Anders als andere vor ihm kam Felix Freiherr Stregen von Glauburg nach zweijähriger Recherche zu dem Schluss, dass der Bau der Semmeringbahn technisch möglich ist.
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Anders als andere vor ihm kam Felix Freiherr Stregen von Glauburg nach zweijähriger Recherche zu dem Schluss, dass der Bau der Semmeringbahn technisch möglich ist.

Stadtteilhistoriker

Ein Frankfurter in Habsburger Diensten

Andreas Eichstaedt schreibt ein Buch über Felix Freiherr Stregen von Glauburg.

Frankfurt. Beim Stichwort Semmeringbahn werden nicht nur Eisenbahn-Fans hellhörig. Schließlich gilt die 42 Kilometer lange Teilstrecke der österreichischen Bahn über den Semmering-Pass, die 1854 eröffnet wurde, als technische Meisterleistung. Die erste Hochgebirgsbahn der Welt zählt seit 1998 zum Unesco-Weltkulturerbe. Was aber kaum jemand weiß: Zu ihrer Entstehung trug auch ein Frankfurter bei, nämlich Felix Freiherr Stregen von Glauburg. Über ihn forscht derzeit Andreas Eichstaedt aus Eschersheim - als Stadtteilhistoriker, begleitet und unterstützt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft (SPTG).

Dass er sich mit diesem Feldmarschall-Leutnant in habsburgischen Diensten beschäftigt, hängt mit einer Reise in die österreichische Hauptstadt Wien zusammen, die Eichstaedt Anfang der 1960er-Jahre mit seinen Eltern und seiner Großmutter unternahm. Auch ein Besuch im Heeresgeschichtlichen Museum stand damals auf dem Programm. "Das war quasi Pflicht", erinnert sich der 68-Jährige. Denn seine Großmutter war Tochter eines Artillerie-Obersten der k.-u.-k.-Armee. Bei dieser Gelegenheit erhielt der damals Zehnjährige ein kleines rotes Büchlein mit dem Titel "Taschenbuch der Militärgeschichte Österreichs", in dem er in den folgenden Jahrzehnten immer wieder blätterte. Irgendwann stieß er dort auf einen kleinen Absatz über einen gewissen Felix von Stregen, gebürtiger Frankfurter, der "im Auftrage des Erzherzogs Johann die erste Trassierung der Semmering-Bahn" geleitet habe.

Eichstaedt, ebenfalls aus Frankfurt stammend, wurde neugierig. Wer war dieser Mensch, der an einem so wichtigen Eisenbahn-Projekt mitgewirkt hatte? Wie hatte es ihn vom Main in die Dienste der Habsburgermonarchie verschlagen? Als der historisch interessierte Jurist nach 25-jähriger Tätigkeit als Geschäftsführer der Frankfurter Saalbau GmbH in den Ruhestand ging, fand er endlich die Zeit, diesen und anderen Fragen nachzugehen, mit Hilfe etlicher Archive in Deutschland und Österreich. Seine Ergebnisse fasst er gerade zu einem Buch zusammen, das in den nächsten Monaten erscheinen soll, unter dem Titel "Ein ,Genie' aus Frankfurt in Habsburgischen Diensten".

Die Formulierung kommt nicht von ungefähr: Felix von Stregen, Jahrgang 1782, trat nämlich als 17-Jähriger in die Genie-Akademie ein, eine technische Militärakademie in der Habsburgermonarchie, deren Gründung auf Prinz Eugen zurückzuführen ist.

Die Berufswahl dürfte auf seinen Vater zurückzuführen sein, der als österreichischer Feldkriegskassenoffizier 1777 nach Frankfurt geschickt worden war und dort die Tochter eines wohlhabenden Eisenhändlers geheiratet hatte.

Der Sohn blieb in den Diensten der Donaumonarchie und nahm unter anderem als Offizier an den Napoleonischen Kriegen teil, als Mitglied des Ingenieur-Corps. Dessen Mitglieder hätten sich in Friedenszeiten vor allem um den Unterhalt der Festungen und Militärbauten gekümmert, sagt Eich-staedt. Während des Kriegs ging es hingegen mehr um die richtige Verteidigung von Brückenköpfen oder darum, wie Festungen am besten gestürmt werden könnten. "Das war die technische Elite", sagt der Stadtteilhistoriker.

So erklärt sich auch, dass irgendwann Erzherzog Johann auf den gebürtigen Frankfurter aufmerksam wurde, als General-Geniedirektor oberster Chef des Militär-Ausbildungswesens. Johann hatte einen Plan: die Steiermark, wo seine politischen und wirtschaftlichen Interessen lagen, zu stärken.

Zum Beispiel dadurch, dass die Eisenbahnverbindung von Wien nach Triest, den wichtigsten Handelshafen der Monarchie, durch die Steiermark verlaufen sollte. Diesem Vorhaben stand allerdings der knapp 1000 Meter hohe Semmering im Weg. Davon ließ sich der Erzherzog jedoch nicht abhalten. Auf seine Bitten hin genehmigte der Kaiser Trassenstudien für das Projekt. Für diese Aufgabe wählte Johann vier seiner besten Ingenieur-Offiziere aus dem Genie-Korps aus und bestimmte Felix von Stregen zum Leiter, der bereits in etlichen habsburgischen Garnisonen tätig gewesen war.

Kein einfacher Job, wie aus einem Bericht Stregens hervorgeht: "Die Bahnlinien an diesen Abhängen beiläufig auszumitteln und denselben zu nivellieren, ist eine Arbeit, von deren Mühsamkeit in aller Hinsicht man sich kaum einen Begriff machen kann." Dennoch kam er nach zweijähriger Schufterei zum Ergebnis, dass die Bahnlinie technisch möglich ist - anders als viele andere Ingenieure jener Zeit. Der weitere Verlauf der Geschichte sollte ihm Recht geben. Nach weiteren Projekten im Auftrag des Erzherzogs brachte er es 1848 sogar zum Direktor der Genie-Akademie. Zu seinem Ruhestand 1851 wurde er in den Freiherrnstand erhoben.

Trotz seiner Tätigkeit für die Habsburgermonarchie habe Felix von Stregen immer die Verbindung nach Frankfurt gepflegt, sagt Eichstaedt - wohl auch wegen seines Bruders. 1816 legte er den Frankfurter Bürgereid ab und heiratete anschließend Marianne Eleonore Freiin von Glauburg aus einer Frankfurter Patrizierfamilie, an die heute noch die Glauburgstraße im Nordend erinnert. Weil diese keine männlichen Vertreter mehr hatte, fügte er bei der Ernennung zum Freiherrn mit kaiserlicher Erlaubnis noch den Namen von Glauburg hinzu und nannte sich seitdem Felix von Stregen von Glauburg.

Seinen Ruhestand konnte er jedoch nur drei Jahre genießen: Bei einem längeren Aufenthalt in Frankfurt starb er 1854 im 71. Lebensjahr und erhielt ein prunkvolles Begräbnis. In einem Nachruf bedauerte das "Frankfurter Intelligenzblatt", dass man mit ihm einen der "höchst gestellten Mitbürger" verliere.

Brigitte Degelmann

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