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Stephanie Krömer (38) stammt aus Hagen in Nordrhein-Westfalen. Von 2014 bis 2019 fungierte sie als Geschäftsführerin des Jobcenters im Kreis Siegen-Wittgenstein, bevor sie im September 2019 die Leitung der Arbeitsagentur in Frankfurt übernahm.

Corona und Arbeitsmarkt

Frankfurter Arbeitsagenturchefin: Die Situation bleibt angespannt

  • vonBrigitte Degelmann
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Im Interview spricht Stephanie Krömer über Corona-gebeutelte Branchen, Menschen am Limit, wahre Kämpfer - und das Erdbeben, das kurz nach ihrem Amtsantritt über sie hereingebrochen sei.

Frankfurt Die seit sieben Monaten andauernde Corona-Pandemie hat auch im Frankfurter Arbeitsmarkt tiefe Einschnitte verursacht. Im Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Brigitte Degelmann beschreibt die Leiterin der Frankfurter Arbeitsagentur, Stephanie Krömer, welche Arbeitnehmer und Branchen besonders unter der Krise leiden und wo sie hoffnungsvolle Signale wahrnimmt.

Frau Krömer, wenn Sie vorher gewusst hätten, was auf Sie zukommen würde - Stichwort: Corona -, hätten Sie dann im September 2019 die Leitung der Frankfurter Arbeitsagentur übernommen?

Das werde ich öfters gefragt. Und ich antworte dann immer: Ja! Corona hat sich niemand gewünscht. Aber ich mag Herausforderungen und einen vielseitigen Arbeitsmarkt wie in Frankfurt. Schon vor einigen Jahren, als ich zu Kurztrips und zu Veranstaltungen hier war, habe ich gesagt, dass ich irgendwann mal in Frankfurt die Arbeitsagentur leiten möchte. Und ich bin glücklich darüber, dass sich das ziemlich schnell realisieren ließ.

Wie hat die Pandemie den hiesigen Arbeitsmarkt verändert?

Wie aus dem Nichts ist eine Art Erdbeben über uns hereingebrochen. Unsere Ausgangslage war ja richtig gut: Wir kommen aus einem stetigen Beschäftigungswachstum, wir haben alle Trends angeführt, hessen- und bundesweit. Von dieser sehr dynamischen Ausgangslage kam es nahezu zu einem Stillstand - ein Novum für alle.

Schlimmer als bei der Wirtschaftskrise 2008?

Das ist nicht annähernd vergleichbar. Damals hat sich die Krise auf einzelne Branchen konzentriert. Bei Corona sind nahezu alle tangiert. Jetzt, nach einem halben Jahr, haben wir die drastischen Anstiege hinter uns gelassen - etwa bei den Arbeitslosenzahlen und in der Kurzarbeit. Aber die Situation ist weiterhin angespannt.

Welche Branchen leiden besonders?

Das hat maßgeblich damit zu tun, wen die Corona-bedingten Einschränkungen besonders treffen. Das sind vor allem die Gastronomie, das Hotelgewerbe, die Tourismus- und Reisebranche, das Veranstaltungswesen und der Textileinzelhandel.

Kennen Sie auch Branchen, denen es noch verhältnismäßig gut geht?

Ja, ein Beispiel dafür ist die IT-Branche. Wir haben ja einen Digitalisierungsschub bekommen. Eine kontinuierlich hohe Nachfrage haben wir auch bei den medizinischen Berufen, im Handwerk und in den Supermärkten. Neu dazugekommen ist das Thema Rechtsberatung, gerade in Zusammenhang mit der Kurzarbeit. Einen Zugang an Stellen registrieren wir außerdem in den Bereichen Personen- und Objektschutz, Brandschutz, Arbeitssicherheit sowie Büro- und Sekretariatsaufgaben.

Wie hat sich die Zahl der offenen Stellen entwickelt?

Gottseidank nimmt die Nachfrage nach Arbeitskräften wieder zu. Allein für September haben wir 1470 neue Stellen hereinbekommen. Damit haben wir insgesamt 6390 offene Stellen in Frankfurt. Das sind allerdings 41 Prozent weniger als vor einem Jahr.

Vermutlich registriert man auch auf dem Ausbildungsmarkt ein geringeres Angebot.

Zum Glück nicht, obwohl das viele anfangs gedacht hatten. Die Zahlen sind aber relativ vergleichbar mit dem Vorjahr, sowohl bei der Zahl der Bewerber als auch bei derjenigen der Plätze. Im August hatten wir nahezu 1000 Ausbildungsstellen offen, in allen Bereichen. Auch jetzt ist noch einiges zu finden, da gibt es tolle Gelegenheiten. Von der Menge her könnte jeder, der eine Ausbildung machen will, eine Stelle finden.

Hat sich Corona hier gar nicht ausgewirkt?

Einstellungsprozesse und Auswahlgespräche haben sich etwas verzögert, zum Teil deshalb, weil die Kontaktaufnahmen anfangs oft schwierig waren. Wir haben im Oktober noch die sogenannte Nachvermittlungszeit, in der wir Jugendliche unterstützen, eine Ausbildungsstelle zu finden. Da ist in diesem Jahr mehr möglich als sonst. Ich bin wirklich begeistert davon, was die Frankfurter Unternehmen hier trotz der schwierigen Rahmenbedingungen für ein großzügiges Angebot ausgebracht haben. Das ist eine positive Überraschung.

Und wie sieht es mit der Arbeitslosigkeit insgesamt aus?

