Zu viel Regen, zu wenig Sonne: Bauernpräsident Karsten Schmal, Frankfurt-Landwirt Matthias Mehl und Wetterau-Landwirt Michael Schneller (von links) , hier vor Mehls großem Mähdrescher, haben gestern die Ergebnisse der Getreideernte 2021 prognostiziert.
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Zu viel Regen, zu wenig Sonne: Bauernpräsident Karsten Schmal, Frankfurt-Landwirt Matthias Mehl und Wetterau-Landwirt Michael Schneller (von links) , hier vor Mehls großem Mähdrescher, haben gestern die Ergebnisse der Getreideernte 2021 prognostiziert.

Landwirtschaft

Frankfurter Bauern klagen: Die Ernte wird allenfalls durchschnittlich

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
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Nach drei trockenen Sommern macht ihnen und dem Getreide jetzt der viele Regen zu schaffen

Seinen Winterweizen hat Kreislandwirt Matthias Mehl eingebracht, die Wintergerste auch. "Ich bin enttäuscht", sagte er gestern. Denn: Nach drei Trockenjahren mit Mini-Ernten hat Mehl für seinen Betrieb in Nieder-Erlenbach jetzt auf ein ordentliches Plus gehofft, angesichts des vielen Regens, den seine Feldfrüchte gehabt haben. Aber es war schon fast zu viel des Guten. Die Erntemenge werde allenfalls "durchschnittlich".

Das ist im Wetteraukreis ebenso, wie dessen Kreislandwirt Michael Schneller versicherte. Karsten Schmal, Präsident des Hessischen Bauernverbandes, beschrieb ein ungewöhnliches Wetterjahr für die Landwirtschaft. "Wir hatten im April Nachtfröste", sagte der am Edersee wirtschaftende Landes-Landwirt. Es war der kälteste April seit 1977. Anders der Juni, der dann schon wieder rekordverdächtig war, laut Deutschem Wetterdienst der drittwärmste seit Messbeginn 1881. Und dann der Juli mit seinen Gewittern und Starkregen: Alles andere als ein Traumwetter für Landwirte.

In Hessen werde die Getreideernte denn auch nur durchschnittlich, kündigte Schmal an: "Insgesamt rechnen wir mit einem Getreideertrag von etwas mehr als zwei Millionen Tonnen" - ein Plus zum trockenen Vorjahr von etwa 25 Prozent. Dabei spielt nicht nur die Menge eine Rolle, sondern die Qualität ebenfalls. Und die ist in diesem Jahr schlecht.

So liege der Gehalt an Eiweiß bei der Wintergerste bei lediglich 13 Prozent. Und weil, so Schmal, vielerorts die Sonne fehlte, die Sonne jedoch die Energiequelle ist, die Pflanzen nutzen, um Kohlenhydrate - Zucker und Stärke - aufzubauen, ist das Getreide nun pro Volumen einfach zu leicht.

Kreislandwirt Mehl berichtete von einem weiteren Problem: Der viele Regen im Juli hat zu Verzögerungen bei der Ernte von zwei bis drei Wochen geführt. "Nasses Getreide sollte man nicht ernten." Allerdings wurde es kaum trocken, da kam schon der nächste Guss. Die Folge: Mehl stellte noch an der Ähre bereits auskeimende Körner fest. Also wurde auch nasses Getreide geerntet und dann aufwendig getrocknet. Das mindert den Ertrag, weil die Produktionskosten steigen.

Die Situation der Landwirtschaft bleibt sehr angespannt, das Bauernsterben geht weiter. Michael Schneller sieht einen erheblichen Druck auf die Flächen: "Es soll Wohnbebauung geben, es soll Logistikzentren geben, es gibt dank der Unsicherheit des Finanzsystems einen erheblichen Druck von Spekulanten, die Flächen aufkaufen." Schneller sieht, wie die Zahl seiner Kollegen kleiner und kleiner wird, selbst im Wetteraukreis: "Es gibt noch 930 Betriebe. Vor 20 Jahren waren es mehr als 2000", sagte er. 53 000 Hektar bewirtschaften die Betriebe, wovon etwa 40 000 auf Getreide und 13 000 auf "Grünland" entfallen, also Wiesen, deren Gras geerntet wird, um daraus Futterheu für Kühe herzustellen. Allerdings nimmt der Tierbestand ab: Im Wetteraukreis gebe es nur noch 53 Milchviehbetriebe, und es gebe "Verbandsgemeinden ohne eine einzige Kuh", so Schneller. Etwas anders ist es bei Schweinen, die noch oft in kleiner Zahl von Nebenerwerbslandwirten gehalten werden. Insgesamt sind es 200 Betriebe mit 14 000 Tieren.

Tierhaltung zu teuer und zu unsicher

Schmal sieht in der Viehwirtschaft das größte Problem der Landwirtschaft: Die Investitionen in einen neuen, tierschutzgerechten Stall sind sehr hoch. 20 Jahre muss der Landwirt die Investition tilgen und abschreiben. Dann kommen aber auch ständig neue Vorschriften, die weitere Umbauarbeiten zur Folge haben. "Niemand investiert mehr in Tierhaltung. Es ist so teuer, so unsicher, die Erträge sind so ungewiss." Die Folge sei jedoch, so Karsten Schmal, dass immer weniger des Fleisches, das in Hessen verzehrt werde, aus regionaler Produktion stamme. Was das Getreide angeht, können Hessens Bauern nur noch für etwa 30 bis 40 Prozent des in Hessen verbrauchten Mehls sorgen.

Ansprüche der Gesellschaft an die Landwirtschaft gebe es viele. Alles solle möglichst nachhaltig sein, möglichst keine Pflanzenschutzmittel. Wenn es jedoch an die Kosten gehe, lasse die Gesellschaft die Landwirte alleine.

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