Christoph Mäckler, geboren 1951 in Frankfurt, wirkt seit 1981 mit seinem eigenen Büro mit inzwischen 60 Mitarbeitern von Frankfurt aus bundesweit als Architekt und Stadtplaner.
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Christoph Mäckler, geboren 1951 in Frankfurt, wirkt seit 1981 mit seinem eigenen Büro mit inzwischen 60 Mitarbeitern von Frankfurt aus bundesweit als Architekt und Stadtplaner.

Stadtentwicklung

Frankfurter Architekt und Stadtplaner Christoph Mäckler wird 70 Jahre alt

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    vonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Im Interview spricht er darüber, warum die Menschen das Vertrauen in den Städtebau verloren haben und fordert eine soziale Mischung in neuen Quartieren.

Freuen Sie sich über den Grünen-Wahlsieg in Frankfurt, wenn womöglich in Zukunft keine Einfamilienhäuser mehr gebaut werden dürfen, Herr Mäckler?

Ich glaube kaum, dass das so sein wird. Richtig ist schon, dass wir erstmal schauen müssen, ob wir nicht andere Möglichkeiten haben, bevor wir neue Einfamilienhaus-Gebiete ausweisen. Wir können nicht immer weiter so viele Flächen versiegeln.

Was ist die Alternative?

Neue Städte müssen so gut sein, dass sie es mit den alten Städten aufnehmen können. Die Alternative ist eine Stadt der kurzen Wege, wie wir das aus Bornheim, Bockenheim oder Sachsenhausen kennen. Dort kann man wunderbar leben, weil man weniger das Auto braucht. Dort gibt es Höfe, in denen die Kinder spielen. Man hat großzügige Wohnungen. Wohnung und Arbeitsplatz, Geschäfte und Kulturangebote liegen hier nah beieinander. Das ist durchaus eine Alternative zum Einfamilienhaus auf der grünen Wiese.

Viele Menschen sind skeptisch, dass das gelingt, wenn sie sich anschauen, wie unsere neuen Wohnbauquartiere in Deutschland aussehen.

Das verstehe ich.

Was muss sich ändern?

Wir brauchen eine soziale Mischung, eine funktionale Mischung, wir brauchen Schönheit im öffentlichen Raum, in unseren Straßen und Plätzen - und wir brauchen Dichte in der Stadt, es müssen viele Menschen an einem Ort wohnen. In den Gründerzeitvierteln unserer Städte findet sich eine sehr viel größere Dichte als in unseren Neubauvierteln. Die soziale Mischung besteht in allen Altbauvierteln. Dort gibt es große und kleine Wohnungen für Menschen in verschiedenen Einkommensgruppen. Eine soziale Mischung ist wichtig für das Zusammenleben in unserer demokratischen Gesellschaft.

Warum bietet die Nordweststadt so etwas nicht?

Sie hat keine soziale und funktionale Mischung, weil die Nordweststadt nur Wohnbauten bietet und keine Haustypen, in denen auch gearbeitet werden kann. Wir müssen städtische Haustypen anbieten mit Höfen und kleinen und großen Wohnungen.

Was meinen Sie mit funktionaler Mischung?

In der Bornheimer Landwehr, aber auch in anderen Stadtteilen finden Sie Gewerbehöfe mit Kleinbetrieben vom Schlosser bis zum IT-Spezialisten und zum Startup. Die Menschen arbeiten im rückwärtigen Teil der Häuser, in den Gewerbehöfen und im Vorderhaus an der Straße wird gewohnt. Das ist die funktionale Mischung auf einem Grundstück, die der städtische Flügel- und Hofhaustyp ermöglicht. In unseren Neubauvierteln gibt es keine Hofhäuser. Deshalb gibt es dort auch keine funktionale Mischung.

Solche Ideen sind in die Planung für den Nordweststadtteil und die Günthersburghöfe eingeflossen. Warum stemmen sich dennoch so viele Menschen gegen diese Neubauvorhaben?

Die Menschen haben das Vertrauen in unseren Städtebau verloren. Der Städtebau ist seit den 70er Jahren sehr theoretisch geworden und für den Normalbürger nicht mehr verständlich. Einen Bebauungsplan kann heute ein Laie einfach nicht lesen. Dann erleben die Menschen, dass wir Stadtteile schaffen, die nicht die Qualitäten haben, die man sich vorstellt.