Die Zahlen sind hier leider seit März kontinuierlich gestiegen. Wir haben aktuell 31 540 Personen in Arbeitslosigkeit - über 11 500 mehr als vor einem Jahr. Das entspricht einer Zunahme um 58 Prozent. Aber im September wurde dieser Trend erstmals durchbrochen: Da waren es 620 Arbeitslose weniger als im Vormonat. Die Arbeitslosenquote ist damit von 7,7 auf 7,5 Prozent gesunken. Das bedeutet keine Entwarnung, aber für mich ist das ein wichtiges Signal, ein zartes Pflänzchen, das uns Mut macht.

Stellen Sie Veränderungen bei den Arbeitssuchenden fest?

Als Faustregel gilt, dass die Unternehmen versuchen, möglichst nicht ihr qualifiziertes Fachpersonal freizusetzen. Aber das Bild derjenigen, die neu auf uns zukommen, ist relativ bunt. Natürlich sind es viele, die auf Helferniveau beschäftigt waren, aber nicht ausschließlich. Und: Die Menschen wissen, dass es im Moment schwer ist, rasch einen neuen Job zu finden. Deswegen lassen sie sich viel schneller als früher auf das Thema Qualifizierung ein. Sie wollen mit uns diese Phase als Rüst-Zeit nutzen, um sich jetzt möglichst gut aufzustellen für die berufliche Zukunft. Zum Beispiel mit IT-Qualifikationen. Wir haben aber auch Kunden, die gänzlich neu anfangen wollen. Weil sie beispielsweise in der Familie mit Kinderbetreuung oder der Pflege eines Angehörigen zu tun hatten und hier jetzt einen neuen Berufsabschluss erwerben wollen. Da unterstützen wir sie auch gerne. Das ist aber nicht allen gleichermaßen möglich.

Warum nicht?

Wer vorher schon nicht viel verdient hat und jetzt nur 60 Prozent - beziehungsweise mit Kind 67 Prozent - des pauschalierten Nettogehalts erhält, der muss gucken, dass er möglichst schnell aus dieser Situation herauskommt, um seine Kosten decken zu können. Da geht nicht viel mit Qualifikation, zumal nicht jeder auf Erspartes zurückgreifen kann.

Welche Entwicklungen beobachten Sie bei der Kurzarbeit?

Von März bis September haben wir in Frankfurt 10 545 Kurzarbeitsanzeigen von Unternehmen mit insgesamt 202 671 Beschäftigten registriert. Wenn man bedenkt, dass es hier mehr als 612 000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze gibt, wird die Ausnahmesituation deutlich.

Das heißt, fast jeder dritte Arbeitnehmer in Frankfurt ist beziehungsweise war in den vergangenen Monaten von Kurzarbeit betroffen?

Nein, das ist nur der maximale Rahmen. Wie viel davon wirklich realisiert wurde, können wir erst mit einem zeitlichen Verzug von drei Monaten wissen, wenn die Unternehmen ihre Abrechnung der Kurzarbeit vornehmen. Bislang wird das immer ein Stück weit nach unten reduziert, zum Glück. Spitzenzeiten hatten wir im März und April, da hatten wir rund 8500 Anzeigen auf Kurzarbeit, von denen mehr als 166 000 Beschäftigte betroffen waren. Gottseidank sind es dann von Monat zu Monat weniger geworden. Ich bin aber auch sehr dankbar dafür, dass die Unternehmen so intensiv von diesem Instrument Gebrauch gemacht haben, um Arbeitsplätze zu sichern.

Vor Corona war Kurzarbeit im Rhein-Main-Gebiet kaum ein Thema, dann gab es plötzlich diese extreme Zunahme. Wie hat die Arbeitsagentur das bewältigt?

Die Dynamik des vergangenen halben Jahres ist wirklich kaum zu übertreffen. Dazu kam, dass wir uns als Arbeitsagentur vor Corona im Regelfall ausschließlich über den persönlichen Kontakt, die Beratung im Büro, um die Menschen gekümmert haben. Da mussten wir natürlich umdenken. Deswegen haben wir zusätzliche Hotlines geschaltet. Die telefonische Beratung war die größte und verlässlichste Säule, da hatten wir am Tag auch mal - nur bei den Beschäftigten - mehr als 800 Anrufe. Außerdem haben wir die E-Services erweitert und Erklärvideos im Internet bereitgestellt. Ab November sind auch Videoberatungen möglich.

Das heißt, es gab beziehungsweise gibt gar keine persönlichen Kontakte mehr?

Das nicht. Wir hatten beispielsweise zahlreiche Notfall-Vorsprachen, die haben wir die ganze Zeit über ermöglicht. Wenn beispielsweise besondere Engpässe entstanden sind und Barauszahlungen erforderlich waren - für Menschen, die vor dem Nichts standen. Jetzt haben wir wieder mehr Beratungstermine vor Ort, im Regelfall mit Termin, damit die Menschen nicht in großen Gruppen bei uns zusammenkommen. Wir sind auch wieder in Schulen präsent und beraten dort.

All das dürfte Sie und Ihre knapp 1000 Mitarbeiter extrem gefordert haben.

Ja, in meiner Wahrnehmung haben sie Berge versetzt. Das ist einfach großartig. Da waren Kollegen von jetzt auf gleich bereit, ihr eigentliches Aufgabenfeld ruhen zu lassen, weil sie woanders gebraucht wurden. Dieses halbe Jahr hatte es wirklich in sich. Auch meine Friseurin hat mich kürzlich darauf hingewiesen, dass ich jetzt viele graue Strähnen habe (lacht). Aber das ist mein Herzblut hier, wir haben so eine wichtige Aufgabe, hier geht's richtig um was. Diesen Job kann man nur ganz oder gar nicht machen, da gibt es nichts dazwischen. Ich bin so dankbar dafür, mit den Kolleginnen und Kollegen einen derartigen Beitrag zu leisten: Denn wir können dabei helfen, alle möglichst gut über diese herausfordernde Zeit zu bringen.

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