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Deutschland ist nicht nur Weltmeister im Recycling von Plastik. Auch bei der anfallenden Müllmenge sind wir ganz oben mit dabei. Fotos: Patrick Pleul

Umwelt

Frankfurter Forscherin sagt, ein Leben ohne Plastik sei nicht möglich - und nicht nötig

Unser Plastikmüll verteilt sich auf der ganzen Welt – zulasten der Meere, die immer mehr verschmutzen. Doch ein plastikfreies Leben ist nicht möglich und auch nicht nötig, sagt Forscherin Carolin Völker.

In jedem Quadratkilometer der Meere schwimmen Hunderttausende Teile Plastikmüll. Fische und Seevögel verwechseln Handyteile und Plastiktüten mit Nahrung, und selbst an abgelegenen Orten wie der Tiefsee und der Arktis sind die winzigen Plastikteilchen mittlerweile nachweisbar. Allein die Deutschen produzieren pro Jahr 37 Kilogramm Verpackungsmüll pro Kopf. Doppelt so viel wie noch 1995.

„Verpackungsmüll ist eine der Hauptursachen für die zunehmende Umweltverschmutzung“, sagt Carolin Völker von der Forschungsgruppe PlastX am ISOE – Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt.

Seit April 2016 leitet sie dort mit Johanna Kramm die sechsköpfige Forschungsgruppe. Das Fünfjahresprojekt wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Unter anderem ist es das Ziel, am Ende ein Konzept für die Einsparung von Plastik zu entwerfen und biologisch abbaubares Plastik herstellen zu können.

Gemeinsam mit einer Ökotoxikologin, einer Humangeographin, einem Chemiker und einem Soziologen untersuchen sie Plastik in der Umwelt als systemisches Risiko. „Wir möchten die Problematik aus möglichst vielen Perspektiven betrachten“, sagt Völker. Der Vorteil der interdisziplinären Forschung liege darin, dass sowohl die Auswirkungen auf die Umwelt als auch die gesellschaftlichen Ursachen und neue Lösungsansätze berücksichtigt werden.

Carolin Völker ist seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am ISOE. Schon während ihres Biologiestudiums hat sie sich auf verschmutzte Gewässer und Flüsse spezialisiert. Während sie für die Uni noch im Bach stand und Proben entnommen hat, schaut sie nun auch auf die Verursacher der Verschmutzung. Denn PlastX setzt einen Fokus auf die Verwendung und Herstellung von Plastik. „Zuerst dachten wir, das sei ein alter Hut. Schon in der Grundschule ging es um Plastikmüll“, sagt sie. Doch der zunehmende Abfall zeigt, dass das Problem noch nicht gelöst ist.

Zwar wird auch Plastik irgendwann vollständig abgebaut, so Völker. Das dauere aber je nach Kunststoffart und Ort mehrere Hundert Jahre. Wenn wir so weitermachen wie bisher, wird das zum Problem. „Unser Plastik-Fußabdruck ist bereits jetzt auf der ganzen Welt sichtbar“, sagt Völker. Auch dort, wo es gar keine Zivilisation gibt. Dennoch könne man Plastik nicht generell verteufeln. Die plastikfreien Alternativen seien nicht immer die bessere Wahl. Eine Papiertüte müsse zum Beispiel bis zu achtmal wiederverwendet werden, bis sie sich gegenüber einer Plastiktüte rentiert. Denn die Herstellung der Papiertüte benötige viel mehr Energie und dabei entstehe Kohlenstoffdioxid, und das sei wiederum schlecht für das Klima.

„Aber was ist schlimmer, der Plastikmüll oder die Erderwärmung?“, fragt Völker. Beides schlimm. Daher sei es auch nicht richtig zu versuchen, Plastik vollkommen aus unserer Welt zu verbannen. Wichtiger und nützlicher wäre es, den eigenen Lebensstil zu verändern und den Umgang mit Plastik zu verbessern.

„Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft“, kritisiert Völker unter anderem die Lebensmittelindustrie und das Verhalten der Konsumenten. Um unseren Planeten nachhaltig von Plastikmüll zu befreien, sieht Völker allerdings nicht nur den Konsumenten, sondern vor allem auch Politik und Unternehmen in der Verantwortung. Unternehmen sollten sich zum Beispiel durch den weltweiten Aufbau von Abfallentsorgungssystemen oder die Finanzierung der Reinigung von Stränden an den Umweltkosten beteiligen. Lediglich auf Recycling zu setzen, findet Völker schwierig. „Die beste Möglichkeit ist die Vermeidung von Müll.“

Beispiel Einkauf: hier könne man auf überflüssige Verpackungen verzichten. „Muss ich die Gurke kaufen, die in Plastik eingeschweißt ist oder geht es auch ohne? Besonders bei Obst und Gemüse achte ich da auch selbst sehr stark drauf“, sagt die 33-Jährige. In diesem Sinne kann auch jeder Einzelne etwas beitragen.

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