Wie lässt sich das Vertrauen wieder gewinnen? Muss die Politik jetzt einmal ein positives Beispiel realisieren?

Ja, unbedingt. Für das Neubauquartier Römerhof haben wir gemeinsam in einem Workshop mit dem Stadtplanungsamt genau so etwas entwickelt. Im Römerhof gibt es eine soziale Mischung, eine funktionale Mischung, da gibt es Hofhäuser, in denen gewohnt und gearbeitet wird, da gibt es normale, schöne Straßenräume mit Bäumen und unversiegelte grüne Höfe ohne darunterliegende Tiefgaragen. Wir brauchen solche Beispiele, damit wir die Bevölkerung von Qualität überzeugen. Die höchsten Mieten werden nicht umsonst in den Stadtvierteln des 19. Jahrhunderts bezahlt. Und nicht umsonst findet dort die Gentrifizierung statt und nicht in unseren Neubauvierteln.

Müsste die Politik ein so gutes Projekt wie die Günthersburghöfe auch gegen Widerstand durchziehen?

Ich will mich in diese Diskussion nicht einbringen. Es ist aber völlig klar, dass die Menschen, die dort ihre Freizeitgärten haben, nicht wegziehen wollen. Wenn sich die Politik dann auch nicht einig ist, werden die Eigeninteressen der Leute bestens bedient. Damit lassen sich aber städtebaulichen Planungen einer Stadt nicht weiterentwickeln. Städtebau ist langfristig und dient dem Allgemeinwohl, Schrebergärten aber sind durchaus umzusiedeln.

Sie haben vorgeschlagen, dass auf der Zeil wieder Autos fahren sollten. Meinen Sie das wirklich ernst?

Sehr ernst! Die Zeil ist leider nichts anderes als ein Shoppingcenter ohne Glasdach. Dort gibt es nur riesige Verkaufsflächen, einige davon stehen nun leer. Die Häuser lassen sich aber nicht ohne Weiteres umnutzen.

Wie soll die Zeil belebt werden, wenn Menschen dort entlangfahren, die in Blechkisten sitzen?

Wenn ich von Verkehr spreche, spreche ich nicht nur von Autos, sondern zum Beispiel auch von Fahrrädern. Mit dem Fahrrad über die Zeil zu fahren ist aber heute verboten. Stadtstraßen müssen allen Verkehrsteilnehmern zur Verfügung stehen. Stadtleben benötigt Vielfalt auch im Verkehr. Es geht nicht darum, die Zeil wieder vierspurig nur für Autos zu öffnen.

Sollte die Stadt mit einem Vorbild zeigen, wie solche gemischt genutzten Straßen aussehen könnten?

Die gibt es schon. Das sind die Straßen, die durch alle Wohnviertel außerhalb des Anlagenrings verlaufen. Eine Eckenheimer Landstraße, die Berger Straße oder die Schweizer Straße zum Beispiel, und die ganzen Seitenstraßen im Nordend, Sachsenhausen und Bornheim. Sie sind gemischt genutzt für jede Form von Verkehr und - einmal abgesehen vom Problem des Parkens - genau das, was wir brauchen.

Sollte das auf der Zeil auch so aussehen?

Ja, denn dort können keine Wohnungen gebaut werden, solange die Zeil reine Fußgängerzone ist. Eine Fußgängerzone ist monofunktional und nur dafür da, dort einzukaufen. Es fehlt auch nachts die soziale Kontrolle, denn dort fährt kein Taxi, Auto oder Fahrrad entlang. Die Zeil ist nachts ein unsicheres Viertel - während beispielsweise im Bahnhofsviertel durch den Individualverkehr immerhin eine gewisse soziale Kontrolle gegeben ist.

Ernsthaft? Lieber Bahnhofsviertel als Zeil?

Wie es städtebaulich anders geht, dafür ist die Kaiserstraße ein wunderbares Beispiel. Sie hat man zu einer Allee umgestaltet, mit sehr breiten Gehwegen und in der Mitte Individualverkehr. Dort wohnen Menschen, dort gibt es soziale Kontrolle und eine funktionale Mischung. Die besondere Problematik des Bahnhofsviertels berührt darüber hinaus viele Fragen, die aber nicht nur städtebaulich beantworten werden können.

