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Berühmter Dichter und Schriftsteller

Der Frankfurter Freigeist Friedrich Stoltze wird 200

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Sein Name steht für die Frankfurter Mundart: Friedrich Stoltze. Er war ein mutiger Freiheitskämpfer, überzeugter Demokrat, gefürchteter Rebell und wortgewaltiger Kritiker. Heute vor 200 Jahren, am 21. November 1816, wurde Stoltze geboren.

Sein Name steht für die Frankfurter Mundart: Friedrich Stoltze. Aus seiner Feder stammen die berühmten Verse „Un es will merr net in mein Kopp enei: Wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“ Doch der Sohn eines Gastwirts in der Frankfurter Altstadt war nicht nur ein dichtender Lokalpatriot, sondern auch ein mutiger Freiheitskämpfer, überzeugter Demokrat, gefürchteter Rebell und wortgewaltiger Kritiker. Heute vor 200 Jahren, am 21. November 1816, wurde Stoltze geboren. Als der volksnahe Herausgeber der satirischen Wochenzeitschrift „Frankfurter Latern“ vor 125 Jahren, am 28. März 1891, im Alter von 74 Jahren starb, begleiteten viele Tausend Bürger den Sarg auf seinem letzten Weg vom Westend zum Hauptfriedhof. Mit Führungen, Lesungen, einer Revue, Buchveröffentlichungen und einer Sonderausstellung wird der Dichter im Stoltze-Jahr gewürdigt. Heute Abend findet im Kaisersaal des Römer der offizielle Festakt zu Ehren des populären Frankfurters statt.

Friedrich Christian Stoltze

Im Gasthaus „Zum Rebstock“ am Fuße des Kaiserdoms sitzt Friedrich Rottmann, Gastwirt des benachbarten Lokals „Zur goldenen Spitze“ in der Mausgasse. Vor ihm liegt ein Gesangbuch, aus dem der fromme Mann ein Lied anstimmt: „Wie soll ich dich empfangen?“ „Herr Rottmann, so höflich als möglich!“ entgegnet schlagfertig die alte Grischa, Haushälterin im Rebstock.

Es ist der 21. November 1816. Nebenan liegt Rottmanns Tochter Anna Maria Stoltze in den Wehen, bringt in diesen Minuten den ersehnten Stammhalter der Rebstock-Wirtsleute zur Welt. Der Junge wird in der Katharinenkirche an der Hauptwache auf die Vornamen Friedrich Philipp getauft. Er wird später schreiben, dass ihn Großvater Rottmann besonders geprägt habe. Der Opa zeigte dem Enkel die Stadt, brachte ihm die Mundart bei und erzählte ihm viele Geschichten. Stoltze: „Un von all dene Geschichte un weise Lehre kimmt’s aach her, daß ich so e gelunge Frankforter Kind warn bin un Leib un Lewe uff mei Vatterstadt halt.“

Mutter Anna Maria Stoltze

Christian Stoltze und seine Frau Anna Maria übernahmen das Lokal in der eng bebauten Frankfurter Altstadt am 1. April 1813. Im selben Jahr kam Tochter Anna Margareth, genannt Annett, zur Welt. Sie und ihr Bruder Friedrich verbrachten hier eine glückliche Kindheit, waren ein Herz und eine Seele.

Im Rebstock trafen sich Liberale und Demokraten des sogenannten Vormärz. Der junge Stoltze arbeitete daher gern als Kellner in der Gaststube, denn er bekam dort so manches mit, was nicht für seine Ohren bestimmt war. Es ging ihm darum, „zuhörn zu derfe bei dene Demagogenversammlungen“. Begriffe wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit bekamen für ihn hier jenen konkreten Inhalt, der sein Leben prägte. Als der Vater den 15-Jährigen 1832 mit zum Hambacher Fest nahm, dem legendären Treffen von 30 000 Kämpfern für Einheit und Demokratie, war dies ein weiteres einschneidendes Erlebnis für Friedrich. In ersten Gedichten brachte er zum Ausdruck, was ihn bewegte. Doch sein Vater wollte, dass er Kaufmann wird, „ein großer Handelsherr, eine Weltfirma Friedrich Stoltze“, wie der Sohn süffisant notierte. Der Junge musste eine Lehre beginnen, der Vater verbot ihm das Dichten. Als Christian Stoltze 1833 starb, konnte Friedrich endlich das tun, wozu er sich berufen fühlte: Er brach die Lehre ab und folgte seinem Naturtalent, dem Schreiben. Mit 25 Jahren gab er den ersten Gedichtband heraus und hatte damit auf Anhieb Erfolg.

