Batuhan Demirel (Mitte) mit Lehrer David Richter und Lehrerin Songül Yasar. In der Philipp-Holzmann-Schule, die Demiral besucht, sprach er über das Attentat in Hanau, bei dem ein Rassist neun junge Menschen getötet hat. Ein Opfer war Demirals Cousin. foto: sabine schramek
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Batuhan Demirel (Mitte) mit Lehrer David Richter und Lehrerin Songül Yasar. In der Philipp-Holzmann-Schule, die Demiral besucht, sprach er über das Attentat in Hanau, bei dem ein Rassist neun junge Menschen getötet hat. Ein Opfer war Demirals Cousin.

Terroranschlag von Hanau

Frankfurter Berufsschüler, der beim Anschlag seinen Cousin verlor: "Ich besuche ihn oft auf dem Friedhof"

  • vonSabine Schramek
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Batuhan Demirel hat beim Hanauer Terroranschlag seinen Cousin verloren. Nun erzählte er in der Frankfurter Philipp-Holzmann-Berufsschule per Videostream, wie es ihm seither ergangen ist.

Frankfurt -Batuhan Demirel (20) ist angehender Anlagenmechaniker und im letzten Ausbildungsjahr in der Philipp-Holzmann-Berufsschule. Letztes Jahr fehlte er nach dem Attentat von Hanau, denn sein Cousin Sedat Gürbüz (29) war eines der Todesopfer.

Nun sitzt er in der Aula den Schulseelsorgern Songül Yasar und David Richter gegenüber und erzählt. Yasar, die auch seine ehemalige Klassenlehrerin ist, fragt ihn behutsam, wie er die Nacht des Terrors und die Zeit seither erlebt. "Ich habe damit noch nicht abgeschlossen", sagt Batuhan Demirel. "Man fühlt sich nicht gut damit. Eine Person, mit der man aufgewachsen ist, ist nicht mehr da. Ich besuche ihn oft auf dem Friedhof in Dietzenbach, weil ich ihn sehen will." Zur Gedenkveranstaltung oder zur Demo in Hanau will er nicht. "Wir bleiben mit der Familie im kleinen Kreis. Auch wegen Corona", erzählt der junge Mann und atmet tief ein.

"Viele haben den Tag vergessen"

Der Tag vor einem Jahr sei ein ganz normaler Arbeitstag gewesen. Er ging zur Schule und hat sich abends zu Hause nichts Böses gedacht, als er von seinem Bruder ein Video geschickt bekam. "Ich habe das nicht ernst genommen und dachte, es sein eine Schlägerei oder so was." Er hat versucht, seinen Cousin in dessen Shisha-Bar "Midnight" zu erreichen. Er ging nicht dran. Da fuhr Batuhan Demirel mit seiner Tante und seiner Mutter zum Tatort.

"Da haben wir es gesehen, aber duften nicht rein, weil die Polizei schon alles abgesperrt hatte. "Meine Tante wusste es sofort." Bis zwei oder drei Uhr blieb er dort, seine Tante noch länger. "Wir haben geweint, es war ein Schock." Begreifen kann er es bis heute nicht, dass sein Cousin in einer Bar, in der man sich auf Shishas, zum Essen, Reden und zum Abhängen rund um die Uhr getroffen hat, erschossen wurde. Er knackt mit seinen Fingern, die er fest zusammen hält. Geholfen haben ihm durch die Zeit seither seine Familie, seine Freunde und Bekannten. "Wir sind sehr zusammengerückt." Kurze Zeit nach dem Anschlag kam Corona und hat das Thema verdrängt. "Viele haben den Tag vergessen, obwohl niemand ihn vergessen sollte."

"Seinen 30. Geburtstag haben wir ohne ihn gefeiert"

Batuhan Demirel vermutet, dass länger über Hanau gesprochen worden wäre, wenn der Attentäter Migrationshintergrund gehabt hätte. Er betrachtet die Plakate, die Schüler gemalt haben. Ein Mensch mit halb schwarzem und halb weißem Gesicht, über dem "Gemeinsam gegen Rassismus" steht und die neun Namen der Todesopfer. Links daneben steht abwechselnd auf Deutsch und Englisch: "Wir hassen Rassismus", "We hate racism". "Mein Cousin ist nur 29 Jahre alt geworden. Seinen 30. Geburtstag haben wir im Mai in seiner Bar ohne ihn gefeiert", sagt der junge Mann sichtlich bewegt.

Er zeigt auf ein Foto des Graffiti unter der Friedensbrücke mit den neun Gesichtern der Toten. "Sie kommen nicht wieder. Ich kann nur jedem raten, mehr Toleranz und Respekt zu leben, Konflikte und Stress untereinander zu vermeiden. Man sollte jeden Menschen wertschätzen", sagt er.

Schulklassen strömen in die Mensa, zünden Teelichte an zwischen Körben voller Narzissen, Primeln und Vergissmeinnicht. Sie flüstern leise, sprechen Demirel Trost zu. Schulleiterin Yvonne Sprock spricht aus ihrem Büro zu den Schülern und ruft zu einer Schweigeminute für die Opfer auf. Hunderte in der Schule und daheim schweigen mit.

Frankfurt: Auch die meisten Schüler haben Rassismus erlebt

Die Schulseelsorger Songül Yasar, David Richter, Jürgen Reck und Katharina Lage haben mit den Schülern wochenlang den Tag ausgearbeitet. Bereits nach dem Attentat haben sich die Klassen mit dem Thema auseinandergesetzt und viel gesprochen. Eine Holztafel wurde von Schülern angefertigt und aufgestellt. Jetzt diskutieren Schüler und Seelsorger gemeinsam in der Aula über rassistische Erlebnisse, die sie hatten und wie sie damit umgehen. Eine Schülergruppe in der Aula bekommt die Gespräche per Gebärdensprache live übersetzt.

Die meisten Schüler haben bereits Rassismus erlebt. Auch deshalb haben die Seelsorger bereits im Vorlauf des Gedenktages Talha Taskinov vom Rat der Religionen in die Klassen geholt, um Ideen zu sammeln, über Identität und Rassismus zu sprechen. Gemeinsam entstand die Ausstellung, die an Hanau erinnert. Die jungen Männer und Frauen zeigen Mut, Empathie und Hoffnung. Hoffnung darauf, dass alle Angehörigen und Freunde von den Ermordeten den Verlust verarbeiten können und dass Rassismus den menschlichen Gemeinsamkeiten weicht.

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