Also das Vorbild für die Zeil?

Das lässt sich auch auf der Zeil umsetzen. Dann können dort Wohn- und Bürohäuser entstehen. In den unteren Geschossen wird man sicher weiter Geschäfte haben. Ein schönes Beispiel für eine funktionierende Stadtstraße ist auch die Töngesgasse. Da wird gewohnt und gearbeitet, da gibt es schöne Läden, da kommt man mit jedem Verkehrsmittel hin.

Einige fordern für den Mainkai genau das Gegenteil: die Autos auszusperren.

Das ist Unsinn. Diese Straße ist tot, das hat man ja ein Jahr lang gesehen. Da es keine Hauseingänge zur Straße hingibt, wird man in diese Straße niemals Leben hineinbringen. Außerdem gibt es nebenan einen wunderschönen Kai mit Wiesen und breiten Wegen zum Flanieren. Ich halte die komplette Sperrung der Straße für reine Ideologie. Ideologien aber sind im Städtebau Gift für jede Stadt. Ich rate auch hier zu einer normalen zweispurigen Stadtstraße, Tempo 30, Fahrradwegen und breiten Bürgersteigen.

Sie wirken seit sieben Jahrzehnten. Wie zufrieden sind Sie mit dem, was Sie erreicht haben?

Ich liebe meinen Beruf. Ich habe viele große Chancen gehabt, baue Hochhäuser, Museen und Kirchen, habe Türgriffe und Lampen entwickelt und greife mit unserem Institut in die Diskussion um einen zeitgemäßen Städtebau in Deutschland ein. Ich habe ein beruflich sehr reiches Leben und genieße es sehr als Architekt arbeiten zu können. Aber ich brauche für diese vielfältige Arbeit auch Unterstützung. Ohne meine Partner und Mitarbeiter und vor allem ohne meine Familie wäre diese Arbeit nicht zu leisten.

Welcher Erfolg macht Sie besonders stolz?

Ich hatte das Glück, an interessanten Stellen bauen zu dürfen. Ob das die Maininsel mit dem Portikus ist oder die alte Stadtbibliothek, das Waldorf Astoria in Berlin oder der Opernturm. In der zweiten Jahreshälfte eröffnen wir das Romantik-Museum am Goethehaus. Unsere Arbeit versucht dabei immer zwischen den Belangen des Allgemeinwohls und unseren Bauherrn zu vermitteln. Es ist eine Arbeit, die gesellschaftlich eingebunden ist. Das merken sie zum Beispiel am Opernturm. Der immerhin 170 Meter hohe Turm erfährt eine große Zustimmung unter Frankfurtern, obwohl er doch direkt neben dem alten Opernhaus steht. Das könnte auch anders sein.

Was halten Sie vom Vorschlag, das alte Schauspielhaus neu aufzubauen?

Gar nichts. Das ist einfach absurd.

Die Altstadt hat man auch wieder aufgebaut und die Menschen mögen sie sehr.

Wir haben es bei Schauspiel und Oper aber mit hochsensiblen, funktionalen Bauwerken zu tun. Da müssen Akustik, Abläufe und alles rund um die Bühne perfekt funktionieren. Solche Notwendigkeiten bestanden in diesem Ausmaß bei der Altstadt nicht. Ich halte das Konzept von Kulturdezernentin Ina Hartwig mit der Kulturmeile für sehr gut. Wir können nicht die Fehler der vergangenen 50 Jahre dadurch ausmerzen, dass wir nun anfangen, eine Architektur des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts neu zu errichten. Wir müssen als Architekten Qualitäten schaffen, die menschenwürdig sind und die unseren ökologischen, ökonomischen, funktionalen und den Schönheitsbedürfnissen der Gesellschaft in unseren Straßen und Plätzen gerecht werden.

Welches Gebäude in Frankfurt würden Sie gern abreißen?

In jeder Zeit gab es gute und schlechte Architektur. Wichtig ist, ob Bauwerke den städtischen, den öffentlichen Raum unterstützen und stärken, oder ob sie ihn zerstören. Da gibt es in Frankfurt viele Stellen, die man besser machen könnte, die verbaut sind, etwa die Konstablerwache, die Hauptwache und die Schillerstraße. Das sind öffentliche Räume, die neu gedacht werden müssen.

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