Stoltze nutzte die Mundart gern und gekonnt als schöne Verpackung für mitunter deftige Inhalte. Mit solchen Texten kam er bei den Frankfurtern gut an und so veröffentlichte er in der Fastnachtszeit 1852 die erste Ausgabe seiner „Frankfurter Krebbel- und Warme Broedscher Zeitung“ komplett auf Frankforterisch.

Es folgte am 3. November 1860 die erste Ausgabe von Stoltzes Hauptwerk, seiner politisch-satirischen Wochenzeitschrift „Frankfurter Latern“. Frech, unerschrocken und provokativ kämpfte Stoltze scharfzüngig und ausdauernd für seine demokratischen Ideale und gegen Zensur, Antisemitismus und Preußens Politik. Das gefiel den Frankfurtern und Stoltze war bald einer der populärsten Bürger der Stadt. Doch schnell bekam er Ärger mit den Behörden und konnte sich der mehrmals drohenden Verhaftung erst im letzten Moment entziehen. Die vielen Geldstrafen belasteten den Haushalt der großen Familie sehr. Am 10. April 1849 hatte Stoltze seine Marie geheiratet, das Paar bekam elf Kinder, von denen sieben überlebten. Sein ebenfalls als Schriftsteller bekannt gewordener ältester Sohn, Adolf Stoltze, ist ein uneheliches Kind aus Friedrichs Beziehung zu Maria Christina Retting.

1866 brach das Unheil über Stoltzes geliebtes Frankfurt herein, das seit dem Beschluss des Wiener Kongresses 1815 wieder Freie Stadt gewesen war. Preußische Truppen besetzten Frankfurt, Stoltze floh vor den Mannen seines Intimfeindes Bismarck nach Stuttgart, die „Latern“ wurde verboten. Es war das Ende der Freien Stadt Frankfurt und des Deutschen Bundes, der von 1816 bis 1866 im Palais Thurn und Taxis in der Eschenheimer Gasse getagt hatte. Für Stoltze war die Machtübernahme der verhassten Preußen nach der Enttäuschung über das Scheitern des 1848er Paulskirchen-Revolution der nächste politische Tiefschlag. Er konnte zwar nach drei Monaten aufgrund einer Amnestie zurückkehren, doch seine „Latern“ blieb bis 1872 verboten.

Die Karikatur thematisiert, wie Friedrich Stoltze auf seine Inhaftierung wartet.

Deren letzte von Stoltze selbst verantwortete Ausgabe erschien just an seinem Todestag, dem 28. März 1891. Der Dichter starb im Haus Grüneburgweg 182. Hier war Stoltze, der ruhelose Geist, im Jahr 1872 nach zwei Dutzend Umzügen quer durch Frankfurt endlich sesshaft geworden. Halb Frankfurt war dabei, als Stoltze am 31. März 1891 auf dem Hauptfriedhof beerdigt wurde. Im Jahr darauf wurde auf dem Hühnermarkt das Stoltze-Denkmal aufgestellt.

Stoltze kehrt heim. Der Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt macht es möglich. Auf dem neu entstehenden Hühnermarkt wird 2017 das Denkmal aufgestellt, das zuletzt auf dem Platz hinter der Katharinenkirche stand und zurzeit restauriert wird. Auch das Stoltze-Museum der Frankfurter Sparkasse, das im Kundenzentrum des Geldinstituts in der Neuen Mainzer Straße eine große Sonderausstellung zum 200. Geburtstag des Dichters zeigt, wird neue Räume in der Altstadt beziehen, und zwar im Neubau Markt 4 und in der rekonstruierten „Goldene Waage“. 2018, zum 40-jährigen Bestehen des Museums ist der Umzug geplant.

Das Prunkstück des Museums ist das Original-Sofa Stoltzes, eine Ottomane. Auf ihr wäre der Dichter 1883 fast ums Leben gekommen: Stoltze war auf dem Sofa mit einer brennenden Zigarre eingeschlafen. Gerade noch rechtzeitig konnte das Feuer gelöscht werden. Danach gab die Haushälterin Stoltzes Frau Marie einen makabren Rat: „Lasse Se’n versichern doch! Wann err dann verbrenne dhut, war er doch for ebbes gut!“

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