Wirkt angesichts der drängenden Probleme irgendwie zynisch: ?Hallo, viel Freude in der Schule? steht an der Tafel. Nicht immer können Grundschulen das halten, was hier Erstklässlern an ihrem ersten Schultag versprochen wird.
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Wirkt angesichts der drängenden Probleme irgendwie zynisch: ?Hallo, viel Freude in der Schule? steht an der Tafel. Nicht immer können Grundschulen das halten, was hier Erstklässlern an ihrem ersten Schultag versprochen wird.

Frankfurt trifft der Lehrermangel besonders hart

Frankfurter Grundschulen vom Lehrermangel gebeutelt

  • Stefanie Liedtke
    vonStefanie Liedtke
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Weil in Hessen Lehrer fehlen, versucht Kultusminister Alexander Lorz (CDU) nun schon, pensionierte Pädagogen zurück an die Schulen zu holen. In Frankfurt ist die Lage besonders prekär, doch eine schnelle Lösung wird es nicht geben.

Die Lage spitzt sich zu: Schon jetzt finden Schulleiter für ihre Frankfurter Grundschulen kaum noch qualifizierte Vertretungskräfte, in den nächsten Jahren dürfte es noch deutlich schwieriger werden. Was in ganz Hessen ein Problem ist, trifft die Mainmetropole und den Norden des Landes besonders hart. Während Kultusminister Alexander Lorz (CDU) versucht, mit persönlichen Anschreiben Pensionäre für den Schuldienst zurückzugewinnen (wir berichteten), wird das die Probleme in der Mainmetropole kaum lösen können.

Aktuell sind laut Lorz zwar noch alle Stellen besetzt, aber wehe, wenn ein Kollege ausfällt. Im Dezember waren allein in Frankfurt 78 Stellen zwar formal besetzt, wegen Langzeiterkrankungen, Mutterschutz, Elternzeit oder aus anderen Gründen mussten dafür jedoch Vertretungskräfte einspringen. Und das sind immer seltener ausgebildete Grundschulpädagogen. Wolfgang Kreher, Leiter des Staatlichen Schulamts Frankfurt, räumt das ein: „Im Vertretungsvertrag haben wir auch eine ganze Reihe von Menschen, die eine andere Ausbildung haben, mit einem anderen Hochschulabschluss, oder einem Meistertitel.“ Dass die Situation für „uns im Amt und für die Schulen schwierig“ sei, daraus macht Kreher keinen Hehl. Er hofft auf Hilfe aus Wiesbaden: „Es gibt Überlegungen im Ministerium, uns zu helfen, die muss ich jetzt erst mal abwarten.“

Wie schwierig die Suche nach qualifizierten Vertretungskräften ist, weiß die Leiterin einer Frankfurter Grundschule: „Das können Sie vergessen“, schimpft die Rektorin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte aus Furcht vor Disziplinarmaßnahmen. Sie erzählt von einer Liste mit potenziellen Vertretungskräften, die Schulleiter beim Staatlichen Schulamt anfordern könnten. „Da steht alles drauf, was Sie sich vorstellen können“, berichtet die Rektorin unter anderem von einer Lehrerin mit ausländischem Examen, die zwar qualifiziert gewesen sei, nur leider kein Deutsch sprach.

Bestenfalls die Hälfte der Kandidaten auf der Schulamtsliste antworte auf Anfragen und sei in der Regel ohnehin bereits vergeben. „Und wenn Sie tatsächlich mal jemanden finden, der qualifiziert ist, bekommt der natürlich auch Angebote von anderen Schulen und sucht sich das attraktivste aus.“ Brennpunktschulen hätten da schlechte Karten, dabei brauchen sie die Unterstützung am dringendsten. „Am Ende stellt man irgendjemanden ein, bloß damit die Stunden abgedeckt sind, und hat dann nur Ärger, weil die Leute unqualifiziert sind“, schildert die Rektorin, die dazu übergegangen ist, lieber gleich auf eigene Faust nach geeigneten Kandidaten zu suchen, statt auf die Schulamtsliste zu vertrauen.

Dass Frankfurt vom Lehrermangel besonders betroffen ist, wundert die Schulleiterin nicht: „Frankfurt ist unattraktiv.“ Viele Schulgebäude seien marode, die Klientel schwierig: „Auf der einen Seite sehr viele sozial Schwache und viele Kinder, die kaum noch Deutsch sprechen, auf der anderen Seite die Helikopter-Akademiker-Eltern.“ Teuer sei die Stadt obendrein. „Und wenn man einmal in Frankfurt drin ist, dauert es sehr lange, bis man wieder raus kommt“, erklärt die Schulleiterin, dass das Staatliche Schulamt wegen der angespannten Situation Versetzungsanträge, gerade bei Mangelfächern wie Sport oder Religion, in der Regel ablehne.

Weil seit Beginn des Schuljahres auch zahlreiche Flüchtlingskinder in Hessen die Schulbank drücken, ist der Bedarf weiter gestiegen. Mehr als 300 Kinder sind in den Klassen 1 bis 4 allein in der Mainmetropole hinzugekommen – das entspricht der Größe einer dreizügigen Grundschule.

Spannend wird es im Sommer: Dann ist laut Kreher an den Grundschulen „eine mittlere zweistellige Zahl“ Stellen zu besetzen, hinzu kommen weitere Stellen im niedrigen zweistelligen Bereich an den Förderschulen. „Da werden wir sicherlich Schwierigkeiten haben, diese Stellen zu besetzen“, prognostiziert Kreher. Die Grundunterrichtsversorgung, betont Kreher, sei mit qualifizierten Lehrkräften gesichert. Für Zusatzangebote aber wie die individuelle Förderung müsse man aber bisweilen auf weniger qualifizierte Kräfte zurückgreifen.

Dass vor allem Lehrer für die Kleinsten fehlen, hat auch mit der Bezahlung zu tun: Zwar absolvieren sie eine vergleichbare Ausbildung wie ihre Kollegen an Gymnasien und Realschulen, bekommen pro Monat aber mehr als 500 Euro weniger als die Kollegen.

Von Stefanie Liedtke

Der Lehrermangel an Grundschulen in Frankfurt hat schwerwiegende Folgen. Nicht nur für die Schüler, auch die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte ist enorm gestiegen.

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