachlich nach langen Gesprächen. Gesicht an Gesicht. Mit Lachgas oder ohne. Mit Schutzschirm vor dem Gesicht und Konzentration.

Zwei weitere Zahnärzte gehören zum Team und Helferinnen. „Noch reicht unsere Schutzbekleidung. Aber es ist müßig“, meint Padilla. Zuversicht hat er trotzdem. „Ich vertrete meine Werte. Vertrauen, Gerechtigkeit, Bescheidenheit und Können.“

Zahnarzt in Frankfurt in Corona-Zeiten: Einschränkungen kennt Alfonso Padilla

Seit der Corona-Krise gibt es viele Schmerzpatienten. „Wegen der Entschleunigung. Pochender Entzündungsschmerz kommt meist nachts, wenn Ruhe ist. Oder wenn der Arbeitsstress nachlässt. Im Lockdown werden die Sinne wach und die Wahrnehmung.“ Dass er auch psychologische und philosophische Gedanken hat, wundert nicht. Einschränkungen kennt er durch seine Kindheit auf Kuba. Angst vor Unbekanntem ebenfalls. „Der unsichtbare Feind kommt und wirft Gift über uns, wurde uns gesagt, wenn US-Flugzeuge über die Insel flogen“, erinnert er sich. Mit 18 begann er, in Jena Atomphysik zu studieren. „Aus Kuba kommend, wirkte die DDR wie ein Paradies. Es gab Käse und Schokolade und Klamotten.“

Nach dem Mauerfall besuchte er einen Studienkollegen im Westen. „Mit dem Zug kam ich in Frankfurt an und staunte. Die Kaiserstraße war wie die Champs-Élysées für mich. Farbe, indische Kleidung, Restaurants und Menschen überall. Hier wollte ich hin.“ Zwei Jahre später kam er wieder. Geduldet. Sein Abitur und Studium wurden nicht anerkannt. Er jobbte bei McDonald's, Wienerwald, Pizza Hut, in Clubs, Bars und Werbeagenturen. Nebenbei hat er noch mal Abitur gemacht und danach Zahnmedizin studiert. „Es gab einen Platz für Ausländer. Den habe ich bekommen“, sagt er.

Zahnarzt Padilla: Frankfurt viel zu verdanken

Nach Abschluss praktizierte er in Zürich und Barcelona und kam zurück nach Frankfurt. „Der Stadt habe ich viel zu verdanken. Und ich hatte großes Glück, dass ich ehrgeizig bin und zur richtigen Zeit am richtigen Ort im richtigen Land in der richtigen Stadt gewesen bin“, sagt er ruhig. Noch heute findet er die Stadt „extrem nice“. Die Grüne Soße könne ihm niemand mehr wegnehmen. Die Heimat Frankfurt auch nicht. „Ich brauche kein Auto, kein Gold und wohne zur Miete.“ Er hat neben der Praxis ein dreijähriges Masterstudium als Master of Science of Dental Technology absolviert. Online in Pennsylvania, USA. Er gibt Kurse für Zahnärzte und referiert bei internationalen Fortbildungen.

Ausgleich ist für ihn die Kunst. Vor allem Graffiti. „Sie ist die ehrlichste Kunst, da sie nicht käuflich ist“, sagt er. Und er reist für sein Leben gern. „Ich will nicht sterben, ohne die ganze Welt gesehen zu haben. Mit dem Roller durch Thailand, zu Fuß durch die Armenviertel von Miami. Gebratener Reis in Garküchen. Und Blick über das Meer.“ Ein weiterer Ausgleich für ihn ist „ganz banales Krafttraining. Und Lesen. Und Netflix.“ Abends hilft er den Initiatorinnen von „100 Nachbarn“, Essen an Bedürftige im Bahnhofsviertel zu verteilen. In Jogginghose, Mütze und Mundschutz. In der Praxis trägt er Taubenblau.

Zahnarzt in Frankfurt in Corona-Zeiten: „Im Stich lassen wir niemanden“

„Ich weiß, was es heißt, eingesperrt zu sein, einen unsichtbaren Feind zu haben und wenig zu haben. Und ich weiß, dass Schmerzpatienten auch in der Corona-Krise dringend Hilfe brauchen. Ich werde hier sein, bis der letzte Schmerzpatient behandelt ist oder ich meine Mitarbeiter und mich nicht mehr schützen kann“, sagt Padilla. „Wenn Schutzbrillen und Masken nicht aufzutreiben sein sollten, wird uns etwas einfallen. Im Stich lassen wir niemanden“, sagt Padilla, der in sozialen Netzwerken kunterbunt rüberkommt. Mit Kuscheltieren oder tanzend. „Das Leben ist bunt. Spaß muss zwischendurch einfach sein.“

Sabine Schramek

Außer den Ärzten sind auch die Beamten des Gesundheitsamts in Frankfurt in der Corona-Krise stark gefordert. Epidemiologe Dr. Görtsch spricht über Herausforderungen, Veränderungen und Chancen durch die Pandemie.

Auch die Schulen in Frankfurt öffnen wieder. Aber viele fühlen sich mit der Situation in der Corona-Krise alleingelassen und warten auf Anweisungen der Behörden. Derweil herrscht in der Kleinmarkthalle in Frankfurt aufgrund von Corona Krisenstimmung. Der Umsatz bricht weg. Die Stadt bietet Mietstundung an, will aber acht Prozent Zinsen.

Pfarrerin Katja Dubiski setzt in der Corona-Krise auf Glauben - und Telefonate: Die neue Pfarrerin der Martinusgemeinde in Frankfurt-Schwanheim betreut am Telefon. Aber auch das kann helfen.

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