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Frankfurter Europaturm wird zur höchsten Erinnerungskerze Deutschlands

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Von: Brigitte Degelmann

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Ein Licht der Erinnerung: Anlässlich des morgigen Holocaust-Gedenktages wird der Europaturm gelb leuchten. Initiiert hat dies Ernst Schwarz, dessen Schwiegermutter Eva Szepesi das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat.
Ein Licht der Erinnerung: Anlässlich des morgigen Holocaust-Gedenktages wird der Europaturm gelb leuchten. Initiiert hat dies Ernst Schwarz, dessen Schwiegermutter Eva Szepesi das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hat. © Leonhard Hamerski

Anlässlich des Holocaust-Gedenktags leuchtet der "Ginnheimer Spargel" am Donnerstag, 27. Januar 2022, in Gelb.

Frankfurt -Es ist der 27. Januar 1945. Bewusstlos liegt die zwölfjährige Eva Diamant auf einer Pritsche im Konzentrationslager Auschwitz - geschwächt von Durst, Hunger, Misshandlungen, Kälte und Krankheit, dem Tod näher als dem Leben. Irgendwann öffnet sie die Augen und schaut direkt auf einen feuerroten Stern. "Als mein Blick langsam klarer wurde, erkannte ich einen russischen Soldaten mit einer wunderschönen runden Pelzmütze auf dem Kopf, der sich aufmunternd lächelnd über mich beugte", schreibt sie in ihren Erinnerungen, die 2017 unter dem Titel "Ein Mädchen allein auf der Flucht" erschienen sind.

Frankfurts "Spargel" wird zur Kerze

Eva Diamant, die heute Eva Szepesi heißt und seit 1954 in Frankfurt lebt, ist eine der wenigen, die die Hölle von Auschwitz überlebt haben. Ihnen und allen anderen Opfern des Nationalsozialismus ist der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar gewidmet. In Frankfurt wird in diesem Jahr auf besondere Weise daran erinnert: Der Europaturm, den viele auch als "Ginnheimer Spargel" kennen, wird am morgigen Donnerstag nicht im üblichen Rot leuchten, sondern in Gelb. Somit, sagt Ernst Schwarz, werde er "zur höchsten Erinnerungskerze Deutschlands".

Schwarz ist nicht nur Vorsitzender des Dachverbands der Frankfurter Gewerbevereine, sondern auch Schwiegersohn von Eva Szepesi, und hat die Aktion initiiert. Ihr Ziel beschreibt er so: "Wir möchten diesen Tag näher ins Bewusstsein bringen, für diesen Tag sensibilisieren. Zunehmend fühlen sich Menschen in Deutschland von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bedroht." Und ohne Erinnerung, ergänzt seine Frau Anita, gebe es keine Zukunft. Es sei wichtig, dass sich mehr Menschen als bisher dafür einsetzten - "den Mund aufmachen, wenn es in Chats antisemitische Posts gibt, aufstehen, wenn jemand beleidigt wird".

Eltern und Bruder der Wahl-Frankfurterin starben im Holocaust

Das versucht auch Eva Szepesi klarzumachen, gerade jungen Menschen. Deshalb, sagt die 89-Jährige, gehe sie immer wieder in Schulen und erzähle dort ihre Geschichte. Wie sie in Budapest aufwuchs, wo ihre Eltern ein Herrenmodengeschäft betrieben. Wie sie irgendwann von anderen Kindern als "Saujüdin" beschimpft wurde. Wie sie nach der Besetzung Ungarns durch die Deutschen im März 1944 den gelben Stern tragen musste. An ihre Flucht in die Slowakei im darauffolgenden Sommer, wo sie sich mit einer Tante versteckte, doch entdeckt wurde und im November 1944 in Auschwitz landete. Von stundenlangem Appellstehen morgens und abends in klirrender Kälte, von unerträglichem Hunger, den Schlägen, der ständigen Angst, den unzähligen Toten. Ihre Eltern und ihr kleiner Bruder kamen im Holocaust ums Leben. "Ihr seid nicht schuld daran, was passiert ist", sagt sie den Schülern immer wieder. Doch es liege auch an ihnen, dass sich dieses Grauen nie mehr wiederhole.

Frankfurter sind aufgerufen, Fotos vom gelben Turm zu posten

Von ihrem Schicksal wird Eva Szepesi am morgigen Donnerstag bei einer Gedenkstunde im Papageno-Musiktheater sprechen, zusammen mit ihrer Tochter Anita Schwarz, ihrem Enkel Leroy und Uwe Becker, dem Antisemitismusbeauftragten des Landes Hessen. Für die Veranstaltung gibt es allerdings keine Karten mehr, denn wegen der Corona-Beschränkungen sind dort nur wenige Besucher zugelassen. Dennoch, sagen Ernst und Anita Schwarz, könne jeder einen Beitrag zum Gedenken leisten - indem man etwa mit Kindern und Jugendlichen über diesen Tag spreche. Schließlich wüssten etliche von ihnen kaum etwas über die Schrecken von Auschwitz.

Zudem rufen sie dazu auf, zum Holocaust-Gedenktag ein Zeichen zu setzen: durch Fotos vom gelb beleuchteten Europaturm, die man in sozialen Netzwerken veröffentlicht, mit dem Hashtag #LichtDerErinnerung. Laut Ernst Schwarz beteiligt sich auch die VGF an der Aktion: An rund 600 ihrer Fahrkartenautomaten in Frankfurt sollen morgen die Bildschirme gelb leuchten.

Überlebende hat Verwandte per Gentest wiedergefunden

Nicht nur ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder hat Eva Szepesi im Holocaust verloren, sondern auch andere Familienangehörige. Mittels moderner Genealogie-Technologie ist es ihr vor wenigen Monaten gelungen, Verwandte in Israel aufzuspüren. Über die Internet-Plattform "MyHeritage" machten sie und ihre Tochter Anita einen Gentest. Und erhielten sie im vergangenen Herbst die Nachricht, dass es Übereinstimmungen mit der DNA von Naama Levy Eylam aus Israel gebe, die ebenfalls einen Test eingereicht hatte. Inzwischen sind sie in Kontakt, per Telefon und Videokonferenz und hoffen darauf, sich irgendwann treffen zu können. Über Naama Levy Eylam habe sie zum ersten Mal ein Foto ihrer Urgroßmutter gesehen, sagt Eva Szepesi - "eine sehr schöne Frau". Auf einem anderen Foto, auf dem Szepesi als Kleinkind zu sehen ist, stehen zwei Brüder ihrer Mutter im Hintergrund, die Naama Levy Eylam als Cousins ihres Großvaters identifiziert hat.

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