+
Lebt in einem Kollektiv: ?Antagon?-Gründer Bernhard Bub.

Serie: "Changemaker"

Frankfurter Bernhard Bub lebt seit 35 Jahren im Lkw

Wie lässt sich die Lebensqualität in Frankfurt verbessern? Wer bringt Bürger zusammen? Wer setzt sich für Klimaschutz und Tierrechte ein? In unserer sechsteiligen Serie stellen wir „Changemaker“ vor, Menschen die sich für einen gesellschaftlichen und ökologischen Wandel einsetzen und für die Nachhaltigkeit mehr ist als ein abstrakter Begriff. Im letzten Teil stellen wir die ungewöhnliche Wohngemeinschaft um Bernhard Bub vor.

„Es geht ums Teilen: Wir teilen unseren Wohn- und Arbeitsraum. Wir nennen es Lebens- und Arbeitsprojekt. Es macht das Zusammenleben nicht unbedingt einfacher, aber realer.“ Weil seine Wohngemeinschaft doch anders ist als die der meisten Deutschen, muss Bernhard Bub, Leiter des Aktionstheaters „Antagon“, zur Erklärung etwas weiter ausholen. Gemeinsam mit fünfundzwanzig Mitstreitern lebt er auf einem ehemaligen Speditionsgelände in Fechenheim. Darunter sind auch Bubs Sohn und seine zwei Enkel. „Kleingruppen oder Singles, die sich in ihre Apartments zurückziehen und Freunde nur für ein paar Stunden oder in Chaträumen treffen, das empfinde ich als entfremdeten Lebensstil. Wenn man sich die gesamte Welt anguckt, lebt die große Mehrheit nicht so.“

Bub spricht mit Leidenschaft in der Stimme und fast theatralischer Geste, während er durch die Räume marschiert. Kinder und Mitbewohner laufen durch die riesige Gemeinschaftsküche. Ein großer Esstisch fällt ins Auge. Auf der Küchenplatte stehen Schalen gefüllt mit Mandarinen, Paprika oder Tomaten. Darunter Stiegen von Kartoffeln, Zwiebeln und Brot. „Unser Essen beziehen wir von der Frankfurter Tafel“, erklärt Bub. „Wir essen das, was sonst vernichtet würde. Diese irrsinnigen Mengen Geld, die ein individualisiertes Leben verschlingt, braucht hier keiner.“

Der Theatermacher trägt Jeans und Pulli. Das längere Haar und die kräftige Statur geben ihm etwas Verwegenes. Kaum zu glauben, dass er nächstes Jahr 60 Jahre alt wird. „Der Mensch ist ein Gruppentier, er braucht das tägliche Training in der Auseinandersetzung, generations- und geschlechterübergreifend“, ist er überzeugt. „Wir haben hier eine realistische Lebenssituation geschaffen. Und Kultur zu machen, das ist das Nachhaltigste, was menschliches Zusammenleben fördert.“

Er öffnet die Tür zum großen Bad. Unter Namensschildern hängen zwei Dutzend Handtücher. „Unser Marmorbad“, sagt Bub und zeigt auf das unregelmäßige Muster. „Das sind alles Restbestände vom Steinmetz.“ Dann deutet er auf ein Geländer, früher diente es als Handlauf in einem Stadtbus, jetzt ist es als Halterung links von der Toilettenschüssel angebracht. „Unsere Behindertentoilette. Wir hatten mal eine Sekretärin, die im Rollstuhl saß.“

Die „Antagon“-Bewohner sind kein einziges Mal zu Ikea gefahren, um sich einzurichten. Sie haben alles selbst herangeschleppt, geschweißt, gebaut. Materialien aus alten Theatern, Fabriken oder Lkws sind so zusammengekommen, viele Stücke sind Geschenke. „Wir kaufen nur, was wir wirklich brauchen!“, betont Bub, der gerade über einer einer Warmwasseranlage brütet, die von Sonnenenergie gespeist wird.

Alle leben so nachhaltig wie möglich. Den Strom beziehen sie von der Solaranlage auf dem Dach, sie hacken ihr Holz für die Heizöfen selbst und holen ihr Trinkwasser aus einer Quelle in Königstein. Auch die Ausstattung für die Sommerfestivals (Sommerwerft) gestalten die Theaterleute aus Recyclingmaterial. Zuletzt wurden die Dixi-Klos durch wasserfreie Komposttoiletten ersetzt. Lebensmittel kommen möglichst von Biohöfen.

Bub führt hinaus aufs Gelände. Auf einer Rampe stehen Wäscheständer mit getrockneten Kleidern. „Wir treffen uns morgens und teilen die Arbeit auf. Vom Küchendienst bis hin zur Gartenarbeit.

Wir haben hier fast 6000 Quadratmeter Fläche, die bewirtschaftet werden muss. Wenn man sich das Gelände aus der Vogelperspektive anschaut, erkennt man: Es ist der grünste Fleck in dieser Ecke. Wir mussten viele Lkw voll Muttererde rankarren. Jetzt sind sehr viele heimische Vogelarten hierher zurückgekehrt.“

Neben der Küche stehen den „Antagon“-Bewohnern das gemeinsame Wohnzimmer, die Trainingshalle und das Büro zur Verfügung. Ihre ganz privaten Zonen haben sie sich in alten Lkws und Bauwagen geschaffen, die auf dem Gelände verteilt stehen. Ausrangierte Busse und Speditions-Lkws, die zu einem Rückzugsort für die Bewohner umfunktioniert wurden. Bub zeigt auf seinen Wohnwagen. „In diesem Lkw lebe ich seit 35 Jahren. Er ist Baujahr 1950, ein Magirus-Deutz.“

Schließlich endet die Führung vor einem großen Komposthaufen. „Das ist der Humus. Er muss noch durchsiebt werden.“ Der große Mann lässt die weiche Erde andächtig durch seine Hand rieseln. „Wir machen sogar unsere Erde selbst.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare