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Im Gespräch mit Redakteur Thomas J. Schmidt spricht Nicole Deitelhoff über Bedrohungen für die Gesellschaft und Europa.

Montagsinterview

Frankfurter Friedensforscherin: "Trump ist für Konfliktlösung ein Problem"

Prof. Nicole Deitelhoff forscht an der Goethe-Universität im Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und hat das Exzellenzcluster Normative Ordnungen mit aus der Taufe gehoben. Sie leitet seit eineinhalb Jahren auch noch die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung. FNP-Redakteur Thomas J. Schmidt hat mit ihr über den Frieden, die Friedensbewegung und die Konfliktforschung gesprochen.

Friedensforschung – da denke ich so an die 80er Jahre, die Friedensbewegung, die Blockade in Mutlangen und anderswo. Stimmt das? Hängt die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) mit der Friedensbewegung zusammen?

NICOLE DEITELHOFF: Eine der Wurzeln ist tatsächlich die Friedensbewegung. Viele Forscher kommen von dort. Aber die Friedensforschung ist breiter aufgestellt als die Friedensbewegung. Sie soll ja auch etwas anderes leisten. Natürlich sollen wir den Gedanken des Friedens befördern, aber wir sollen es tun, indem wir Wissen bereitstellen. Wir finden heraus, wodurch es zu bewaffneten Konflikten kommt, wie sie zu beenden sind, analysieren und verstehen also die Ursachen.

Was macht Ihnen momentan die größten Sorgen?

DEITELHOFF: Es gibt ganz viele Brandherde. Momentan ist es vor allem Nordkorea, wo sich nach wie vor eine Eskalationsspirale dreht, und es sind Atomwaffen im Spiel. Es gibt eine Reihe geostrategischer Machtspiele, die uns in Europa Sorge bereiten sollten. Zum Beispiel die Interessenpolitik Russlands im Konflikt mit der Ukraine.

Und Donald Trump?

DEITELHOFF: Trump ist ein Problem, aber es gibt belastbare Institutionen, die ihn zumindest etwas einhegen. Europa besteht aus 28, bald 27 Staaten. Wir können schon einiges selbst bewirken, wenn wir es denn tun! Natürlich hat der US-Präsident Donald Trump ein Irritationspotenzial. Das sieht man in Nordkorea, man sieht es in Syrien. Man erträgt es kaum, es anzusehen. Er irritiert, und das ist problematisch, wenn es um die Lösung von Konflikten geht. Aber er ist letztlich auch nur der Führer eines Landes. Europa hat Potenzial, und Trump kann der Anlass sein, dieses Potenzial endlich zu verwirklichen. Es liegen Ideen auf dem Tisch.

Aber Europa ist mit sich selbst beschäftigt, mit dem Euro, der Schuldenkrise, dem Brexit. Unfähig zur Weltpolitik?

DEITELHOFF: Es ist eine Gegenbewegung sichtbar. Macron bringt Schwung, er bringt den alten deutsch-französischen Motor wieder ins Laufen. Die Ideen zu einer Sicherheits- und Verteidigungsunion liegen auf dem Tisch.

Wie schaut es aus mit der Gefahr durch den Terrorismus?

DEITELHOFF: Alle schauen wie das Kaninchen auf die Schlange auf den islamistischen Terrorismus. Es ist durchaus möglich, dass mit dem Zurückdrängen des IS auch in Europa mehr Anschläge geschehen. Aber es gibt nicht nur islamistischen Terrorismus. Wir beobachten Radikalisierung auch im rechten Spektrum und derzeit erleben wir auch das Wiederaufflammen ethnonationalistischer Bewegungen - Stichwort Katalonien.

Woran forscht die HSFK zurzeit so?

DEITELHOFF: Wir verfolgen viele Forschungsprojekte, die kann ich gar nicht alle auflisten. Nehmen wir mal Radikalisierung: In diesem Bereich bauen wir einen Forschungsschwerpunkt auf. Wir haben zunächst das vorhandene Wissen über den salafistischen Terrorismus gebündelt. Das war ein großes Projekt. Momentan machen wir etwas im Vergleich: Wir versuchen, mit ’Gesellschaft extrem’ rechts- und linksradikale Strömungen und den Ethnonationalismus zu vergleichen. Gibt es ähnliche Dynamiken, ähnliche Mechanismen? Wir erforschen auch Konflikte, die sich in Einwanderergruppen abspielen und wollen verstehen, was da die Konfliktdynamik ist. Hat es kulturelle Gründe, sozioökonomische?

Also Konfliktlinien innerhalb und zwischen den Flüchtlingsgruppen. Betrachten Sie da Frankfurt?

DEITELHOFF: Ja, das ist etwas, was uns interessiert und was wir in der Vergangenheit so nicht untersucht haben, weil wir auf internationale Konflikte fokussiert waren. Das Rhein-Main-Gebiet ist beispielsweise ein Hotspot des Salafismus. Es gibt ja nicht nur Konflikte zwischen Staaten, sondern auch in unserer eigenen Gesellschaft und Stadt. Das ist etwas, was wir stärker in Angriff nehmen.

Der lokale Aspekt also?

DEITELHOFF: Ja. Wir wollen der Stadt und der Region ein Angebot machen. Im Bundesland interessiert man sich ja nicht unbedingt für die großen internationalen Konflikte, sondern eher dafür, wie man Konflikte auf der kommunalen Ebene beseitigen kann...

