Einfach mal die Gefühle zu Papier bringen, das hilft der Psyche und somit auch dem Immunsystem.
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Einfach mal die Gefühle zu Papier bringen, das hilft der Psyche und somit auch dem Immunsystem.

Gesundheit

Frankfurter Ärztin: Schreiben stärkt das Immunsystem

Katja Walesch bietet am Krankenhaus Nordwest kreative Kurse für Krebspatienten an. Doch von ihren Ideen und Tipps kann jeder profitieren.

Frankfurt - Tipps, um das Immunsystem zu stärken, gibt es viele: gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf, Bewegung an der frischen Luft. Katja Walesch aber hat noch einen weiteren Rat: schreiben. Denn, sagt sie, "im Schreiben kann man sich sammeln, genau hingucken und spüren, Dinge und Gefühle benennen. Dann werden sie anfassbar, begreifbar, man kann sich verorten. Und das ist auch gut für das Immunsystem".

Deshalb bietet die Ärztin Kurse für kreatives, heilsames Schreiben an - seit 2019 auch für Krebspatienten am Krankenhaus Nordwest. Denn sie sind durch ihre Krankheit besonderen Belastungen ausgesetzt. Nicht nur wegen der oft anstrengenden Therapien, sondern auch wegen der Ungewissheit und der Ängste, die mit der Krankheit verbunden sind. "Subtiler Dauerstress" sei das, sagt Katja Walesch. Umso wichtiger sei es für onkologische Patienten, einen Weg zu finden, um Gedanken und Gefühle zu sortieren und neue Perspektiven für sich zu entwickeln - wie das beim kreativen Schreiben geschieht.

Normalerweise treffen sich die Teilnehmer des Workshops einmal pro Woche für jeweils zwei Stunden am Krankenhaus Nordwest. Zu Beginn der Corona-Pandemie war ihnen das jedoch verwehrt, schließlich zählen Krebspatienten zur besonders gefährdeten Risikogruppe. So fanden die Zusammenkünfte kurzerhand virtuell statt, per E-Mail. Chats oder Videokonferenzen würden für zu viel Unruhe sorgen, sagt die Schreibtherapeutin: "Da wäre man eher mit technischen Dingen beschäftigt. Und man kann online ohnehin nicht das abbilden, was persönliche Treffen ausmacht."

Es gibt kein richtig oder falsch

Die Struktur der realen Workshops wird jedoch auch online beibehalten. Zum Beispiel das "Blitzlicht" am Anfang, bei dem jeder Teilnehmer ein oder zwei Sätze darüber verfasst, wie er sich gerade fühlt. Oder das "Warm up", eine kleine Übung, um ins Schreiben zu kommen, wobei Katja Walesch die Anregungen liefert. Was fällt den Teilnehmern etwa zur Formulierung "die Freude, Dinge zu lassen" ein? Vielleicht ein Stichwort wie "Steuererklärung"? Oder noch mehr, zum Beispiel damit verbundene Gedanken und Gefühle wie Unruhe, schlechtes Gewissen, Erleichterung? All das darf zur Sprache kommen, ohne kritisches Hinterfragen, ohne gedankliche Zensur, auch wenn es vielleicht vom Thema wegführt. "Es gibt kein 'richtig' oder 'falsch'", sagt die Therapeutin. "Und wenn Sie auf andere Pfade kommen, scheuen Sie sich nicht, dem einen oder anderen zu folgen."

Grammatik ist ihr dabei ebenso egal wie Rechtschreibung. Hauptsache, die Teilnehmer kommen überhaupt ins Schreiben. Das ist schließlich oft schwer genug. Immer wieder erlebt sie es bei den Workshops, wie Teilnehmer darum kämpfen, Wörter oder ganze Sätze aufs Papier zu bringen.

Zu allem kann man etwas schreiben

Wenn nötig, gibt sie behutsame Unterstützung. Schlägt etwa einen Wortbandwurm vor: also das Schreiben ohne Absetzen des Stifts oder aufs Papier gekritzelte Girlanden, die sich irgendwann zu Wörtern formen. Denn, erklärt sie, "durch die motorische Bewegung wird etwas im Gehirn angeregt". Hilfreich könne es auch sein, einfach einzelne Wörter aufs Papier zu setzen: "Irgendwann macht's dann 'pling', und man kommt ins Schreiben." Und wenn das berühmte Brett vorm Kopf klemmt, also gar nichts gehen will? Auch für diesen Zustand weiß Katja Walesch Rat. Dann könne man sich dieses "Nichts" mal genauer angucken: Wie sieht es aus? Welche Farbe hat es? Wie riecht es? "Zu allem kann man etwas schreiben."

Die beim gemeinsamen Schreiben entstandenen Texte behalten die Teilnehmer dann nicht für sich, sondern teilen sie mit den übrigen Teilnehmern und mit Katja Walesch.

Und erleben dabei, dass andere an ihren Gedanken und Gefühlen Anteil nehmen. Auch diese Resonanz sei wichtig, sagt die Therapeutin. Zu erleben, dass ein Text aus eigener Hand andere berührt, mache Selbstwirksamkeit erfahrbar. Das wiederum könne die Psyche stärken - und damit auch das Immunsystem.

Digitaler Workshop

Der Workshop "Kreatives und heilsames Schreiben" findet unter den gegebenen Hygieneregeln inzwischen wieder einmal pro Woche am Krankenhaus Nordwest statt - während der Corona-Pandemie trafen sich die Teilnehmer nur auf digitalen Wegen.

Aufgrund der Nachfrage wird ab Juli ein weiteres rein digitales Angebot geschaffen. Teilnehmen können alle, die onkologisch erkrankt sind oder waren. Die Leitung hat die Ärztin Katja Walesch, die auch als Integrative Poesie- und Bibliotherapeutin ausgebildet ist. Aufgrund einer Förderung durch die Stiftung "Leben mit Krebs" ist die Teilnahme gebührenfrei.

Weitere Informationen bei Katja Walesch, Telefon (0 69) 25 71 33 34, E-Mail info@SinnAnstiftung.de oder unter www.schreibraum-frankfurt.de.

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