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Frankfurter Hochschulprojekt lehrt die Kunst der Filmmusik

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Von: Michelle Spillner

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Das ist das Ziel, darum geht es: Hinten ein Kurzfilm und davor die Kammerphilharmonie Frankfurt, dirigiert von einem Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, der die Musik zum Film geschrieben hat. FOTO: HfMdk
Das ist das Ziel, darum geht es: Hinten ein Kurzfilm und davor die Kammerphilharmonie Frankfurt, dirigiert von einem Studierenden der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, der die Musik zum Film geschrieben hat. © HfMDK

Von der Komposition bis zum Dirigieren: An der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst lernen Studenten, den richtigen Ton zu treffen.

Frankfurt -Musik in Filmen spielt eine essenzielle Rolle, wird aber oft gar nicht bewusst wahrgenommen. Für die 13 Studierenden der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfDMK), die am Projekt "Musik für Stummfilme" teilnehmen, spielt Filmmusik ein halbes Jahr lang die Hauptrolle. Am Ende ihrer Arbeit liegen ihre Partituren auf den Notenständern der Musiker der Kammerphilharmonie Frankfurt. Sebastian Rausch - er studiert Lehramt für Gymnasien im siebten Semester - hebt den Taktstock, auf der Leinwand hinter den Musikern startet der Film von Benjamin Fiedler, und der junge Filmemacher wird nun zum ersten Mal erleben, wie ein Film live vertont wird - sein Film "Bring me back" mit einer Klangwelt, die Sebastian Rausch komponiert hat. Ein Gänsehautmoment.

Seit 2008 gibt es das Unterrichtsangebot "Musik für Stummfilme" an der HfDMK, nun wurde es mit dem zweiten Preis des Hessischen Hochschulpreises für Exzellenz in der Lehre 2021 ausgezeichnet, der mit 30 000 Euro dotiert ist.

Frankfurter Projekt in vielfacher Hinsicht besonders

Das Lehrangebot "Musik für Stummfilme" ist in vielfacher Hinsicht besonders. Es werden Kurzfilme ausgesucht, zu denen die Studierenden Musik komponieren. Meistens verfügen die Filme bereits über eine Tonspur, die für die Arbeit entfernt wird. Es geht darum, eine eigene Klangwelt zu realisieren. Dafür müssen die Studierenden verschiedene Disziplinen zusammenbringen und erhalten auf vielen Ebenen Anstoß für die künstlerische Arbeit: Sie beschäftigen sich mit der Kunstform Stummfilm, sie komponieren die Musik, entscheiden über die Instrumentierung, schreiben die Noten nieder, knien sich dafür in die Theorie und dirigieren selbst live die Kammerphilharmonie Frankfurt, die seit rund zehn Jahren Projektpartner ist.

Frankfurter Projekt-Highlight: Einmal im Leben ein Orchester dirigieren

Das intensive halbe Jahr wird für viele nicht nur zum Höhepunkt ihrer Studienzeit, sondern vielleicht sogar zu einem Höhepunkt ihres Lebens. Die Gelegenheit, selbst ein Orchester zu dirigieren und eigenes kreatives Gedankengut auf diese Weise tatsächlich umzusetzen, ist selten, denn es ist einfach zu kostspielig, ein ganzes Orchester für eine derartige Arbeit zu finanzieren. Das Fach Dirigieren beschränkt sich deshalb meistens auf die Theorie. Und es kommt auch nicht so häufig vor, dass eigene Kompositionen außer von einem selbst auch noch von jemand anderem, gar von einem Orchester, gespielt werden. "Musik für Stummfilme" ist dank der finanziellen Förderung der Hessischen Film- und Medienakademie und der Gesellschaft der Freunde und Förderer der HfDMK möglich.

Das Projekt begann mit einem einjährigen Seminarthema "Stummfilmvertonung" gemeinsam mit der Goethe-Universität 2008. Ralph Abelein, an der HfDMK unter anderem Professor für Schulpraktisches Instrumentalspiel und Leiter des Projekts, führte es an der HfDMK fort. Die Beschäftigung mit Stummfilmen und Musik berge "eine Art von Kreativität, die einem so nicht gegeben ist", sagt er.

Die Synchronisation muss genau passen

Für die Studierenden geht es dabei auch darum, sich von klassischer Stummfilmmusik ebenso zu lösen wie von Hollywood. Sie machen die Erfahrung der Leitung des Orchesters, einer "Masse, die eine gewisse Trägheit hat", und sie erspüren vielleicht erstmals, "wieviel Freiheit kann und muss ich den Musikern geben, um sie in ihrer Individualität nicht zu beschneiden", schildert Abelein. Dazu kommt, dass die Synchronisation zum Film perfekt sein muss,dass der Ton des Entsetzens auch genau in dem Moment erklingt, in dem die Kinder im Film "Ich gehe nicht zum Zahnarzt" von dem unheilvollen bevorstehenden Besuch erfahren.

Unterstützt werden die Studierenden vom Lehrenden-Team Abelein, Prof. Michael Böttcher, Peter Fulda und Prof. Gerhard Müller-Hornbach sowie der Projektkoordinatorin Stefanie Januschko. Sie erhalten außerdem Workshops und Begleitseminare. Im Projekt arbeitet die HfDMK mit der Hochschule Darmstadt, der Goethe-Universität Frankfurt und der Uni Kassel zusammen.

Vorführungen in Frankfurt im November

Aktuell werden die nächsten Filme ausgesucht, danach beginnt die Konzeptionsarbeit, im Oktober das Dirigiercoaching, dann folgt ein Probenwochenende. Die filmisch-musikalischen Gesamtkunstwerke werden - wie jedes Jahr - im November präsentiert, seit der Pandemie in einer Hybridversion aus reduzierter Präsenz-Veranstaltung und Stream - ein besonders Erlebnis. Die Musik gibt den Filmen eine entscheidende Atmosphäre, kann Handlungen gar wenden, hinterfragen, bereichern und stützen. Musik dramatisiert und verhöhnt, unterstreicht und widerspricht, sorgt für Doppelbödigkeit zwischen Ton und Bildern, mal mit Witz, mal mit großer Ernsthaftigkeit, lässt gruseln und träumen. Welch entscheidenden Anteil Musik im Film hat, wird spätestens dann deutlich, wenn man in den Genuss zweier unterschiedlicher Vertonungen zum selben Film kommt.

Die Abschlussaufführungen von "Musik für Stummfilme" sind am 14., 15. und 16. November im kleinen Saal der HfDMK und werden auch wieder gestreamt. Den Mitschnitt des Livestreams von 2021 gibt es kostenlos im Internet unter www.youtube.com/watch?v=a0zBswdXjAc

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