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Ob Zigarette oder Shisha: Elektronisch brennt hier kein Tabak, sondern verdampft eine Flüssigkeit. Es ist harmlos, aber umstritten.

Wissenschaft in Frankfurt

Frankfurter Forscher verteidigen umstrittene E-Zigaretten

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Können Elektro-Zigaretten Rauchern helfen, weniger ungesund zu leben? Oder gefährden sie möglicherweise Nichtraucher? Wie lassen sich die Chancen und Risiken vernünftig abschätzen? Damit beschäftigt sich eine jetzt vorgestellte Publikation von Prof. Heino Stöver.

Ist die elektronische Zigarette eine Hilfe oder eher eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit? Mutmaßungen gibt es viele, Untersuchungen nur wenige, ganz selten sind zusammenfassende Darstellungen. Eine hat jetzt Prof. Heino Stöver von der Frankfurt University of Applied Sciences (UAS, vormals Fachhochschule) vorgelegt. Das von ihm herausgegebene Buch „Die E-Zigarette. Geschichte, Gebrauch, Kontroversen“ ist „der erste Versuch, die Diskussion zusammenzufassen.“

Klar ist, Rauchen ist gefährlich. Stöver zufolge verursacht es in Deutschland jährlich 110 000 Todesfälle, 30 Mal mehr als durch Verkehrsunfälle. Schätzungen zufolge rauchen 27 Prozent der erwachsenen Deutschen. Die Nichtraucher-Kampagnen der vergangenen Jahre waren mithin nicht besonders erfolgreich.

„Wir haben nicht viele Pfeile im Köcher“, so Stöver, um die Leute von den Zigaretten weg zu bekommen. „Die E-Zigarette ist einer dieser Pfeile. Ihn herauszunehmen, können wir uns nicht leisten.“

Bei der E-Zigarette wirkt das Nikotin, indem es verdampft und dann inhaliert wird. Anders als bei der normalen Zigarette, entstehen dabei jene Gifte nicht oder nur in sehr geringem Umfang, die die eigentliche Gefahr des Rauchens darstellen. Immerhin 70 der 7000 Inhaltsstoffe des Zigarettenrauchs gelten als krebserregend.

In der Publikation Stövers werden neue Forschungen zum Thema vorgestellt. Für die E-Zigarette spricht, dass Raucher, die auf dieses Ersatzmittel umsteigen, geringere gesundheitliche Risiken eingehen, als wenn sie weiter rauchen, auch wenn sie mit Hilfe der E-Zigarette ihren Tabakkonsum nur einschränken, nicht aber ganz aufgeben. Das britische Royal College of Physicians schätzt eine herkömmliche Zigarette rund 20 Mal gefährlicher ein. Bei der Rauchentwöhnung scheint – so die unsichere Datenlage – die E-Zigarette wirkungsvoller zu sein als Nikotinpflaster, aber sie ist sicher kein Wundermittel.

Von den Gründen, die gegen die E-Zigarette sprechen, haben zwei Forscher der UAS einen genauer untersucht: Die „Gateway-Hypothese“ besagt, dass Jugendliche zum Rauchen verführt werden könnten, wenn sie die E-Zigarette kennenlernen. E-Dampf riecht oft süßlich, man kann sich den Geschmack frei aussuchen, er stinkt nicht in der Kleidung, ist außerdem deutlich günstiger als normale Zigaretten. Damit, so die Kritiker, könnten E-Zigaretten „kultig“ werden unter Jugendlichen und so echte Raucher erzeugen. Für diese vermeintliche Gefahr gebe es keine Belege, versichert jedoch Anna Dichtl: „2,8 Prozent der befragten Jugendlichen nutzen täglich E-Zigaretten, aber mehr als 13 Prozent rauchen täglich.“ Im kommenden Jahr soll auch die Abgabe von E-Zigaretten, wie die von normalem Tabak, an Jugendliche unter 18 Jahren verboten werden. Niels Graf, ebenfalls an dem Aufsatz beteiligt, versichert: In keiner Untersuchung werde dieses Rauchverhalten im zeitlichen Verlauf behandelt, also: Ist da zuerst die E-Zigarette und dann das normale Rauchverhalten oder umgekehrt. Für die Gateway-Hypothese fehle mithin die Datenbasis. „Jugendliche probieren alles einmal aus, ob Canabis oder Zigaretten“, so Graf. „Man muss Jugendliche in ihrem Risikoverhalten begleiten.“

Gegenwärtig, führte Stöver aus, gebe es in der deutschen Gesundheitspolitik viel eher das Bestreben, E-Zigaretten zu problematisieren, als sie als eine von mehreren Möglichkeiten zu nutzen, Tabakrauch zu verringern. „Dabei ist es ähnlich wie beim Methadon für Heroin-Süchtige“, so Stöver, „es sollte um die Reduzierung des Schadens gehen“ – diese Position kommt dem Leiter des Instituts für Suchtforschung an der UAS in der Diskussion zu kurz.

Das von ihm herausgegebene Fachbuch kann hier einen Gegenakzent setzen.

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