Der jüngste Zuwachs unter den Frankfurter Rechenzentren ist dieses von Weltmarktführer Equinix in der Lärchenstraße in Griesheim. Kürzlich in Betrieb genommen - das Foto zeigt die finale Phase des ersten Bauabschnitts -, ist die Fassade auf zwei Seiten begrünt
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Der jüngste Zuwachs unter den Frankfurter Rechenzentren ist dieses von Weltmarktführer Equinix in der Lärchenstraße in Griesheim. Kürzlich in Betrieb genommen - das Foto zeigt die finale Phase des ersten Bauabschnitts -, ist die Fassade auf zwei Seiten begrünt

Rechenzentren

Frankfurt zur Digitalisierungshauptstadt machen

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    VonDennis Pfeiffer-Goldmann
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IHK-Präsident fordert mehr Raum statt Einschränkungen und sieht große Chancen für den Wirtschaftsstandort Frankfurt am Main.

Frankfurt – Gegen die von der Stadt geplanten Einschränkungen für den Bau von Rechenzentren regt sich Widerstand. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) warnt davor, den Bau weitere Datenburgen auf wenige Cluster, also Schwerpunkte, einzuschränken. Die Stadt müsse jetzt die Grundlage legen, damit die Digitalbranche Teil des wirtschaftlichen Fundaments Frankfurts werde, fordert IHK-Präsident Ulrich Caspar. "Das ist unsere Chance, die europäische Digitalisierungshauptstadt zu werden."

Mit seinem Rechenzentrums-Konzept will Planungsdezernent Mike Josef (SPD) das Wachstum der Datenburgen künftig steuern. Sein Konzept, das er in Grundzügen Anfang November in dieser Zeitung vorgestellt, bisher aber noch nicht öffentlich vorgelegt hat, sieht vor, dass neue Rechenzentren vorwiegend nur noch im Umfeld bestehender gebaut werden dürfen: in Seckbach, dem Ostend, Fechenheim, Gallus, Sossenheim, Rödelheim und Griesheim. In anderen Gebieten wie Innenstadt, Gutleutviertel und Kalbach sollen keine Rechenzentren mehr entstehen. Auch soll vorgeschrieben werden, dass Rechenzentren mit erneuerbaren Energien betrieben, begrünt werden und Abwärme nutzen.

Frankfurt: Grünen-Basis fordert Vorgaben für neue Rechenzentren

Anfang Dezember hatte die Basis der Grünen - die führende Partei der neuen Koalition mit SPD, FDP und Volt - ebenfalls Vorgaben für Rechenzentren gefordert. Weitgehend sind diese Forderungen deckungsgleich mit Josefs Vorschlag. Grünen-Parteichefin Julia Frank hatte den Basis-Beschluss daher als Unterstützung für die Koalitionslinie gewertet.

Zuvor war der unter anderem vom Sprecher der grünen Stadtteilgruppe Seckbach, Ingo Stürmer, gestellte Antrag abgemildert worden. So entfiel die Forderung nach einem Moratorium für den Bau neuer Rechenzentren.

Frankfurter Bürgerinitiative „Wir wohnen hier“ fordert „weiches Vorgehen“ gegen Rechenzentren

Diesen temporären Neubau-Stopp fordert auch die Seckbacher Bürgerinitiative "Wir wohnen hier", erklärt Vorsitzender Günther Spahn. Sie sei aber überparteilich und nicht an dem Antrag beteiligt gewesen. In der BI ist auch Ingo Stürmer aktiv. Er wohnt, wie BI-Sprecher Spahn, nahe mehrerer Rechenzentren.

Stürmer sagt, es sei ihm nicht um ein Moratorium gegangen, sondern dass die Stadt "ihre bestehenden rechtlichen Möglichkeiten" anwende. Sie könne per Veränderungssperre zunächst kurzfristig das Ansiedeln weiterer Rechenzentren verhindern. Zudem sei ein "weiches Vorgehen" möglich, indem die Verwaltung Bauanträge länger prüfe und sich zwölf statt drei Monate Zeit lasse.

Frankfurt: Bürgerinitiative war: „nicht an der Abstimmung (…) beteiligt“

Wichtig sei die Verzögerung, damit keine neuen Rechenzentren gebaut würden, bis die Stadtverordneten die neuen Regeln beschlossen hätten, findet Stürmer. Josefs Clusterplan sei bisher "nur für Seckbach und in der Fraktion" vorgestellt worden, er selbst kenne ihn noch nicht. Günther Spahn betont, die BI habe auf eine Gesprächsbitte an den Dezernenten noch keine Reaktion erhalten. Entgegen der Darstellung in dieser Zeitung "war die Bürgerinitiative nicht an der Abstimmung mit Mike Josef zum Rechenzentrumskonzept beteiligt".

Anders als es Stürmer und die BI fordern, hat die grüne Basis eine weichere Formulierung beschlossen. So "soll die Stadt alle Möglichkeiten ausschöpfen, damit ab sofort nur noch Rechenzentren genehmigt werden", die Abwärme nutzen, begrünt sind und Anwohner nicht stören.

IHK lehnt Einschränkungen ab: Ansiedlung sollte „weiterhin möglich sein“

Einschränkungen lehnt die IHK rundweg ab. "In Gewerbe- und Industriegebieten sollten Ansiedlungen weiterhin möglich sein", fordert Präsident Caspar. Würden Flächen künstlich verknappt, drohten noch höhere Grundstückspreise, Investoren würden abgeschreckt. "Wenn die Investitionen nicht in Frankfurt stattfinden, finden Ansiedlungen woanders statt", warnt Caspar. Das jedoch könne sich Frankfurt nicht leisten, schließlich habe die Stadt keine natürliche Anziehungskraft auf Firmen und Arbeitsplätze wie eine Hauptstadt. Zugleich drohten im Bankensektor in den nächsten Jahren weitere starke Rückgänge der Mitarbeiterzahlen.

Die Digitalisierung sei eine "riesengroße Chance", zumal die Stadt bereits eine herausragende Infrastruktur habe als Rechenzentrums-Hauptstadt Deutschlands und mit dem weltgrößten Internetknoten. Viele Dienstleister und Industriebetriebe nutzten die Datenmengen und würden angelockt, auch Start-ups, die schnellen Datenzugriff benötigten.

Habe nach dem Zweiten Weltkrieg die Bankenbranche die Stadt groß gemacht, könne nun die Digital-Branche Frankfurts Wohlstand für die Zukunft sichern, mahnt Ulrich Caspar an die Stadtpolitik. "Wir entscheiden jetzt, ob wir diese Chance nutzen." (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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