...zwischen Frankfurt und Offenbach?

DEITELHOFF (lacht): Ich glaube nicht, dass wir diesen Konflikt lösen können.

Die HSFK ist interdisziplinär. Wie viele Mitarbeiter haben Sie denn?

DEITELHOFF: Wir haben derzeit um die 40 wissenschaftliche MitarbeiterInnen, die meisten sitzen hier in der Baseler Straße. Es gibt viele Kooperationsprojekte, ich selbst arbeite ja auch an der Universität, wir kooperieren auch mit anderen Stellen an der Uni und mit dem Exzellenzcluster Normative Ordnungen.

Aber ihre Mitarbeiter sind auch draußen in der weiten Welt?

DEITELHOFF: Ja, es gibt Fachleute, die sich Konflikte in Afrika anschauen und die vor Ort Befragungen durchführen. Wo die Daten sind, dahin gehen unsere Leute. Manchmal wird es aber zu gefährlich und wir können unsere Mitarbeiter nicht in bestimmte Regionen reisen lassen: Das ist nicht nur eine Versicherungsfrage; es geht um Verantwortung. Was sagt das Auswärtige Amt? Haben wir vor Ort Partnerorganisationen?

Würden Sie zurzeit in die Türkei gehen?

DEITELHOFF: Ich würde abraten. Die Gefahr, dass man verhaftet wird, ist nicht auszuschließen. Wir haben Mitarbeiter, die aus der Türkei stammen und die Vorsorge getroffen haben. Es ist schwierig.

Die Türkei ist Mitglied der Nato, wollte in die EU. Was passiert dort?

DEITELHOFF: Wir dachten, wir haben Brücken geschlagen, und jetzt bricht alles weg. Der Staat geht in die Autokratie.

Zurück zur HSFK. Was machen Sie mit ihren Erkenntnissen?

DEITELHOFF: Wir betreiben Grundlagenforschung, und die Konflikte der Welt geben uns die Themen vor. Wir haben aber auch einen Informations- und Beratungsauftrag. Wir informieren die Öffentlichkeit und wir beraten Parlamentarier und Ministerien im Land und im Bund, gar in Europa. Wenn die wissen, wir haben Expertise, bitten sie uns zu liefern. Etwa in Form von Hintergrundgesprächen oder sie bitten uns, bestimmte Fragen für sie zu analysieren. Zum Beispiel darüber, wie man Unternehmen in Konfliktbewältigung einbeziehen kann.

Gibt es das? Privatunternehmen, die sich da engagieren?

DEITELHOFF: Klar gibt es das. Die großen Player wie Shell, BP usw. sind mit ihren Produktionsstätten oft in Konfliktgebieten. Sie können ja nicht weg von dort, wo das Öl liegt. Shell hat, um nur ein Beispiel zu geben, für Richter in Nigeria spezielle Menschenrechtsschulungen angeboten. Oder Unternehmen sorgen in den Communities für die Gesundheitsversorgung.

Aber gerade Shell in Nigeria galt ja lange als fast schon Kriegstreiber?

DEITELHOFF: Viele Unternehmen haben früher die Rechtlosigkeit in den Ländern zu ihrem Vorteil ausgenutzt. Dann gab es große zivilgesellschaftliche Kampagnen gegen diese Unternehmen, das hat geholfen. Die Unternehmen versuchen heute, positiv in den Ländern einzuwirken.

Woran forschen Sie selbst, wenn Sie Zeit dafür haben?

DEITELHOFF: Mein großes Thema ist Macht und Widerstand. Es geht mir darum, wie Bewegungen sich verändern. Wie kommt es dazu, dass Gruppierungen glauben, sie müssten radikaler werden.

Wie funktioniert das?

DEITELHOFF: Wenn neue Bewegungen aufkommen, rütteln sie bildlich gesprochen noch radikal an den Toren der Macht, und je stärker ihre Ideen in der Bevölkerung Anklang finden, desto wahrscheinlicher, dass sich die Tore der Macht öffnen. In der Folge entradikalisieren sie sich, sie normalisieren sich. Es ist immer so, denken Sie an die Grünen. Die haben 1982 in Häkelpullovern im Bundestag gesessen. Heute haben sie Maßanzüge, sind ganz normal geworden, und jetzt rütteln andere am Tor.

Die AfD? Ist das die neue Opposition? Und wie wird sie in 20 Jahren aussehen? Koalitionspartner womöglich auch für die SPD, wie heute die Grünen für die CDU?

DEITELHOFF: Ich glaube nicht, dass die AfD im Bundestag bleibt. 60 Prozent ihrer Wähler haben sie aus Protest gewählt, um die anderen aufzuschrecken. In der Tat, jetzt sind die Tore der Macht für sie geöffnet, aber dass sie sich dort halten können, glaube ich nicht.

Ist die AfD eine legitime Stimme in der Flüchtlingsdebatte?

DEITELHOFF: Es gibt sie mit 13 Prozent, weil die Politik zu wenig über die Probleme gesprochen und gestritten hat. Wir müssen streiten! Aber wir dürfen den Ängstlichen nicht nach dem Mund reden. Frau Merkel hatte völlig recht: Wir schaffen das!

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