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Georg Popp war einer der ersten Forensiker, der die Daktyloskopie als Methode nutzte, um einen Mörder zu überführen.

Historisch

Wie der Frankfurter Georg Popp die Forensik revolutionierte

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Es waren blutige Fingerabdrücke, die 1904 Kriminalgeschichte schrieben und 1914 die Überführung eines Giftmörders, die weltweit für Aufsehen sorgte. Hinter all diesen Dingen steckt ein Mann, der die Forensik, wie wir sie heute kennen, mit begründet hat. Sein Name: Georg Popp.

Als Georg Popp die Räume des Geschäftshauses Zeil 69 betritt, bietet sich ihm ein Bild der Verwüstung. Die Schubladen im vorderen Raum sind durchwühlt, der Kassenschrank ist aufgerissen.

Überall laufen Polizeibeamte rum, es geht zu wie auf einem Jahrmarkt. Spuren werden gesichert, der Tatort wird vermessen. Der 44-Jährige, gut gekleidete Mann von großer Statur lässt sich davon nicht beeindrucken, er konzentriert sich auf zwei wichtige Merkmale, aufgrund derer er zu dem Tatort gerufen wurde. Am Hemdkragen von Hermann Lichtenstein befindet sich ein blutiger Fingerabdruck, auf einer Postkarte neben der Leiche ein kreisrunder Abdruck.

Brutaler Mord an Herrmann Lichtenstein

Popp ist Gerichtschemiker – er hat Chemie, Physik, Geologie und Mineralogie studiert – und beschäftigt sich seit rund drei Jahren intensiv mit der Daktyloskopie, also dem Verfahren zur Feststellung von Fingerabdrücken. Popp soll helfen, den mutmaßlichen Mord an dem beliebten Geschäftsmann Herrmann Lichtenstein aufzuklären. Die Kriminalbeamten hatten ihn gerufen, weil sich zu dieser Zeit niemand mit Fingerabrücken so gut auskennt, wie der Frankfurter Naturwissenschaftler.

Eigentlich ist Popp Nahrungsmittelchemiker aber Forensik und Toxikologie haben ihn schon immer sehr interessiert. Und er kennt sich in dem Metier richtig gut aus. Denn schon seit einigen Jahren wird er regelmäßig von Kriminalisten in Süddeutschland zu Ermittlungen herangezogen. Das wissen natürlich auch die Frankfurter Kriminalisten.

Falsche Spur

Die Daktyloskopie steht 1904 noch am Anfang, weshalb die blutigen Fingerabdrücke an Lichtensteins Kragen erst einmal noch nicht zur Überführung des Täters dienen können. Und Popp macht erst einmal einen Fehler. Denn er geht davon aus, dass der Abdruck von einer Frau stammt und führt die Ermittler auf eine falsche Fährte. Doch schnell werden dann doch die richtigen Täter ermittelt.

Schließlich überführt ein kleiner Spritzer Blut den Täter. Denn Popp hätte mit den vorhandenen Mitteln 1904 nicht glaubhaft machen können, dass der Fingerabdruck vom Mörder stammt und nicht später auf Lichtensteins Hemdkragen gelangt ist. Doch über den Abdruck lagert ein kleiner Blutspritzer, nach Form und Konsistenz frisches Blut. Der Spritzer muss also nach dem Abdruck auf den Kragen gekommen sein. Popp kann außerdem anhand der Papillarlinien feststellen, dass der Fingerabdruck von Bruno Groß‘ Ringfinger stammt. Popps Ausführungen überzeugen das Gericht, Bruno Groß und Friedrich Stafforts werden zum Tode verurteilt.

Das ist Popps großer Durchbruch – allerdings nur in Deutschland. Denn gerade die Daktyloskopie ist in anderen europäischen Ländern Anfang der 1900er Jahre noch eine höchst umstrittene Wissenschaft. Die Kriminaltechniker Europas setzen noch die Bertillonage zur Identifizierung von Verbrechern anhand ihrer Körpermaße ein und messen mühsam Schädel, Arme und Beine der Delinquenten.

Das Verfahren wird Anfang der 1880er Jahre eingeführt, um Wiederholungstäter identifizieren zu können. Elf Körpermaße des Täters – dazu zählt die Körperlänge, die Kopflänge und –breite sowie die Länge des linken Fußes und des linken Mittelfingers – werden notiert und mitsamt eines Fotos des Verbrechers auf einer Karteikarte aufgehoben. Doch das Verfahren ist aufwendig und punktuell ungenau – im Gegensatz zur Daktyloskopie.

Popp glaubt deshalb nach seinem Erfolg im Lichtenstein-Fall fest an die Daktyloskopie und beschäftigt sich in seinem Labor im Hinterhof der Niedenau 40 unweit der Taunusanlage nur noch mit der Forensik und der Toxikologie.

Weltweiter Ruhm

, während er Privat den größten Tiefpunkt erlebt. Denn während Popp die Grundlagen für sein sensationelles Gutachten zusammenträgt, erkrankt seine Frau Jenni Zinn. Er hat Jenni in New York geheiratet, am 23. November 1913 verstirbt sie nach etwa zwölf gemeinsamen Ehejahren.

Popp lässt sich von dem schweren Schlag aber nicht beirren. Zusammen mit seinem Assistenten Dr. Sieber experimentiert er weiter, besessen von dem Entschluss den vierfachen Giftmörder Hopf zu überführen. Und das gelingt ihm auch.

Einem Frankfurter gelingt der internationale Durchbruch

Nach diesem internationalen Durchbruch hetzt der mittlerweile 53-Jährige von Lehrgang zu Lehrgang, von einer Polizeischule zur nächsten. 1919 bezieht er den Lehrstuhl für wissenschaftliche Kriminalistik an der neugegründeten Frankfurter Universität.

Bis heute gilt er als Mitbegründer der mikroskopischen und naturwissenschaftlichen Kriminalistik. Die technischen Voraussetzungen haben sich natürlich verändert, doch die Grundsätze sind immer die gleichen geblieben. Popp reichte eine Vermessung des Tatorts nicht, er nahm Proben aus den Böden, ließ Fotos vom Tatort anfertigen und Trümmer sieben. Eine akribische Art der Spurensicherung, die noch heute in den meisten Fällen zum Erfolg führt. 

Angefangen hat alles mit einem blutigen Fingerabdruck, als Popp 44 Jahre alt war. Als er 1943 im Alter von 82 Jahren stirbt, hat er mit seiner Forschung und seinem Kampfgeist die Forensik revolutioniert. Eine Revolution, die bis heute ein großes Gewicht hat.

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