Ein nicht unumstrittener Piks: Die 13-jährige Gloria bekommt in einem Impfzentrum eine Impfung gegen das Coronavirus. FOTO: dpa
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Ein nicht unumstrittener Piks: Die 13-jährige Gloria bekommt in einem Impfzentrum eine Impfung gegen das Coronavirus.

Kritik an Beschluss

Corona-Impfung für Minderjährige: Frankfurter Familien unter Impfdruck

  • Julia Lorenz
    VonJulia Lorenz
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Frankfurter Ärzte und Eltern kritisieren das generelle Angebot für Kinder ab 12 Jahren. Sie befürchten eine Impfpflicht durch die Hintertür.

Frankfurt – "Für Eltern ist es eine schwierige Entscheidung mit viel Verantwortung, ihre Kinder gegen Corona impfen zu lassen", sagt Stephanie Dinkelaker. Sie ist selbst Mutter und Mitglied im Verein "Initiative Familien", der aus den beiden zu Beginn der Corona-Pandemie gegründeten Initiativen "Familien in der Krise" und "Kinder brauchen Kinder" hervorgegangen ist.

"Wir brauchen eine klare Datenlage und die gibt es noch nicht", kritisiert sie die Entscheidung der Gesundheitsminister von Bund und Ländern vom Montagabend, dass nun doch allen Kindern ab zwölf Jahren ein Impfangebot gemacht werden soll - egal ob sie Vorerkrankungen haben oder nicht. Eine allgemeine Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) für dieses Vorgehen gibt es nämlich nicht.

Frankfurterin befürchtet "Impfpflicht durch die Hintertür"

"Durch die Entscheidung der Politiker wird auf die Eltern ein hoher Druck ausgeübt", sagt Dinkelaker. Immer wieder werde suggeriert, dass nur durch die Impfung von Kindern ab zwölf Jahren die Schulen offen bleiben könnten. "Das ist aus unserer Sicht nicht richtig", sagt Dinkelaker.

Durch eine Covid-19-Erkrankung seien eher Erwachsene und besonders ältere Menschen gefährdet und die hätten bereits ein Impfangebot bekommen. Dinkelaker fürchtet, dass der Beschluss der Gesundheitsminister "eine direkte oder indirekte Impfpflicht für Kinder durch die Hintertür" ist. "Offene Bildungseinrichtungen müssen auch ohne Impfung der Kinder möglich sein", so die Familienvertreterin.

Frankfurter Stiko-Mitglied: Sind uns unserer Verantwortung bewusst

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat die Impfstoffe von Biontech und Moderna zwar für alle Kinder ab zwölf Jahren zugelassen, die Stiko jedoch empfiehlt eine Impfung vorerst nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas, da sie ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben.

Mit einer generellen Empfehlung hatte sich das Gremium aus Ärzten, Medizinern und Wissenschaftlern bisher zurückgehalten. "Unsere Entscheidungen treffen wir auf der Basis der wissenschaftlichen Daten", sagt Sabine Wicker, Professorin an der Uniklinik Frankfurt und stellvertretende Vorsitzende der Stiko. Sie könne versichern, dass das Gremium "sehr intensiv" mit den wissenschaftlichen Daten arbeite und sich seiner Verantwortung "absolut" bewusst sei. "Wir treffen allerdings wissenschaftliche, medizinische Entscheidungen, keine politischen", so Wicker.

Frankfurter Gesundheitsamt: Wir können keinen Arzt zum Impfen gegen Corona zwingen

Das Frankfurter Gesundheitsamt weist darauf hin, dass auch im Impfzentrum in der Festhalle Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren im Einzelfall geimpft werden können. Die Umsetzung des Beschlusses der Gesundheitsministerkonferenz geschehe mit der Einschränkung, dass sie nur von Ärzten vorgenommen werden könne, die bereit seien, entgegen der derzeitigen allgemeinen Empfehlung der Stiko zu impfen.

"Wir ermöglichen Eltern und Kindern damit die individuelle Entscheidung für eine Impfung. Wir werden jedoch keine Ärztin, keinen Arzt dazu zwingen, entgegen der Empfehlung der Stiko zu handeln", teilt Dr. Antoni Walczok mit, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts. Voraussetzung für eine Impfung sind ein ärztliches Aufklärungsgespräch und eine Zustimmung der Sorgeberechtigten.

Frankfurter Hausarzt: "Unsere Arbeit wird erschwert"

Neben den Impfzentren sollen Kinder- und Hausärzte Impfungen anbieten. Der Frankfurter Allgemeinmediziner Dr. Jürgen Burdenski, der eine Praxis in Preungesheim hat, jedoch wird keine Kinder und Jugendlichen impfen. Zumindest keine, die nicht einer Risikogruppe angehören. "Ich halte mich an die Vorgaben der Stiko. Damit bin ich bisher immer gut gefahren", sagt Burdenski, der auch erster Vorsitzender des Bezirks Frankfurt beim Hausärzteverband Hessen ist. "Verblüfft" sei er über den Beschluss der Gesundheitsminister, der sich über die Empfehlung der Experten hinwegsetzt. "Das verunsichert die Menschen", sagt Burdenski. "Und die Arbeit der Hausärzte wird unnötig erschwert. Unsere Telefone stehen jetzt wieder nicht still, die Familien suchen Rat. Das alles kostet viel Zeit."

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sind in Hessen bisher 6,9 Millionen Impfungen verabreicht worden. 61,6 Prozent der Hessen sind mindestens einmal geimpft, einen vollständigen Impfschutz haben 51,5 Prozent. In der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen sind 19,5 Prozent mindestens einmal geimpft, 9,3 Prozent sind immunisiert. Unterdessen ist die Sieben-Tage-Inzidenz in Frankfurt wieder auf einen Wert von 35,2 gestiegen. (Julia Lorenz)

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