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Lebendig ist die Goethestraße nicht: Die großen Labels nutzen ihre Flächen zur Ausstellung vor allem auch für wohlhabende Touristinnen. Die alteingesessenen Geschäfte haben es mittlerweile schwer, Kunden zu ziehen und sich den Standort auf der Luxusmeile zu leisten.

Geschäftsleben

Frankfurter Goethestraße: Wenig Flair, viel Show

1905 zog das Geschäft von August Pfüller in die damals noch junge Goethestraße. In diesem Jahr wird das Modehaus 140 Jahre alt – und sieht sich dem steten Wandel der Luxusmeile ausgesetzt.

„Die Nähe zum Kunden ist uns sehr wichtig“, erzählt Benjamin Pfüller, während er durch den „August Pfüller Kids Store“ auf der Goethestraße führt – einem von zwei Modegeschäften der Familie Pfüller auf der Luxusmeile in der Innenstadt. Deshalb machen er und sein Bruder Felix sich auch keine Sorgen um die Zukunft des Geschäfts. „Ich habe schon große Bedenken, dass der Onlinehandel weiter wächst und sich der Einzelhandel dadurch ändert“, so Felix Pfüller. „Dass der stationäre Handel dadurch komplett wegfällt, kann ich mir aber nicht vorstellen.“

Und dennoch: Das Geschäftsleben auf der Goethestraße hat sich verändert. Viele Alteingesessene sind mittlerweile größtenteils von den großen Luxusmarken der Modebranche, sogenannten Mono-Labels, abgelöst worden. So reiht sich Prada an Jimmy Choo, Bogner, Hermès, Giorgio Armani, Burberry und andere große Namen.

„Früher war die Goethestraße ein viel bunterer Mix an hochpreisigen Geschäften, und zwischendrin gab es ein paar Luxusmarken“, erzählt Claudia Catacchio vom „Linda Schuhsalon“. Ihre Familie eröffnete 1983 den ersten Laden auf der Goethestraße. Später waren es drei Geschäfte, doch als es um die Verlängerung des Mietvertrags ging, musste das Familienunternehmen den großen Marken weichen. „Mehr als einen Laden kann sich hier keiner mehr leisten – zumindest nicht, wenn man Miete zahlen muss“, so Catacchio. Jahr um Jahr verschwanden so die Traditionsläden von der Goethestraße. Für diejenigen, die dort geblieben sind, heißt es, sich dem Wandel auf der Straße und in der Geschäftswelt anzupassen. Heute kommt es darauf an, aus den Geschäften auf der Straße herauszustechen. „Wir müssen uns schon sehr engagieren, um die Leute in die Läden zu locken“ sagt Felix Pfüller. Ihre Mitarbeiter seien daher genauso wichtig wie die ständige Umgestaltung des Sortiments und des Erscheinungsbildes. „Vor allem, weil die anderen Läden dafür sehr viel Geld in die Hand nehmen“, so Pfüller. Heute müsse man im Schaufenster schon zeigen, dass es im Ladeninneren etwas Ausgefallenes zu entdecken gibt. „Es ist nicht mehr so wie vor 20 Jahren, dass die Familien im Frühjahr in unseren ,Kids Store’ kommen und einmal den kompletten Grundbedarf für ihr Kind kaufen“, erzählt Benjamin Pfüller. „Heute wollen die Kunden für sich und ihre Kinder Dinge, die besonders sind.“

Diese Beobachtung hat auch Claudia Catacchio gemacht. „Mein Vater hatte sich vor einigen Jahren von bestimmten Marken verabschiedet, weil sie zu teuer waren. Nach solchen sehe ich mich jetzt wieder um“, erzählt die 40-Jährige.

Neben verlockenden Angeboten im Ladengeschäft gehört auch die Online-Präsenz heute zum Pflichtprogramm. Bei „August Pfüller“ hat man daher nicht nur einen Onlineshop. Auch über einen Shop auf Instagram sollen künftig immer mehr Kollektionen präsentiert und verkauft werden. Der „Linda Schuhsalon“ ist zwar in den sozialen Netzwerken vertreten, gegen einen Onlineshop sträubt sich Claudia Catacchio bisher allerdings. „Ich glaube, wir hätten mit unseren wenigen Mitarbeitern einfach ein zu großes Problem mit den Retouren“, sagt die 40-Jährige. Zudem sei es ihr wichtig, dass die Kunden sich vernünftig beraten lassen.

Der von den Alteingesessenen gepflegte persönliche Kontakt sei auch deshalb wichtig, weil die Straße an Persönlichkeit verloren habe, meint Rainer Brenner. Er ist seit 40 Jahren mit seinem Augenoptik-Geschäft auf der Luxusmeile ansässig und hat die Entwicklung dort aufmerksam verfolgt. „Es wäre schön, wenn zwischen den vielen Mono-Labels noch ein paar Geschäfte mehr wären, zu denen man als Kunde einfach gerne hinkommen möchte“, so Brenner. „Wer flanieren will, wird hier eigentlich enttäuscht“, meint der Augenoptiker.

Auch die heutige Goethestraße habe zwar noch immer ihren Reiz, es fehle ihr aber ein Alleinstellungsmerkmal. „Die Menschen, die Marken wollen, sind nicht mehr darauf angewiesen, in die Goethestraße zu kommen“, so Brenner. Denn Prada, Gucci und Co. sind auch online und in anderen Städten stark vertreten. Dass die Frequenz auf der Luxusmeile nachgelassen hat, habe aber mehrere Gründe. Denn auch der „normale Kunde“, der nicht nur bestimmte Marken sucht, gehe nicht mehr auf die Goethestraße, wie Claudia Catacchio feststellt.

Die sinkende Frequenz sei aber nicht nur ein Problem der Goethestraße, wie Joachim Stoll, Regionalvorsitzender des Handelsverbands Hessen-Süd in Frankfurt, anmerkt: „Das ist ein weltweites Phänomen.“ Viele der Mono-Labels hätten sich auch nicht des Profits wegen auf der Goethestraße angesiedelt, sondern vielmehr, um dort Präsenz zu zeigen, meint Stoll. Das habe allerdings auch Auswirkungen auf die anderen Läden. „In den letzten zehn Jahren sind wir praktisch mit Anfragen bombardiert worden, aus unseren Geschäften auszuziehen“, erzählen Claudia Catacchio und Rainer Brenner. Mittlerweile reagiere man darauf nicht mehr. Dass sie ihren Kunden immer luxuriösere Produkte anbieten muss, gibt Catacchio aber schon zu denken: „Muss ich denn immer verrücktere Sachen auffahren, um in der Goethestraße bleiben zu können?“

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