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Der Delegierte Roland Limberg aus Oberrad kritisierte die Debattenkultur auf dem Parteitag.

Nach Wahl der Bundestags-Direktkandidatin

Die Frankfurter CDU-Basis muckt auf

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Die Frankfurter CDU hat die Lust an der Debatte entdeckt. Selten wurde auf einem Parteitag so engagiert diskutiert wie bei der Wahl Bettina Wiesmanns zur Direktkandidatin im Bundestagswahlkreis 183. Einen von der Parteiführung verordneten Kandidaten will die Basis nicht mehr akzeptieren.

 Die 50-jährige Bettina Wiesmann hat die gläserne Decke durchstoßen: Bei der Kampfabstimmung über die Nachfolge von Erika Steinbach im Bundestagswahlkreis 183 (Frankfurter Norden, Süden und Osten) setzte sich nicht der Favorit der Parteiführung, der 65-jährige Michael Prinz zu Löwenstein durch, sondern die Landtagsabgeordnete. Dabei hatte Wiesmann das eherne CDU-Gesetz durchbrochen, dass man nicht gegen den gemeinsamen Kandidaten der beiden Parteiflügel antritt. Dass sich Wiesmann gegen den amtierenden CDU-Fraktionschef im Römer durchsetzte, war bereits eine Überraschung, noch mehr aber die Art und Weise: 91 Stimmen für Wiesmann, nur 51 für Löwenstein.

Die große Mehrheit für Wiesmann und der Jubel der Delegierten über die eigene Entscheidung zeigte, dass die CDU im Wahlkreis 183 geschlossen in den Wahlkampf ziehen wird und auch das Löwenstein-Lager mitziehen wird. Es war möglicherweise gerade der Druck der Parteiführung und der Versuch der Einflussnahme zugunsten Löwenstein im Vorfeld der Abstimmung, welche bei der Parteibasis das Gefühl „Jetzt erst recht Wiesmann!“ aufkommen ließen: So sorgte der Druck der Führungskräfte beider Parteiflügel an bekannte Wiesmann-Unterstützer, doch dem Parteitag fernzubleiben, für Empörung.

Das Engagement der Führungskräfte der Parteispitze für Löwenstein fiel nicht besonders kämpferisch aus. Die Empfehlung des Parteivorsitzenden Uwe Becker war mehr routiniert als engagiert. Ein Delegierter bemerkte zu seinem Nachbarn: „Was Becker über Löwenstein sagt, könnte er auch über Wiesmann sagen. Seltsam emotionslos und unvorbereitet wirkte auch der Beitrag des Chefs der Mittelstandsvereinigung (MIT) und Wissenschaftsminister Boris Rhein. „Das meint er doch nicht ernst“, kommentierte ein Delegierter den Beitrag Rheins, der auch stellvertretender Parteivorsitzender ist.

Auch Wiesmann-Unterstützer Michael Boddenberg legte keinen Wert darauf, die Vorzüge seiner Landtagskollegin überzubetonen, blieb eher sachlich-versöhnlich. Dennoch war der Auftritt des CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag für Wiesmann eine Überraschung und dürfte nicht ohne Wissen der Landes-CDU erfolgt sein.

Es waren dann aber die Delegierten der Basis, die herzliche Worte für die Kandidatin fanden. Die 48-jährige Ortsbeirätin Claudia Ehrhardt ist seit ihrem 14. Lebensjahr zunächst Mitglied der Jungen Union, später der CDU. Noch nie hat sie auf einem Parteitag geredet. Doch dann wirbt die hauptberufliche Hausfrau und Mutter eines Sohnes („Ich bin eine aussterbende Spezies“) für Wiesmann wegen deren Qualitäten in den Landtagswahlkämpfen. Zweimal gewann Wiesmann den Landtagswahlkreis 38 (Nordend, Bornheim, Ostend), der traditionell von SPD und Grünen geprägt ist. Als Initiatorin einer politischen Arbeitsgemeinschaft hat sie inmitten der grünen Hochburg parteiübergreifende Veranstaltungen wie die Schopenhauerlounge organisiert.

Die neu erwachte Lust an der Diskussion war kaum mehr zu stoppen. Als gegen 22.30 Uhr der Ehrenvorsitzende Ernst Gerhardt den Schluss der Debatte beantragte, beschwerte sich einer der Delegierten heftig und forderte dazu auf, die Rednerliste abzuarbeiten.

Den Unmut der Basis über die Kandidatenauswahl der Parteiführung bekam auch der amtierende Bundestagsabgeordnete Matthias Zimmer im Wahlkreis 182 (Frankfurter Westen) zu spüren. Zimmer erhielt lediglich 68 Stimmen, sein weitgehend unbekannter Mitbewerber Veljko Vuksanovic 35. Mit diesem achtbaren Ergebnis wird der 57-jährige Immobilienkaufmann gut leben können. Zimmer kommentierte sein schlechtes Ergebnis mit den Worten: „Da gibt es Unmut an der Basis, der sich aus vielem speist, was nicht genügend erklärt wurde. Diesen Schuh muss ich mir anziehen.“

Ernst Gerhardt meinte, es sei kein Unglück, zwei hochqualifizierte Angebote gemacht zu haben. „Es war eine Diskussion auf hohem Niveau und es bleiben keine Narben.“ Gerhardt riet „seiner CDU“: „Die Partei, auch die Fraktion, soll jetzt arbeiten und noch nicht an die Oberbürgermeisterwahl denken.“

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