Tristesse pur: An der großen Eschenheimer stehen einige Ladengeschäfte leer, genauso wie an vielen anderen Stellen in der Innenstadt.
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Tristesse pur in Frankfurt: An der großen Eschenheimer stehen einige Ladengeschäfte leer, genauso wie an vielen anderen Stellen in der Innenstadt.

Einzelhandel und Corona

Frankfurt: Corona-Ladensterben in der Innenstadt steigt rasant - Wie soll es weitergehen?

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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Der Onlinehandel boomt in Corona-Zeiten, der stationäre Einzelhandel stirbt. In der Innenstadt von Frankfurt sieht es düster aus. Jetzt will die Stadt gegenlenken. 

Frankfurt – Ödnis in der Innenstadt: Schon mehr als 100 Läden stehen leer. „Es sind 107“, sagt Oliver Schwebel, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Frankfurt. Und das nur in der Innenstadt, also innerhalb des Anlagenringes. Die Situation ist dramatisch: „Es werden fast täglich mehr Leerstände“, so Schwebel. Die Situation habe sich gedreht: War es vor Corona ein Mangel an Ladenflächen, ist es heute ein Mangel an Mietern, ein Überangebot an Fläche.

„In der Großen Eschenheimer sieht man es deutlich. Da gibt es viele leere Läden. Im ehemaligen Rundschau-Gebäude gibt es Flächen, die erst gar nicht vermietet werden konnten“, so Schwebel. Weil Existenzgründer momentan mal abwarten, bis das mit Corona vorbei ist. Niemand mietet, um dann nicht öffnen zu können.

Viele Geschäfte in Frankfurt gehen während der Corona-Pandemie pleite

Wie viele der Geschäfte insolvent sind, kann Schwebel nicht sagen: „Jeder der Inhaber ist ein Einzelfall. Wir sprechen mit allen – den Mietern, den Vermietern – und bieten Hilfe an.“ Mehr als 1000 Gespräche haben Schwebels Mitarbeiter schon geführt, im Schnitt 30 Minuten lang. „Manchmal können wir helfen.“

Joachim Stoll, Sprecher der Frankfurter Einzelhändler und Vertreter der Stadt im Einzelhandelsverband, sieht die Schuld in der Politik: „Die Öffnung erfolgt zu spät und zu vorsichtig.“ Seiner Beobachtung nach warten nicht alle Einzelhändler so lange, bis die Bank den Geldhahn abdreht: „Viele gehen mit 62 in Rente statt mit 65. Das ist auch vernünftig“, so Stoll. Viele Einzelhändler hätten inzwischen eine Liquiditätslücke: „Sie haben kein Geld mehr, neue Ware einzukaufen. Und die Lager sind noch voll mit den Wintersachen“, erläutert Stoll. „Das kann noch dramatisch werden.“ Denn wer kauft jetzt, im März, noch Wintersachen?

Einzelhandel erlebt Umsatzplus trotz Lockdown: Geschäfte in Frankfurt merken davon wenig

Anders als Textilläden profitieren auch manche Einzelhändler in der Innenstadt. Insgesamt hat der Einzelhandel sogar ein Umsatzplus erzielt – vor allem im Lebensmittelhandel. Denn Supermärkte und Discounter mussten nie in den Lockdown – und machten ein besseres Geschäft, als je zuvor. Umso drastischer sind die Rückgänge in den kleinen Fachgeschäften. „Ganze Ketten schließen“, sagt Schwebel. Dabei sei die Situation in jedem Fall anders. Manchmal wird, wie Schwebel berichtet, die Miete trotz Schließung weitergezahlt.

Ein Problem sind auch die hohen Mieten – aber nicht nur. „In den Stadtteilen“, versichert Ernst Schwarz, Vorsitzender der Frankfurter Gewerbevereine, „kann man oft noch mit dem Vermieter sprechen.“ Obwohl auch in der Berger Straße und der Schweizer die Mieten viel zu hoch geworden seien.

