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Fährmann Sven Junghans auf der "Walter Kolb".

Höchster Fähre

Frankfurt: Den Kurs in sicheres Fahrwasser setzen

Die "Walter Kolb" ist die letzte Fähre in Frankfurt - doch kennt man sie in der Stadt kaum.

Frankfurt -Wenn Fährmann Sven Junghans seine "Walter Kolb" in Richtung Osthafen steuert - das Museumsufer steuerbords, das Nizza und den Mainkai backbords -, ist das kleine Schiff aus dem Frankfurter Westen immer ein Hingucker und wird von vielen winkend begrüßt - zumal die Passanten an den Ufern erkennen, dass da jedes Mal eine lustige Gesellschaft über die glitzernden Fluten schippert. Allerdings: "Die wenigsten Frankfurter wissen, dass es uns gibt und dass man die Höchster Fähre auch mieten kann", sagt Käpt'n Junghans. "Die Fähre ist ein Frankfurter Kulturgut, das in Frankfurt keiner kennt." Seine Touren sind zwar gut nachgefragt - allerdings meist von Menschen aus Höchst und den umliegenden Stadtteilen. "Wenn Leute aus Frankfurt mit dem Fahrrad kommen, entdecken sie nicht nur die fantastische Höchster Altstadt, sondern auch die Fähre."

Derzeit hat Junghans wie viele andere mit Einschränkungen zu kämpfen. Obwohl die Fähre für 35 Personen zugelassen ist, dürfen wegen der Abstandsregeln nur acht Fahrgäste an Bord. "Das heißt, ich muss vier Mal fahren, um dieselbe Menge an Menschen zu transportieren", sagt er. Das bedeutet auch vier Mal so viel Treibstoff. Gerade an Wochenenden, wenn viele Radfahrer unterwegs sind, kann das zu Wartezeiten führen.

Angst vor Werbe-Einbrüchen

Sorgen macht Junghans auch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, denn zum Teil finanziert er sich über Werbetafeln an den Bordwänden. "Manches Geschäft oder mancher Gastronom kann sich die 500 Euro vielleicht bald nicht mehr leisten", sagt er - und preist die Fähre als sympathischen Werbeträger auch für Großkunden: "Wir sind zwischen der Mainmündung und Mühlheim als Werbeträger unterwegs."

Tagsüber ist die "Walter Kolb" im traditionellen Fährverkehr zwischen dem Höchster und dem Schwanheimer Ufer, bis auf mittwochs: Dann bietet Junghans im Sommer seine "Drei-Strandbad-Tour zwischen Höchst, Kelsterbach und Okriftel an. Jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat unternimmt er von Mai bis September seine "Skyline-Tour" nach Frankfurt, eine Flusskreuzfahrt, zu deren Abschluss die Fahrgäste in den Sonnenuntergang schippern. Dazu kommen Fahrten mit besonderen Themen oder zu besonderen Anlässen, etwa eine Sonnenwendfahrt zum Rhein, Fahrten zum Frankfurter Weihnachtsmarkt oder auch die über "Stadtevents" vermarkteten Handkäs-Fahrten zusammen mit dem "Handkäs'-Shop", der seit voriger Saison auch die Eintracht-Fans im Stadion verköstigt. Und: Die Fähre kann von privaten Gruppen gemietet werden.

Mehr Präsenz in der Tourismus-Werbung

Was Junghans ärgert, ist, dass die Stadt Frankfurt, obwohl Eigentümer der Fähre, diese einzigartige Attraktion nicht bewirbt. In der Broschüre "Frankfurt Sightseeing Tours" mit Rundfahrten und Rundgängen sowie Schiffstouren sind zwar die Angebote der Primus-Linie und der Köln-Düsseldorfer enthalten, nicht aber die stadteigene "Walter Kolb". Wir haben bei der Tourismus+Congress GmbH nachgefragt: "Das wird bei der Neuauflage Ende des Jahres geändert", sagt Tourismus-Chef Thomas Feda. Junghans gefällt die Idee, dass Fähren schwimmende Brücken zwischen den Menschen sind: "Die Fähre könnte ein Botschafter zwischen dem Frankfurter Westen und dem Frankfurter Osten sein." hv

Schwimmendes Kulturgut seit bald 400 Jahren

Der Fährbetrieb zwischen Höchst und Schwanheim ist das erste Mal urkundlich nachweisbar, als Jost Ferg (Ferg = Fährmann) 1623 für sieben Gulden das Recht erwarb, eine Fähre zu betreiben. Von 1911 bis 1992 verkehrte zwischen Höchst und Schwanheim eine Gierseilfähre, die auch Autos transportierte. 1921 wurde die Höchster Fähre an den Schwanheimer Steinmetz Wilhelm Schmidt verkauft; dessen Familie betrieb die Fähre bis Ende 1977. Einer der Nachfahren Schmidts rettete die Fähre im Frühjahr 1945 - also vor genau 75 Jahren - vor der Sprengung durch die Wehrmacht, indem er sie in die nahe Niddamündung steuerte, flutete und auf Grund setzte. Weil sie nach Kriegsende nur leergepumpt zu werden brauchte, konnte sie ihren Betrieb bald wieder aufnehmen, während alle Brücken zerstört waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Fähre mit einem Elektro-Hilfsmotor ausgestattet. 1963 erwarb die Stadt Frankfurt das Höchster Fährregal (Betriebsrecht) vom Land Hessen und verpachtete den Fährbetrieb. Als die Familie Schmidt Ende 1977 den Fährbetrieb aufgab, lag die Fähre still, bis im April 1978 ein anderer Fährmann übernahm. Inzwischen war die Fähre generalüberholt und mit einem Dieselmotor ausgestattet worden. Sie versah ihren Dienst bis ins Jahr 1991.

Mit dem Bau der Leunabrücke sollte der Fährbetrieb eingestellt werden. Bürgerproteste zwangen die Stadt 1991 jedoch, anstelle der Wagenfähre eine Fähre nur für Fußgänger und Radfahrer neu bauen zu lassen. Unsere Leser bestimmten den Namen: Gewählt wurde "Walter Kolb", nach dem Frankfurter Oberbürgermeister (1902-1956), der in Sichtweite im Bolongaropalast gelebt hatte. Seit der Einrichtung des Grüngürtels 1991 ist die Fährverbindung westlichster Teil des Grüngürtel-Rundwanderwegs und des Radrundwegs. Früher gab es flussabwärts der Innenstadt auch Fähren in Griesheim und Sindlingen. hv

Höchster Fähre "Walter Kolb"

Tel. (069) 30 34 86, Mobil: 0178 /2 88 09 08, E-Mail info@mainfaehrefrankfurt.de

www.mainfaehrefrankfurt.de

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