Gärtner Rainer Schecker und die Grüne-Soße-Königin Susanne Reichert knien im Oberräder Schnittlauchfeld: Die Kräutersaison hat begonnen und die Grüne Soße wird natürlich schon längst wieder in die typischen weißen Papierrollen gepackt. foto: michael faust
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Gärtner Rainer Schecker und die Grüne-Soße-Königin Susanne Reichert knien im Oberräder Schnittlauchfeld: Die Kräutersaison hat begonnen und die Grüne Soße wird natürlich schon längst wieder in die typischen weißen Papierrollen gepackt.

Oberrad: Frankfurter Nationalgericht

Frankfurter Grüne Soße regiert im Gärtnerdorf

  • vonStefanie Wehr
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Zum Gründonnerstag werden emsig die sieben Kräuter geerntet - und die Königin hilft mit

Rainer Schecker hat vor Ostern normalerweise keine Minute Zeit. Die Grüne-Soße-Produktion läuft auf Hochtouren, um das traditionelle Frankfurter Oster-Gericht rechtzeitig an den Mann zu bringen. In seinem "Gadde"-Betrieb werden im Akkord Kräuter gewickelt. Aber ein Foto auf dem Feld zusammen mit "Ihrer Hoheit, der Königin der Grünen Soße" Susanne I., das gebietet die Ehre. Dafür kommt der Gärtnermeister schnell vom Hof in der Teller-Siedlung runter in die Oberräder Felder gefahren. "Für die Grüne Soße mache ich alles", sagt er und lacht.

Dieses Jahr war beim Anbau der Kräuter wieder einmal alles anders als im Vorjahr. "Es war zu lange zu kalt und zu dunkel", fasst Schecker zusammen. "Die Kräuter sind trotzdem gut gewachsen, pünktlich zu Ostern ist es jetzt endlich warm geworden." So warm sogar, dass der Kerbel im Feld bewässert werden muss: Der Sprinkler sprüht in der warmen Nachmittagssonne auf Hochtouren Wasser.

Aber weil es bis vor Kurzem nachts teils bis minus zwölf Grad kalt war, ist der Sauerampfer noch ein bisschen zu klein, bemängelt Schecker. Er selbst habe "gebibbert und zu den Kräutern gebetet, damit es uns die Oster-Ernte nicht verhagelt."

Besonders frostempfindlich ist die Petersilie, erklärt der Kräutergärtner. Weil sie im Winter auch im dunklen Gewächshaus nicht groß wird, wird sie ohnehin bis zur Ostersaison aus Italien geliefert. Dort wächst das siebente Kraut einfach schneller als am Main. Somit hält sich Schecker an die selbst auferlegten Regeln: Eines der sieben Grüne-Soße-Kräuter darf offiziell im Winter aus der Fremde kommen, damit darf das Produkt immer noch "Frankfurter Grüne Soße" heißen. So will es das amtliche EU-Siegel für die Kräutermischung, um das Schecker lange gekämpft hat. Die restlichen sechs müssen hier wachsen, denn "wo Frankfurt drauf steht, muss auch Frankfurt drin sein".

Auch die Grüne-Soße-Königin Susanne Reichert ist in diesen Tagen vielbeschäftigt: Gerade hat sie online in einer Art Kochkurs das Grie-Soß-Rezept ihrer Großmutter an interessierte Gruppen weitergegeben. "Bei uns zu Hause gibt es oft Grüne Soße. Meine Kinder mögen sie zu allem, sogar zu Fischstäbchen." Besonders gut passe sie auch zu Schnittlauch-Pfannkuchen. Susanne Reicherts Tipp: Die Kräuter zusammen mit einem Becher saurer Sahne im Mixer zerkleinern, dann einen Becher Quark und einen Becher Schmand unterrühren, mit Senf, Salz und Pfeffer und etwas Zitrone abschmecken. "Manche geben zerkleinerte hartgekochte Eier dazu, aber das mag ich persönlich nicht so." Lieber ganz klassisch und ohne Schnörkel zu halben Eiern und Kartoffeln dazu.

Auch Gärtner Thomas Jung ist in diesen Tagen im Stress. Rund 1000 Päckchen Kräuter gehen in der Osterwoche für gewöhnlich über die Tresen seiner Marktstände. Zum Vergleich: An einem Januar-Wochenende sind es höchstens 40. Alles wächst auf den Feldern des Oberräder Familienbetriebs. Nur die zarten Kressetriebe sprießen im Schutz der Gewächshauses. Auch der Borretsch wächst unterm Glasdach.

"Alle sieben Kräuter haben es geschafft", berichtet Jung, die Erleichterung ist ihm anzuhören. "Bei der Kresse sah es bis vor ein paar Tagen richtig eng aus. Jetzt, wo es warm ist, ist sie aber geradezu explodiert", sagt Jung.

Zu Ostern hat die Grie Soß zwar Hochkonjunktur, aber die Kräuter werden zur Grill- und Biergarten-Saison den ganzen Frühling und Sommer über gern verspeist. Immer wieder muss deshalb neu ausgesät werden. "Kresse wird jede Woche ausgesät, Kerbel und Borretsch alle zwei Wochen", erklärt Schecker. "Wir haben unsere eigenen Oberräder Sorten, die stammen noch von meinem Großvater."

Schecker hat sich mit seinem Betrieb, den er von seinem Großvater übernommen hat, ganz auf die sieben Kräuter spezialisiert. Der 53-Jährige hält frohen Mutes die Stellung in Oberrad. Die Anzahl der Betriebe, die im Gärtnerdorf Kräuter und Gemüse produzieren, schrumpft indes. Von mehr als 100 Betrieben nach dem Zweiten Weltkrieg ist nur noch eine Handvoll übrig geblieben. Stefanie Wehr

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