„Mit Corona spitzt sich die Lage zu“: Einzelhandel in Frankfurt war schon vorher in der Krise

„Enttäuschend finde ich, dass gerade die Stadt am wenigsten mit der Miete heruntergeht. Viele Gastronomen sind ja überhaupt erst dort hingekommen, weil der Einzelhandel aufgegeben hat“, so Schwarz. „Jetzt mit Corona spitzt sich die Lage zu, die Probleme jedoch gab es schon vorher.“ Alles hänge mit allem zusammen. So kauft mancher eine neue Krawatte, weil er abends in die Oper will, oder weil das Paar festlich ausgehen wird. Es braucht also eine offene Gastronomie, offene Theater, damit der Umsatz im Einzelhandel läuft.

Die Leerstände in der Innenstadt betreffen in der Tat in erster Linie Einzelhändler. Madjid Djamegari vom Gibson Club, Chef der Initiative Gastronomie Frankfurt, kennt noch keine Geschäftsaufgaben bei Gastronomen. „Viele können sich über Wasser halten mit Takeaway-Speisen“, sagt er. „Ich glaube, die Pleitewelle wird kommen, wenn das Geschäft wieder anläuft und die Schulden zurückgezahlt werden müssen.“ Aber sie werde kommen, da ist Djamegari sicher.

Ladenflächen in der neuen Frankfurter Altstadt sind auch in der Pandemie gefragt

In der neuen Altstadt sieht Regina Fehler, Geschäftsführerin der Dom-Römer GmbH, Licht am Ende des Tunnels: „Wir sind voll vermietet“, sagt sie. „Auch für den Leerstand in der Braubachstraße haben wir Mieter.“

Am Markt 10 schließt im Sommer ein Geschäft, „Moka“, Mode aus Kashmir. Die Inhaberin Ann-Katrin Heidger verlässt Frankfurt auch aus Verbitterung über die Dom-Römer-Gesellschaft, von der sie sich schlecht behandelt fühlt. Missstände wie eine sehr schwer gängige Eingangstür, eine unzureichende Belüftung und eine fehlende Heizung seien in den vergangenen Monaten nicht verbessert worden, schildert sie. „Hinzu kommt, dass ich keinen Parkplatz habe, nachdem ich den Parkplatz in der Tiefgarage gekündigt habe“, sagt Heidger. „Es kann doch nicht sein, dass wir Dauermieter nicht hereinkommen, wenn sich vor der Schranke eine Warteschlange gebildet hat.“

Regina Fehler sagt, dass dieses Problem alle Tiefgaragen-Mieter betreffe, „mich selbst auch“. Aber das sei nun einmal nicht zu ändern. Bei anderen von Heidgers Beschwerden wären Abhilfen möglich gewesen: „Aber das erfordert beide Seiten. Derzeit sprechen wir über unsere Rechtsanwälte miteinander.“

Mietinteressenten vorhanden: Leerstände in Frankfurts neuer Altstadt kein Problem

Für das Ladengeschäft Markt 10 gebe es aber bereits Mietinteressenten. Leerstand ist auch hier kein Problem.

Es ist ein Trend, den auch Oliver Schwebel von der Wirtschaftsförderung auf dem Schirm hat: „Es gibt viele Interessenten, die bereit sind zu mieten. Sie stehen bei Fuß und warten nur, dass die Zeit der Unsicherheit zu Ende geht.“ Die Politik müsse diese Situation vor Augen haben. Sie müsse für den Einzelhandel und die Geschäftswelt entscheiden – etwa bei der Verkehrsinfrastruktur und den Parkmöglichkeiten.

Drastisch hohe Leerstände in Frankfurt: Kunden fehlen in der Corona-Zeit

„Wir haben drastisch hohe Leerstände in Frankfurt und eine hohe Unsicherheit. Und es wird nicht alles vorbei sein, wenn die Geschäfte jetzt öffnen können.“ Denn so lange der Messebetrieb nicht wieder losgehe, der Flughafen nicht wieder seine Passagierzahl von vor Corona erreiche, das Home-Office für viele Arbeitnehmer nicht ende, so lange fehlen in der Innenstadt schlicht die Kunden. (Thomas J. Schmidt)

Wer trotz Corona den Einzelhandel in den Innenstädten unterstützen möchte, kann das persönlich tun – per „Click und Collect“ oder „Click and Meet“.

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